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Süß - und sicher?

Eine neue Studie stellt den Süßstoff Aspartam wieder unter Krebsverdacht. Die Daten haben Mängel, verdienen aber Beachtung.

Richtig beliebt waren sie nie: Obwohl kalorienarm und zahnschonend, haftet Süßstoffen das Image der Künstlichkeit an. Derzeit macht die Substanz Aspartam wieder Schlagzeilen: Sie soll laut einer italienischen Studie bei Ratten Krebs verursacht haben. Der Forscher Morando Soffritti und seine Kollegen vom Krebsforschungszentrum in Bologna fütterten 1800 Tiere bis zum Tod mit verschieden hohen Dosen. Sie fanden bei Tieren, die Aspartam fraßen, häufiger Lymphdrüsenkrebs und Leukämien. Speziell Weibchen erkrankten öfter als Kontrolltiere - sogar bei eher niedrigen Dosierungen.

Die neue Studie widerspricht zahlreichen Untersuchungen, die Aspartam für sicher befanden. Die EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA hat jetzt damit begonnen, die Daten sorgfältig zu prüfen. Immerhin handelt es sich um eine groß angelegte und lang andauernde Studie.

Studie wirft Fragen auf

Zu einem Verzicht auf Aspartam rät die Behörde bislang nicht. Auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält einen Verzicht nicht für nötig: "Es gibt bisher keinen Anlass zur Panik. Aspartam gilt immer noch als sicher und verträglich", erklärt Hans-Jürgen Altmann vom BfR.

Bislang lasse die Studie aus Bologna noch viele Fragen offen, etwa die, warum die Ratten so lange untersucht wurden: "Es ist erst einmal richtig, dass man Langzeitstudien durchführt. Aber Krebs ist auch eine Alterserkrankung: Wenn Sie drei Jahre lang Ratten beobachten, sterben auf jeden Fall Tiere an Krebs - egal, ob sie Aspartam gefressen haben oder nicht."

Schon 1996 sorgte Aspartam für Wirbel

Derzeit ist der Süßstoff in weltweit 6000 Lebensmitteln enthalten. Über seine Risiken wurde und wird gestritten. In einigen Studien gab es Hinweise, dass Aspartam im Zusammenhang mit Hirntumoren stehe. Für besonders viel Wirbel sorgte 1996 eine Untersuchung des prominenten amerikanischen Neurologen John Olney: Er und einige Kollegen hatten beobachtet, dass seit den 80er Jahren vermehrt Amerikaner an solchen Geschwulsten erkrankten, und schlossen auf einen Zusammenhang zwischen Krebs und Süßmittel.

Ihre These wurde jedoch von zahlreichen Wissenschaftlern erschüttert. Nicht zuletzt, weil die Hirntumorrate in den USA seit 1973 angestiegen war - als Aspartam noch gar nicht auf dem Markt war. In der EU wurde es zuletzt 2002 wissenschaftlich beurteilt und für sicher befunden. Als akzeptable Tagesdosis gelten 40 Milligramm pro Kilo Körpergewicht. Das entspricht mehr als zehn Dosen mit dem künstlichen Mittel gesüßter Light-Limonade. Den alltäglichen Pro-Kopf-Verbrauch schätzen die italienischen Forscher jedoch selbst auf weniger als ein Zehntel dieser Menge.

Vorsichtige Gelassenheit

In Europa werden Lebensmittel-Zusatzstoffe laufend weitergeprüft, auch wenn sie bereits lange auf dem Markt sind. Sollte sich der Krebsverdacht also erhärten, müsse die EFSA Aspartam neu bewerten, sagt BfR-Experte Altmann. Einstweilen rät er zu vorsichtiger Gelassenheit: "Es gibt keinen Süßstoff, der völlig unumstritten ist. Daher sollte man generell keine großen Mengen schlucken, öfter mal den Wirkstoff wechseln oder auf Süßstoffkombinationen zurückgreifen."

Nicole Heissmann/print

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