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10. Juli 2009, 14:08 Uhr

Träume einer verwundeten Stadt

Bei seinem Amoklauf im März tötete Tim K. 15 Menschen - und verwundete einen ganzen Ort. Wie sind die Einwohner in der schwäbischen Kleinstadt Winnenden mit der Tat umgegangen? Wie fassen sie Mut? stern.de hat sich vor Ort umgehört - und verstörte, aber starke Menschen getroffen. Von Malte Arnsperger

Zoom
Winnenden, Amoklauf, Tim, Hahn, Albertville-Realschule

Nach dem Amoklauf beherrschte der Trauerflor das Stadtbild Winnendens, sogar das Ortsschild signalisiert den Schmerz. Doch nun will die Stadt in die Zukunft schauen© Sascha Schuermann/ddp

Im Ahornbaum vor dem Haupteingang der Albertville-Realschule streiten sich lauthals zwei Amseln. Aus der Schule dringt kein Laut. Seit dem 11. März steht das graue Gebäude leer, seit dem Tag des Amoklaufs von Winnenden. Plötzlich öffnen sich die Glastüren, ein Mann strebt mit schnellen Schritten über den Platz. Es ist der Hausmeister - der einzige, der die Schule regelmäßig betritt. "Man wird ständig daran erinnert, was hier passiert ist. Das kann man nicht einfach abstreifen", brummt er und verschwindet im Hausmeisterhäuschen, keine fünfzig Meter von der Schule entfernt. An der Bushaltestelle wartet der Bus, Linie 334. Das Ziel steht in der digitalen Anzeige über der Frontscheibe: "Weiler zum Stein". Das war der Wohnort von Tim K.

Vier Monate ist es her, dass der 17-Jährige ehemalige Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden acht Schülerinnen und einen Schüler, drei Lehrerinnen, einen Klinikmitarbeiter sowie in Wendlingen einen Verkäufer und einen Kunden eines Autohauses erschoss und sich anschließend selbst tötete. Elf Schüler und Lehrer wurden verletzt.

Das Meer aus Teddybären, Blumen und Kerzen vor der Realschule ist nach Ostern entfernt worden. Lehrer und Schüler sind am 18. Mai einige hundert Meter weiter in ein flaches, U-förmiges Gebäude gezogen, das innerhalb von drei Wochen aus 165 Containern auf einem Sportplatz aufgebaut wurde. "Wir freuen uns, dass ihr wieder da seid" steht in grüner Schrift auf einem Transparent über dem Eingang. Auf dem Parkplatz davor sitzt der Wachmann einer privaten Sicherheitsfirma in seinem Auto und beäugt jeden, der sich der Schule nähert.

Normaler Alltag ist das nicht. Doch wie kann der nach so einer Tat überhaupt aussehen?

Bedürfnis nach Nähe

Im Raum 404 der Containerschule hat sich Astrid Hahn, die Schulleiterin, ihr Büro eingerichtet. Es ist stickig an diesem Julinachmittag in ihrem kaum 20 Quadratmeter großen Zimmer. Doch sie will sich nicht beklagen. "Wir sind froh, dass wir wieder zusammen sind", sagt sie. Astrid Hahn spricht von "kleinen Schritten in eine gewisse Normalität". Wichtig sei vor allem der Umzug in diese Behelfsschule gewesen, sagt sie. Nach dem Amoklauf waren die Klassen auf verschiedene Schulen verteilt. "Diese Trennung war sehr belastend für alle, denn gerade nach einem so schrecklichen Ereignis hat man das Bedürfnis nach Nähe."

Die 57-jährige Rektorin ist eine zierliche Frau mit gelockten grauen Haaren und goldumrandeter Brille. Sie sitzt sehr aufrecht, spricht mit fester Stimme, sie fixiert den Gesprächspartner. Doch wenn sie vom 11. März erzählt, wird spürbar, welche Kraft sie diese Disziplin kostet, ihr Blick wird sanft, ihre Worte leiser. "Ich bin in fast allen Räumen gewesen. Ich habe die fürchterliche Angst der Schüler mitbekommen. Ich habe alle Toten gesehen." Sie hält inne, schluckt. "Alle." Das werde sie nie aus dem Gedächtnis löschen, "das wird das eigene Leben für immer beeinflussen."

Aber Astrid Hahn, die nach dem Amoklauf drei Wochen in Kur verbracht hat, will ihr eigenes Leiden nicht in den Vordergrund stellen. Viele Lehrer und Kinder hätten das Erlebte trotz der intensiven psychologischen Betreuung noch nicht bewältigt, meint die Rektorin. "Es gab Schüler, die lange Zeit gar nicht in die Schule kamen. Einige Kinder leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten, andere können kaum schlafen oder haben Panikattacken." Immer noch sei ständig mindestens ein Psychologe im Einsatz, um den Schülern zu helfen. Auch einige Lehrer seien in psychologischer Behandlung und könnten nur einige Stunden unterrichten. "Auf dem Weg zu einer gewissen Normalität ist es wichtig anzuerkennen, dass der 11. März zu unserem Alltag dazugehört", sagt Hahn.

Die Schulleiterin will den Blick von Schülern und Lehrern auch in die Zukunft lenken. "Wir haben einen Traum", hatte Hahn bei der Trauerfeier im März erklärt. Ihre Schüler tragen diesen Satz mittlerweile auf ihren T-Shirts. "Wir haben den Traum, in unser altes Schulgebäude zurückzukehren", erklärt Hahn. "Wir haben aber auch den Traum, näher zusammen zu rücken." Dieser Traum ist schon erreicht, das Zusammengehörigkeitsgefühl sei seit dem Amoklauf sehr groß, versichert sie.

"Ich sehe die leeren Augen von Tim"

Schülerin Anastasia pflichtet ihrer Rektorin bei. "Die Gemeinschaft ist viel besser geworden. In unserer Klasse wird keiner mehr ausgegrenzt, wie es vorher war." Bis zum 11. März bestand Anastasias Klasse, die 10d, noch aus 28 Schülern, jetzt sind sie noch 22. Die 16-jährige Anastasia saß im Raum 301, als Tim K. hereinstürmte und sechs von ihnen erschoss, darunter auch Anastasias Freunde Selina und Ibrahim. "Wenn ich an diesen Tag denke, sehe ich vor allem die leeren Augen von Tim", sagt Anastasia und berührt das kleine Kreuz, das an einer Kette um ihren Hals baumelt. "Wie er da mit seiner Pistole stand, nachdem er gerade Ibrahim erschossen hatte. Man konnte durch ihn durchsehen, wie bei einem Blinden." Anastasia, ein hübsches Mädchen mit langen dunkelbraunen Haaren, sitzt auf dem Ledersofa im Wohnzimmer ihrer Eltern. Sie berichtet ruhig, wirkt fast gelassen. "Es geht mir gut", sagt sie mit fester Stimme. "Ich habe sehr schnell gelernt, damit fertig zu werden."

Anastasias Eltern Apostolos, 43, und Venedia, 37, sitzen neben ihrer ältesten Tochter und schauen skeptisch. Vater Apostolos: "Sie war nicht normal. Sie war sehr gereizt in den Wochen danach und ist manchmal beim kleinsten Anlass wie ein Vulkan hochgegangen." Aber Anastasia hat Freunde, mit denen sie das schreckliche Ereignis verarbeiten kann. "Ich habe viel mit meinen Mitschülern über den Amoklauf gesprochen. Auch im Unterricht reden wir immer darüber, wenn jemand Probleme hat."

In Anastasias Leben spielt zudem der Sport eine große Rolle und hat ihr in den vergangenen Wochen den nötigen Halt gegeben. "Das wichtigste war, dass ich gleich mit dem Fußball weitergemacht habe. Das lenkt mich ab, und da vergesse ich alles um mich herum." Vier Tage nach dem Amoklauf hat sie bereits wieder im Trikot des SV Winnenden auf dem Platz gestanden. Das Spiel gegen die Mädels von SV Remshalden wurde nur angepfiffen, weil Anastasia darauf bestanden hat. Sie schoss ein Tor, einen Elfmeter. So gestärkt hat das quirlige Mädchen dann auch die schriftlichen Realschul-Abschlussprüfungen im Mai erfolgreich absolviert. "In Mathe habe ich eine 3,6 geschrieben. Das war sogar besser als sonst", sagt Anastasia stolz. Im September will sie eine Lehre als Grafikerin anfangen. "Erstmal freue ich mich aber auf den Urlaub in Griechenland."

"Leute sind ernster geworden"

Anastasia scheint weiter zu sein als andere, die noch nicht zur Normalität zurück gefunden haben. Claudio Panzanaro, dem ein kleiner Computerladen am Rande der Fußgängerzone gehört, will bleibende Veränderungen in der Stimmung in der Stadt und dem Verhalten der Winnender Bürger erkannt haben. "Winnenden hat sich komplett geändert. Davor war es eine sehr fröhliche Stadt", sagt Panzanaro und lehnt sich über seine Ladentheke. "Jetzt sind die Leute echt komisch. Sie sind ernster geworden. Sie schauen nicht mehr nach vorne, sondern fragen sich immer noch. Warum? Dabei kann das nur Tim K. beantworten."

In einem Regal an der Wand stehen die Plastikhüllen von hunderten Computerspielen, "aber Killerspiele verkaufe ich nicht", beeilt sich Panzanaro anzumerken. Doch nicht nur, weil er aufgefordert wurde, die lebensgroße Pappfigur der Action-Heldin Lara Croft aus seinem Ladenfenster zu entfernen, spürt Panzanaro den seit dem Amoklauf gewachsenen Unmut der Bevölkerung gegenüber Computerspielen. Er gibt zu: "Es gab einen ernsten Umsatzeinbruch in den Wochen danach. Bis heute hat sich das nicht erholt."

Wenige hundert Meter von Panzanaros Geschäft entfernt hat ein Großkonzern seinen Sitz. Kärcher, Weltmarktführer in der Fertigung von Hochdruckreinigern. Hartmut Jenner ist Vorsitzender der Geschäftsführung und ein Kind Winnendens. In seinem Unternehmen, sagt Jenner, spüre man nichts mehr von der gedrückten Stimmung, die unmittelbar nach dem Amoklauf geherrscht habe. Der berufliche Alltag überdecke dies. Anders sei es in der Stadt selber. "Winnenden ist sicher nicht gelähmt. Aber das Geschehene ist irgendwie in fast jedem Gespräch präsent". Jenner ringt um die richtigen Worte, um die Gemütslage in seiner Heimatstadt akkurat zu beschreiben. Eine "gewisse Art von Melancholie" könne er bei den Leuten immer noch erkennen, sagt Jenner dann, der selber oft an den Amoklauf erinnert wird, da seine Jogging-Strecke an der Albertville-Realschule vorbeiführt.

Die Stadt probt derweil kleine Schritte in eine Normalität, die es nicht mehr gibt. Am 10. und 11. Juli soll es wieder ein großes Fest geben, das erste seit dem Amoklauf. Die neue Umgehungsstraße um Winnenden wird eingeweiht, das soll "kräftig gefeiert" werden, wie es im Rathaus heißt. "Die Tat darf die positive Entwicklung unserer Stadt nicht hemmen", wünscht sich der Oberbürgermeister. Aber wie unsicher sich die Stadt in ihrem Bemühen um Alltag ist, zeigt das abgeblasene Stadtfest, das eigentlich auch Mitte Juli stattfinden sollte - "aufgrund der Art der Veranstaltung und auch des Zeitpunktes", lautet die Begründung für die Absage. Die einen finden es unpassend, wieder zu feiern. Die anderen sehnen sich danach. Vor allem die Jugendlichen, bei denen dieses Fest sehr beliebt war. Beispielsweise Anastasia: "Die Absage war schon hart. Denn bei dem Fest ist mal was los in Winnenden. Dann müssen wir halt nach Stuttgart zum Feiern."

Von Malte Arnsperger
KOMMENTARE (8 von 8)
 
jockel_us (10.07.2009, 18:37 Uhr)
Öffentliche Gebäude sicherer nun?
Das ist doch die zentrale Frage hier, jenseits vom Befindlichkeitsschmus. Un die klare Antwort ist: nein. Andernfalls wäre es nicht möglich gewesen, daß eine Ausländerin in einem Dresdner Gerichtssaal von einem durchgeknallten Rassisten/Neonazi ermordet wird, und ihr Mann schwer verletzt.
Redet Euch nicht auf den Staat raus. Die Staatsgewalt geht von Euch aus. Auf dem Papier wenigstens.
Klaus_P (10.07.2009, 14:41 Uhr)
Und Deutschland...
...exportiert weiter fleissig Waffen in die ganze Welt...
Mikeorganizer (10.07.2009, 14:39 Uhr)
Recht habt ihr darüber zu schreiben...
dies ist wohl sicherlich ein trauriger Moment, nicht nur das hier Menschenleben zu betrauern sind, sondern das mit diesem Geschehniss unsere Demokratie, Menschenwürde und vor allem unsere Freiheit, geschickt von der Regierung zu Grabe getragen wurde.
Remember, remember the 11th of march
MahindraX (10.07.2009, 13:25 Uhr)
Es ist zu hoffen
dass sich die Betroffenen in psychotherapeutischer Behandlung befinden und nicht in psychologischer.
Letztere gibt es gar nicht.
Windukeit (10.07.2009, 13:10 Uhr)
Es ist ein insgesamt...
...guter Artikel, der die Stimmung in der Stadt gut widerspiegelt. Ich habe bis jetzt noch nichts über die Aufarbeitung der Geschehnisse in Winnenden in den Medien erfahren. Dies hier war das erste Mal und es stimmt nachdenklich. Ich finde das Thema aktuell und habe mich oft gefragt, wie das Leben in einer Stadt nach so einem Vorfall weitergeht.
mArQz (10.07.2009, 12:55 Uhr)
Hirnlos hat Recht
Dieses Thema wurde schon so oft in den Medien berichtet, dass es nichts bei den Aktuellen Themen zu suchen hat. Natürlich hätter er es netter verpacken können, hat er aber nun mal nicht! Und wenn die Möglichkeit besteht, seine eigene Meinung zu einem Thema zu schreiben, muss man sich nicht wundern, dass es auch zu solchen Kommentaren kommt. Wartet ab, morgen rollen wir das Thema Killerspiele erneut auf *kotz*
matbln (10.07.2009, 12:40 Uhr)
Herzlich Willkommen bei Hirnlos
@ Hirnfreund - ein solch tragisches und ernstes Thema so zu kommentieren ist wahrlich traurig und schaebig.
Mag sein, dass Dir der Artikel nicht gefaellt oder auch, dass Du ihn fuer sinnlos erachtest aber behalte diese zwei Zeilen doch dann bitte fuer Dich.
Es gibt vermutlich genug Menschen die auch noch in mehreren Jahren das Beduerfnis verspuehren werden, darueber zu reden und fuer die dieses Thema nie beendet sein wird.
Nimm Ihnen nicht die Wuerde mit Deinem laecherlichem Kommentar.
Hirnfreund (10.07.2009, 12:16 Uhr)
Herzlich Willkommen bei den Nachrichten von Vorgestern
Sowas nennt man dann Sommerloch :-)
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