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Radio hören oder: Mit den Ohren sehen

Zuhören ist großartig, man kommt an Stellen, die Zugucken nicht erreicht. Und es eröffnet die wunderbare Welt des Radios und der Podcasts.

Von Meike Winnemuth

Winnemuth: Mit den Ohren sehen

Kolumnistin Meike Winnemuth hört am liebsten Radio, Podcasts, Hörbücher. Und zwar konzentriert, nicht nebenbei.

Derzeit habe ich kein Sofa. Das alte ist verschenkt und abgeholt, das neue noch nicht da; vielleicht kommt es nächste Woche, vermutlich aber nicht. Sofas kommen ja aus Prinzip sechs Wochen später, als man denkt. Was ich bis dahin habe: einen Teppich und jede Menge Sofakissen. Liebe Güte, habe ich viele Sofakissen. Auf dem Sofa war mir das nie aufgefallen.Kein Sofa zu haben ändert alles. Wo soll ich denn jetzt bloß schreiben? Am Tisch etwa? Wo kommen wir denn da hin. Im Winter wird diese Kolumne in stabiler Rückenlage geschrieben: auf dem Laptop, auf dem Sofa, mit besagten Kissen im Rücken. Ich muss wohl ins Bett umziehen zum Schreiben. Schlimm, wenn man plötzlich seinen Arbeitsplatz verliert.

Wenn ich nicht im Bett sitze, liege ich zwischen all den Kissen auf dem Teppich und gucke an die Decke. Ich habe weitgehend das Lesen eingestellt: zu unbequem da auf dem Rücken, ein Buch oder Tablet zu halten. Was ich stattdessen tue: hören. Radio, Podcasts, Hörbücher. Und zwar konzentriert, nicht nebenbei.

Zugehörtes fährt mir ungefiltert ins System

Es gibt einen Test. Schnell, was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie ans Meer denken? Wer hier spontan das Rauschen der Wellen nennt (wie ich), nimmt die Welt primär über die Ohren wahr, heißt es, wer stattdessen den Anblick des Wassers nennt – das Blau, die Gischt, die Weite –, sei mehr ein Augenmensch. Ich habe mich zeitlebens für einen Augenmenschen gehalten, für eine Beobachterin, Leserin, Filmguckerin; ist es möglich, dass ich mich all die Jahre geirrt habe?

Denn Zugehörtes fährt mir direkt und ungefiltert ins System. Zuhören kommt an Stellen, die Zugucken nicht erreicht. Vielleicht weil man ihm mehr ausgeliefert ist: Die Augen kann man schließen, die Ohren müsste man sich mühsam verstopfen. Lese ich Zeitung, entscheide ich, wohin meine Augen wandern, was ich wahrnehmen will. Beim Radiohören hingegen wird mein Hirn je nach Inhalt druckbetankt oder zur Sickergrube.

Am liebsten sind mir hier auf meinem Teppich die Podcasts, die ich erst spät entdeckt habe: handverlesene Audioperlen im Abonnement, die Filetspitzen der Radiokultur, freigeschnitten von jedem Geschnatter. Das sind Klassiker wie „Radiowissen“ vom BR oder das „Zeitzeichen“ vom WDR, das einem täglich eine Viertelstunde lang einen Jahrestag serviert wie die Uraufführung von „Ich denke oft an Piroschka“, die erste Auslieferung eines ICE oder den Geburtstag des Schweizer Matriarchatsforschers Johann Jakob Bachofen – alles Themen, für die ich mich freiwillig nie interessiert hätte. Aber eine Viertelstunde täglich Sachen hören, von denen man noch nie gehört hat, halte ich für das beste Herzund Hirntraining der Welt. Zum Durchpusten der Gehörgänge dann „Sanft & Sorgfältig“ von Olli Schulz und Jan Böhmermann oder „Wir sind die Freeses“. Wenn ich eh schon auf dem Boden liege, kann ich mich auch gleich vor Lachen auf ihm wälzen.

In 20 Minuten die meisten Leute in den Schlaf geredet

Eine der besten Entdeckungen aber ist der „Einschlafen Podcast“ von Toby Baier. Seit gut fünf Jahren setzt er sich einmal die Woche auf sein Sofa (der hat eins!) in Kakenstorf bei Buxtehude und erzählt was ausgesucht Langweiliges aus seinem Leben, ob von der letzten Fahrradtour oder über das Backen von Blätterteigtaschen. Wen das noch nicht schafft, der schläft spätestens dann ein, wenn Baier aus Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ oder aus „Nils Holgersson“ vorliest. Er empfiehlt, den Ruhezustand-Timer im Handy auf 20 Minuten einzustellen – bis dahin hat er die meisten Leute in den Schlaf geredet.

Zuhören also: dolle Sache. Ein Möbel weniger, eine Welt mehr.

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