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"Dieser Fisch gehört nicht auf den Teller"

Überfischung ist ein globales Problem: Weltweit werden mehr Fische aus dem Meer geholt als wieder nachwachsen. Im stern.de-Interview erläutert WWF-Expertin Heike Vesper, ob es bald keine Schollen mehr gibt - und welchen Fisch wir guten Gewissens essen können.

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Zuchtlachs aus Norwegen in Schottland ist laut WWF annehmbar. Den aus Chile sollte man meiden: keine nachhaltige Zucht

Obwohl Fisch als sehr gesund gilt, rät der WWF vom Verzehr einiger Arten ab. Warum?

Weil wir bereits jetzt ein globales Überfischungsproblem haben: Weltweit werden mehr Fische aus dem Meer geholt als nachwachsen können. Internationale Experten haben zudem nachgewiesen, dass die Fischerei die größte Bedrohung für das Ökosystem Meer darstellt. Gezogene Netze etwa können große Schäden an Kaltwasserkorallen oder Seegraswiesen anrichten. Hinzu kommen die so genannten Beifänge: Lebewesen, die versehentlich in den Netzen landen und wieder über Bord geworfen werden. In der Regel überleben sie das jedoch nicht.

Lassen Sie uns zunächst über die Überfischung reden. Wenn es so weiter geht, wird es also irgendwann keine Scholle, keinen Kabeljau mehr geben?

Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht. Zwar ist der Bestand an Kabeljau in der Nordsee in den letzten Jahren um 80 Prozent geschrumpft. Vom Aussterben bedroht ist er aber noch nicht. Viele meinen, dass sich bei überfischten Arten die Fischerei irgendwann nicht mehr lohnt und eingestellt wird. Dann können sich die Bestände theoretisch erholen.

Wie schätzen Sie die Chance ein, dass das tatsächlich passiert?

Beim Hering in der Nordsee etwa hat es funktioniert. Es gibt aber auch andere Beispiele. In Kanada wurde 1992 die Fischerei auf Kabeljau eingestellt - und der Fisch ist nicht wiedergekommen.

Was ist da schief gelaufen?

Man hat dort durch die Fischerei das ökologische Gefüge zerstört. Shrimpsbestände und Kabeljaubestände halten sich im Gleichgewicht: Die Kabeljau fressen die Shrimps, und die Shrimps fressen die Kabeljaueier. Als es nicht mehr genug Kabeljau gab, haben die Shrimps sich explosionsartig vermehrt. Nun fressen sie so viele Kabeljaueier, dass sich der Bestand wohl nicht mehr erholen kann.

Wenn man das so hört, kann einem direkt der Appetit auf Fisch vergehen.

Es gibt durchaus Fischarten, deren Bestände in gutem Zustand sind. Forelle, Seelachs, Hering oder Sprotten beispielsweise kann man bedenkenlos kaufen. Auch Fisch mit Biozertifikat wie Biolachs oder Bioshrimps aus Aquakulturen ist eine gute Wahl.

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Ist denn Fisch aus Aquakulturen generell eine bessere Wahl als wilder Fisch?

Leider nein. Denn die Fische müssen auch in den Aquakulturen etwas essen - und in der Regel essen Fische: Fisch. Es gibt also eine eigene Fischerei für die Aquakulturen, daher wird kein einziger Fisch weniger gefangen, seitdem es sie gibt.

Auf welche Arten sollte man lieber ganz verzichten?

Es gibt einige Arten, die vom Aussterben bedroht sind, zum Beispiel Roter Tunfisch und Dornhai - letzteren kennen wir als Schillerlocke. Diese Fische gehören nicht auf den Teller. Bei anderen Arten ist es nicht so einfach: Bei Kabeljau etwa gibt es fünf Bestände im Nordostatlantik: Dreien davon geht es sehr schlecht, zweien gut.

Wie soll man als Verbraucher da noch durchblicken?

Eine Garantie bekommt man nur, wenn der Fisch unabhängig geprüft wird. Das macht der Marine Stewardship Council, kurz MSC, der auch ein Gütesiegel vergibt. Fisch mit diesem Siegel findet man immer häufiger im Supermarkt: Iglo etwa hat seine gesamte Fischstäbchenproduktion auf MSC-Fisch umgestellt, auch die Firmen Frosta und Friedrichs bieten Fisch mit MSC-Siegel an. Bei Frischfisch hat sich das Siegel bisher leider noch nicht durchgesetzt.

Bei Fisch ohne Siegel kann man ja im WWF-Fischführer nachschlagen, ob er umweltverträglich gefangen wurde...

Richtig, unser Fischführer teilt die Fischarten in drei Kategorien ein: "gute Wahl", "zweite Wahl" und "lieber nicht". Sie können ihn bestellen oder im Internet ausdrucken, ins Portemonnaie stecken und als Orientierungshilfe zum Einkaufen mitnehmen.

Von welchen Kriterien hängt es ab, wie ein Fisch eingeordnet wird?

Wir haben verschiedene Punkte berücksichtigt, zum Beispiel: Was passiert bei Überfischung? Tiefseefischarten wie Rotbarsch oder Haie werden sehr spät geschlechtsreif. Wenn man da einmal zu viel rausholt, dauert es besonders lange, bis sich der Bestand erholt. Außerdem schauen wir uns an, welche Fischereitechnik zum Einsatz kommt. Bei Seezunge beispielsweise und bei Scholle wird der Meeresboden regelrecht umgepflügt - deshalb raten wir vom Verzehr ab. Dasselbe gilt für die Beifänge.

Wie viel machen die Beifänge überhaupt aus?

Weltweit werden rund 90 Millionen Tonnen Fisch angelandet, und 30 Millionen Tonnen Beifänge kommen noch obendrauf. Das geht vom Wurm oder Seestern bis hoch zu Walen. Man geht davon aus, dass jährlich etwa 300.000 Wale und Delfine in den Netzen sterben, dazu 100 Millionen Haie, außerdem Meeresschildkröten und Seevögel wie Albatrosse. Viele dieser Arten sind vom Aussterben bedroht.

Wir bringen also das Ökosystem Meer aus dem Gleichgewicht, weil wir zu viel Fisch essen?

Das Problem liegt eher bei der Politik: In den letzten Jahren hat die EU Höchstfangmengen angesetzt, die bis zu 45 Prozent höher lagen als die Empfehlungen wissenschaftlicher Experten. Doch es stimmt: Der Fischverbrauch steigt, vor allem in den westlichen Ländern - weil Fisch aus gesundheitlichen Gründen anderem tierischen Eiweiß vorgezogen wird. Würde sich jeder an die Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler halten und zweimal in der Woche Fisch essen, hätten wir ein noch größeres Problem: So viel würden die Meere gar nicht hergeben.

Interview: Angelika Unger
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