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Blattgold, ein glänzendes Geschäft

Im fränkischen Schwabach sitzt der größte Blattgoldproduzent Europas. Das hauchfeine Edelmetall ist auf der ganzen Welt begehrt. Ein Besuch in der Werkstatt.

Von Irmgard Hochreither

  Das fertige Blattgold wird per Hand zwischen Papierseiten gelegt – und geht als Büchlein zu 25 Stück in den Handel

Das fertige Blattgold wird per Hand zwischen Papierseiten gelegt – und geht als Büchlein zu 25 Stück in den Handel

Alles vibriert. Der Fußboden, die Fensterscheiben, die alten Goldwagen in den Vitrinen, die gerahmten Meisterbriefe an der Wand, ja selbst die vergoldete Nachbildung von Michelangelos berühmtem David. Ein eigenwilliger, dumpfer Sound erfüllt den Empfangsraum der Firma Noris Blattgold in Schwabach.

Das rhythmische Hämmern und Dröhnen kommt von unten. Als übte irgendwo im Kellergeschoss eine Heavy-Metal-Band für ihren nächsten Auftritt und hätte die Verstärker auf Anschlag gedreht. Damit erübrigt sich auch die Frage, warum sich Europas größter Blattgoldproduzent in einer ehemaligen Ockermühle ein paar Kilometer außerhalb des fränkischen Fachwerkstädtchens niedergelassen hat. Die einsame Lage am Waldrand dient dem Schutz lärmempfindlicher Bürger. Denn ganz offenbar macht es ordentlich Krach, einen zarten Hauch von Edelmetall herzustellen. "Da unten liegt der Hammerraum", erklärt Goldschlägermeister Dieter Drotleff das dumpfe Beben, "da gehen wir später runter."

Seit dem 16. Jahrhundert gilt Schwabach als Zentrum des Goldschlagens. Noch 1927 arbeiteten 120 Goldschlägereien in der Stadt. Geblieben sind vier. Noris Blattgold gehört als europäischer Marktführer zu den Großen im Gewerbe. Rund 40 Prozent der weltweiten Nachfrage werden von hier aus bedient. Das liegt auch am idealen Standort für die Verarbeitung des empfindlichen Edelmetalls. Denn die Stadt in der Nähe von Nürnberg ruht in einem Sandkessel, der die Luftfeuchtigkeit konstant hält. Sie sollte zwischen 60 bis 70 Prozent liegen, wäre sie höher, klebte das Material und würde fleckig.

  Meister Dieter Drotleff zeigt, wie das Gold einst mit Muskelkraft geschlagen wurde

Meister Dieter Drotleff zeigt, wie das Gold einst mit Muskelkraft geschlagen wurde

Kaum einer kennt die Finessen der Blattgoldproduktion besser als der 62-jährige Dieter Drotleff. Seit 47 Jahren übt der Franke sein Handwerk aus und sagt voller Stolz: "Ich bin der älteste aktive Goldschlägermeister Deutschlands." Dann öffnet der Mann die Tür zu einem Raum, der mit Schränken und Gerätschaften vollgestopft ist; "das ist das Herz der Firma." An der Längsseite der Wand stehen dicht an dicht die Tresore, in denen das kostbare Metall aufbewahrt wird. An der Stirnseite haben die Schmelzöfen ihren Platz, in der Mitte die Walzmaschinen.

"Wir verarbeiten nicht nur Gold", erzählt Drotleff, "sondern auch Silber, Platin, Palladium und Kupfer." Ein paar Goldkörner rieseln durch seine Hand in ein Gefäß, "hier, nehmen Sie mal", mit einem kleinen Grinsen reicht er das Goldtöpfchen weiter, "ganz schön schwer, was? Etwa 1200 Gramm. Sieht nach wenig aus, aber was Sie da in der Hand haben, kostet etwa 36.000 Euro. Dafür kriegen sie schon ein ganz nettes Auto."

Dünn wie Fensterglas

Bei 1250 Grad wird das Goldgranulat eingeschmolzen, in eine Barrenform gegossen und anschließend durch Walzmaschinen gedreht, die auf eine Erfindung von Leonardo da Vinci zurückgehen. Die Technik der konischen Walzen sorgt dafür, dass der 20 mal 4 mal 0,5 cm große Goldbarren von Durchgang zu Durchgang immer länger wird, dabei aber seine Breite von vier Zentimetern behält.

  Das eingeschmolzene Goldgranulat wird zu einem Barren gegossen

Das eingeschmolzene Goldgranulat wird zu einem Barren gegossen

Zwischen den Walzvorgängen muss das Gold immer wieder bei 600 Grad weichgeglüht werden, sonst würde es reißen. Nach zahllosen Walz- und Weichglühprozeduren ist ein etwa 1,5 Meter langes goldenes Band entstanden, 23 Karat, dünn wie Zeitungspapier. "Aber noch lange kein Blattgold", sagt Dieter Drotleff. Schon als kleiner Junge habe ihn das glänzende Metall fasziniert, erzählt der Meister. Er habe "Die Schatzinsel" verschlungen und die Abenteuergeschichten der Goldsucher. Ganz schnell gerät er ins Schwärmen. "Kein Metall lässt sich so dünn schlagen. Bis zu einem vierzehntausendstel Millimeter. Das heißt, Sie legen 14 000 Blättchen aufeinander und haben einen Millimeter. Es ist so dünn", sagt er mit glänzenden Augen, "da kann man durchschauen wie durch Fensterglas."

Pro Tag verarbeitet Noris drei Kilogramm Gold im Wert von rund 100.000 Euro. Und aus einem Kilo Gold werden am Ende bis zu 100.000 hauchfeine Blättchen des edlen Metalls. In den Handel gehen sie als Büchlein zu 25 Stück. Aus einem Gramm lassen sich bis zu 1,7 Quadratmeter vergolden. Je nachdem, wie dick man auftragen möchte.

"Hier, so eine 50-Gramm-Münze reicht aus, um das Reiterstandbild von August dem Starken in Dresden zu vergolden", sagt Drotleff, fügt mit einem kleinen Augenzwinkern hinzu: "Und Sie haben sogar noch was übrig."

Echte Handarbeit

Nach dem Vor- und Dünnwalzen wird das Goldband in vier Zentimeter große Quadrate geschnitten, und von Frauenhänden – Noris beschäftigt 80 Angestellte – mittig auf kachelgroßes Papier gelegt, alte Telefonbuchseiten. Gold, Telefonbuch, Gold, Telefonbuch, Gold, so lange, bis 1500 Blättchen aufeinanderliegen.

Eine Ledermanschette hält den Packen zusammen, der schließlich im Untergeschoss zum ersten Mal unter den Hammer kommt. Über Stunden drischt "die Quetsche", der automatische Hammer, auf das Bündel ein, bis die Blättchen 14 mal 14 Zentimeter groß und ein tausendstel Millimeter dünn sind. "Aber das ist immer noch kein Blattgold", schreit Dieter Drotleff gegen den Höllenlärm an. Nach der Hammerattacke wird das Gold von einer eigens entwickelten Maschine in neun Teile geschnitten.

Dann platzieren die Frauen die Quadrate mit Ebenholzzangen erneut mittig auf Papier. Das Päckchen mit diesmal 1200 Blättchen wird in eine Ziegenledermanschette gepackt und erneut mit Schlägen traktiert. Dann ein weiteres Mal geschnitten und geschlagen, bis es so dünn ist, dass man durchschauen kann. "Jetzt", sagt Dieter Drotleff, "können wir es endlich Blattgold nennen."

  Hauchdünnes Luxusgut: Blattgold haftet gut – auch an Händen

Hauchdünnes Luxusgut: Blattgold haftet gut – auch an Händen

Ganz zum Schluss wird das geschlagene Edelmetall mit dem Schnittkarren in die gewünschte Konfektionsgröße geschnitten und in Handarbeit zwischen Seidenpapier drapiert. Manchmal hilft es, die Blättchen ganz vorsichtig in die richtige Position zu pusten. Dann ist das Büchlein mit den hauchzarten Goldbögen versandfertig.

In Russland ist Blattgold ausgesprochen beliebt

Blattgold aus Schwabach wird in 50 Länder der Erde exportiert. Auch Leime, Pinsel und Grundierungen gehören zum Angebot. "Alles, was der Vergolder braucht, bekommt er bei uns", sagt Drotleff und fügt hinzu, "das meiste Gold geht derzeit nach Russland." Es verhalf zum Beispiel dem Moskauer Bolschoi Theater und dem Neptunbrunnen in Sankt Petersburg zu neuem Glanz. "Im Bolschoi haben sie allein bei der Innenauffrischung fünf Kilo Blattgold verarbeitet. Aufgetragen mit Pinseln aus Feehaar, die werden aus dem buschigen Schwanz sibirischer Eichhörnchen hergestellt. Die Renovierung soll insgesamt etwa eine Milliarde Euro gekostet haben."

Doch nicht nur die Russen lassen es funkeln. Fränkisches Edelmetall findet sich auf der Kuppel des Pariser Invalidendoms, in der Maria-Magdalena-Kirche in Jerusalem, auf den Luxuslimousinen arabischer Ölscheichs oder auf der Berliner Siegessäule. 2010 spendierte die Stadt ihrer verehrten "Goldelse" 1,2 Kilo Schwabacher Blattgold für ein komplettes Make-over.

Das alles spricht für glänzende Geschäfte. Juniorchef Armin Haferung, der die 1876 gegründete Firma nun in vierter Generation leitet, wirkt hochzufrieden und auch ein bisschen stolz auf die Leistung seines Unternehmens. "Gold", philosophiert der 40-Jährige, "wirkt wie ein Magnet. Keiner braucht es wirklich, aber jeder will es haben." An der Wand in seinem Büro hängt eine vergoldete Fender Stratocaster. Das Geschenk eines befreundeten Vergolders.

"Die Scorpions hatten bei ihm eine solche Rockgitarre für eine ihrer Abschiedstourneen bestellt. Da hat er für mich eine mitgemacht. Dabei spiele ich gar nicht Gitarre", sagt Haferung, "aber ich habe mich sehr gefreut. Sie ist ein echter Eyecatcher."

Vergoldete Yachten und Flugzeuge

Blattgold sei in Mode, "die Nachfrage steigt ständig. In den letzten Jahren haben wir festgestellt, dass es vermehrt im hochwertigen Interior-Ausbau für Yachten, Flugzeuge und Appartements verwendet wird. Vor allem in diesen Multimillionärsyachten werden Unmengen von Gold verbaut. Nicht nur das Material an sich, auch die Aufbringung ist sehr teuer."

Ein Klassiker: Edelmetall als Zeichen von Macht und Status. "Wenn Staatsbesuch kommt", sagt der studierte Maschinenbauer Haferung, "wird Blattgold gebraucht. Auch für die Auffrischung von Schloss Elmau wurde vor dem G-7-Gipfel Gold aus unserem Haus geordert." Ein weiterer Verkaufsschlager sei das essbare Blattgold. In der Spitzengastronomie, aber auch in privaten Küchen werde gern mit optischen goldenen Akzenten gekocht. "Es soll ja gesund sein", kommentiert Haferung mit einem feinen Lächeln. Tatsächlich verwies bereits die naturheilkundige Hildegard von Bingen auf die heilende Wirkung des magischen Stoffs bei Gicht, Fieber und Taubheit.

An einer Wand hängt der Goldschläger-Meisterbrief von Armin Haferung. Mit einem Anflug von Wehmut verweist er darauf, dass er wohl der letzte und der jüngste Meister dieser Zunft sei. Denn seit 2002 existiert der Handwerksberuf nicht mehr. "Die Innung hat sich aufgelöst." Die Goldschläger gehören zur aussterbenden Art und werden seither von "Metallbildnern" abgelöst. Ein Stückchen uralte Tradition, geopfert auf dem Altar der Moderne.

Doch immerhin: Haferung und seine Mitarbeiter repräsentieren die Verbindung zwischen Alt und Neu. Goldschlägermeister Drotleff stand noch am Schlagstein und drosch mit Muskelkraft und einem zwölf Kilo schweren Hammer auf das Metall ein. Längst haben Maschinen diesen mühsamen Job übernommen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, ließ der Juniorchef zusätzliche Sondermaschinen für seine Blattgoldproduktion entwickeln und bauen, setzt aber ganz bewusst weiter auch auf Handarbeit. "Das Material ist ja so hauchdünn, dass wir ständig zwischen Totalzerstörung und höchster Qualität balancieren. Wir würden zu viel riskieren, wenn wir jeden Produktionsschritt automatisieren würden."

Ein Hauch von Magie bleibt. Und die Volksweisheit: Handwerk hat goldenen Boden.

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