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H5N1 Supervirus - Potentielle Gefahr durch Bioterrorismus

Wissenschaftler vermeldeten Anfang 2012 einen drastischen Schritt: Für 60 Tage würden sie alle Forschungen an einem hochgefährlichen Virus auf Eis legen. Ein Jahr später ruht die Arbeit immer noch.

Große Hysterie, ausgelöst von kleinen Frettchen: Bei Forschungen zur Vogelgrippe infizierten niederländische Wissenschaftler die Marder mehrfach hintereinander mit dem Virus H5N1. Das Ergebnis: Ein gefährliches Supervirus, das sich rasend schnell unter den Tieren ausbreitete und die meisten von ihnen tötete. Forscher im US-Bundesstaat Wisconsin kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Ein "dummes Experiment" sei es gewesen, gestand Ron Fouchier von der Erasmus-Universität in Rotterdam später ein. Aber das Supervirus war in der Welt und mit ihm die Hysterie: Was würde passieren, sollte der Erreger in falsche Hände geraten?

Von möglichem Bioterrorismus war die Rede, und als dann sogar die US-Regierung darum bat, die Ergebnisse nicht zu veröffentlichen, entschieden sich die Wissenschaftler zu einem drastischen und seltenen Schritt: 60 Tage lang würden sie alle Forschungen mit der neuen Variante des H5N1-Erregers auf Eis legen. Am kommenden Sonntag (20. Januar) ist die Veröffentlichung der gemeinsamen Erklärung von 39 Wissenschaftlern auf den Webseiten der Fachjournale "Science" und "Nature" genau ein Jahr her - doch die Arbeit ruht noch immer. Aus den geplanten 60 Tagen sind rund sechsmal so viele geworden.

Aber das sei nicht schlimm, sondern gut so, sagt Anthony Fauci, einer der bekanntesten amerikanischen Immunbiologen. "Das wurde alles sehr stark überbewertet damals." Die Auszeit habe geholfen, alle zu beruhigen. "Sie dauert jetzt schon so lange an, weil es so viele Diskussionen gibt. Und die beteiligten Wissenschaftler sind sehr kooperativ darin, ihre Forschungen weiter auszusetzen, bis wir eine wirklich breite Diskussion und dann letztendlich eine Entscheidung haben."

Das Problem sei nun einmal komplex, erklärt Fauci, der das Nationale Forschungsinstitut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland leitet. "Zunächst einmal wissen wir bisher nur, dass das neue Virus bei Frettchen so einfach übertragbar ist. Wie das beim Menschen ist, ist ja noch gar nicht erforscht."

Beim natürlichen Erreger sei das Risiko der Übertragung von Mensch zu Mensch sehr gering, sagt Fauci. Aber wenn das neue Supervirus - und das vermuteten die Wissenschaftler - sich auch beim Menschen derart rasend schnell verbreiten würde, dann würde es eine enorme Gefahr darstellen. Während die Sterblichkeitsrate bei einer normalen Grippe bei ungefähr einem Prozent liegt, beträgt sie bei der Vogelgrippe dramatische 60 Prozent. "In den vergangenen zehn Jahren sind zwar weltweit nur 600 Fälle von Vogelgrippe beim Menschen bekanntgeworden - aber davon sind eben etwa 60 Prozent gestorben. Und das ist wirklich etwas noch nie dagewesenes."

Allen beteiligten Wissenschaftlern sei folglich klar: "Das Virus darf nicht in die falschen Hände geraten." Wenn es aus einem Labor gestohlen würde, oder jemand das in einem Fachmagazin beschriebene Experiment nachmache und das Virus selbst herstelle, sei die Gefahr von Bioterrorismus hoch. Andererseits: Was passiert, wenn das Virus in freier Natur von selbst mutiert? Und dann niemand ein Mittel dagegen hat, weil das alles nicht erforscht worden ist? "Dann haben wir ein echtes Problem", meint Fauci.

Bei zahlreichen Treffen - zuletzt im Dezember in Washington - haben Forscher, Gesundheitspolitiker und Sicherheitsexperten das Thema hin- und hergewälzt. Und jetzt, so kündigt der stets an den Diskussionen beteiligte Fauci an, sei eine Entscheidung vielleicht wirklich endlich absehbar. "Wir kommen einem Ergebnis sehr nahe."

Was sich abzeichne, sei eine Zwischenlösung: "Vor jedem solchen Experiment müsste man dann künftig entscheiden: Ist das Labor sicher genug, und sind die Forscher gut genug ausgebildet? Wird das Experiment die Wissenschaft voranbringen, ist es unbedingt notwendig, und gibt es mehr Nutzen als Risiko? Das große Moratorium, das wir jetzt haben, wird dann zu einem Moratorium nur für ganz bestimmte Experimente werden." Die Entscheidung könne wahrscheinlich schon auf einem Treffen der Weltgesundheitsorganisation WHO im Februar gefällt und verkündet werden.

Aber auch wenn nicht: Bei dieser komplizierten und potenziell hochgefährlichen Angelegenheit sei Sorgfalt wichtig, nicht Schnelligkeit, sagt Fauci. Die Forschung werde von dem Moratorium zudem nicht sonderlich behindert. "Diese Arbeit macht nur etwa ein Prozent der gesamten Grippe-Forschung aus. Die Wissenschaftler machen dann eben etwas anderes. Es ist nicht so, als ob da jetzt eine ganze Kolonie von Grippe-Wissenschaftlern untätig herumsitzt."

von Christina Horsten, DPA/DPA
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