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Salz ist besser als sein Ruf

Jahrzehntelang haben sich Bluthochdruck-Patienten mit fadem, salzarmem Essen gequält - womöglich umsonst: Viele Experten glauben, dass Salzverzicht bei Bluthochdruck kaum hilft.

Jahrelang haben Ärzte Menschen mit Bluthochdruck zu kochsalzarmer Ernährung geraten. Doch der Effekt dieser Maßnahme ist Experten zufolge eher gering: "Nur bei Patienten, die empfindlich auf Salz reagieren, sinkt dadurch der Blutdruck", sagt Ingomar-Werner Franz, leitender Arzt der Reha-Klinik Wehrawald in Todtmoos im Schwarzwald. Das sei etwa bei jedem zweiten Betroffenen der Fall. Und auch bei diesen bringe Kochsalzreduktion relativ wenig. Wichtiger sei eine gesunde Ernährung.

Ähnlich sieht das Ingo Füsgen, Professor für Geriatrie an der Universität Witten/Herdecke. Er warnt zudem davor, dass eine kochsalzarme Diät bei Senioren zu einem gefährlichen Natriummangel führen könne.

Bei Bluthochdruck hilft Abnehmen

Die Empfehlung, bei Bluthochdruck (Hypertonie) wenig Salz zu essen, stammt Füsgen zufolge aus den 50er Jahren. "Man entdeckte damals, dass ein Indianerstamm in Brasilien sich völlig salzfrei ernährte und Bluthochdruck dort überhaupt nicht vorkam", berichtet er. Aus dieser Feststellung leiteten Forscher die These ab, dass Salzverzicht den Blutdruck senkt.

"Man hat dabei aber vergessen, dass bei Bluthochdruck viele Lebenseinflüsse von Bedeutung sind", sagt der Mediziner. Selbst so genannte salzsensitive Patienten könnten ihren Blutdruck etwa durch Abnehmen wesentlich stärker senken als durch salzarme Ernährung. "Fünf Kilo weniger bringen mehr als jegliche Salzreduktion", sagt Füsgen.

Nur Salz-Empfindliche profitieren

Die These, dass Salz den Blutdruck erhöht, erklären Mediziner damit, dass Salz Wasser bindet. Wenn mehr Salz im Blut ist, steigt dadurch auch das Blutvolumen und drückt stärker auf die Wände der Blutgefäße. Der Hypertonie-Experte Walter Zidek von der Charité in Berlin erklärt: "Wenn man auf Salz verzichtet, nimmt die Flüssigkeitsmenge in den Gefäßen ab, und damit sinkt auch der Druck."

Doch Mitte der 90er Jahre fanden Forscher heraus, dass dieser Mechanismus vor allem bei Patienten funktioniert, die empfindlich auf Salz reagieren. Dabei handelt es sich Zidek zufolge um Menschen, die Salz gut in der Niere konservieren, anstatt es mit dem Urin auszuscheiden.

Ob ein Hypertoniker allerdings salzsensitiv ist, lässt sich nur herausfinden, wenn der Patient ein bis zwei Wochen lang salzarm isst und sein Arzt dann die Auswirkung auf den Blutdruck prüft. Zidek hält eine salzarme Ernährung für Hypertoniker nach wie vor für generell empfehlenswert.

Verstecktes Salz macht Verzicht schwer

"Kochsalz-Restriktion bringt auf jeden Fall etwas, sie ist nur schwer zu realisieren", sagt der Arzt. Menschen in Deutschland konsumierten heute im Schnitt 15 Gramm Kochsalz pro Tag - in der Steinzeit sei es weniger als ein Gramm gewesen. "Da ist eine Rückführung ins Normale sinnvoll. Was wir machen, ist nämlich nicht normal", sagt Zidek, nach dessen Schätzungen 50 Prozent der Bluthochdruck-Patienten salzsensitiv sind.

Angesichts des hohen Anteils an verstecktem Salz gelinge es Hypertonikern aber selbst dann nicht, die tägliche Kochsalzzufuhr auf weniger als sechs bis sieben Gramm zu senken, wenn sie von einer Diätassistentin unterstützt würden. Denn mit Brot, Konserven und Fertigprodukten nähmen die Bundesbürger sehr viel verstecktes Salz auf. Zudem empfänden es viele Menschen als sehr hart, vorwiegend Ungesalzenes zu essen.

"Für jemanden, der in der Mitte des Lebens steht und viel Stress hat, ist es schwer, auf salzarme Ernährung zu achten", sagt Zidek. Denn wer mittags etwa in der Kantine esse, habe wenig Spielraum für eine salzarme Diät. Anders sei das etwa bei einem Rentner, der vital und gesundheitsbewusst sei. "Da kann man es als Arzt schaffen, ihn zu motivieren."

Kann zu wenig Salz gefährlich sein?

Dass salzarme Ernährung für Ältere gefährlich sein könnte, glaubt Zidek nicht: "Kochsalzmangel schadet keinem", betont er. Und auch Franz sagt: "Alles Negative gilt nur für Extreme."

Das sieht Füsgen anders. Bei Senioren komme es leicht zu einem gefährlichen Natriummangel. Beim Menschen nehme der Wasseranteil im Körper mit zunehmendem Alter nämlich ab, so dass der Spielraum für Wasser- und Elektrolytverluste viel geringer werde. Zugleich nehmen Füsgen zufolge viele ältere Menschen Medikamente ein, die mit Salzverlust einhergehen. Durch Natriummangel würden alten Menschen müde und hinfällig, was zu gefährlichen Stürzen führen könne.

Widersprüchliche Empfehlungen

Zudem glaubt Füsgen, dass der Salzverbrauch in Deutschland generell überschätzt wird. "Wir essen gar nicht mehr so viel Salz", sagt er. "Außerdem schadet Salz nicht." Das Deutsche Grüne Kreuz rät Hypertonikern dagegen zu Zurückhaltung: "Ohnehin wird mit zwölf Gramm Kochsalz pro Kopf und Tag in der Bundesrepublik zuviel Salz konsumiert, die Hälfte davon würde völlig ausreichen."

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, die Kochsalzzufuhr bei Bluthochdruck auf maximal sechs Gramm pro Tag zu beschränken. Patienten sollten auf salzreiche Lebensmittel wie Konserven, Fertiggerichte, Salzgebäck oder geräuchertes Fleisch verzichten und auch darauf achten, Mineralwasser mit weniger als 20 Milligramm Natrium pro Liter zu trinken.

Angela Stoll/AP/AP
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