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"Es geht nicht um Ästhetik"

Er ist der Chef einer renommierten Fachklinik für fettsüchtige Kinder und Autor des Buches "Generation Chips". Im stern.de-Interview erläutert Edmund Fröhlich, warum Übergewicht bereits heute ein gesellschaftliches Problem ist und was Prävention ändern könnte.

  Übergewichtiges Mädchen: "Sie kommen erst, wenn's weh tut"

Übergewichtiges Mädchen: "Sie kommen erst, wenn's weh tut"

"Die Wohlstandsgesellschaft ist gefährlicher als jeder Krankheitserreger", schreiben Sie in Ihrem Buch "Generation Chips". Das müssen Sie erklären!

Ich vergleiche das mal mit der Vogelgrippe: Um dieses Thema gab es eine riesige Aufregung, obwohl nur wenige Menschen weltweit tatsächlich erkrankten. Beim Übergewicht, das ja durch unsere Wohlstandsgesellschaft ausgelöst wird, sieht die Sache ganz anders aus. Allein in Deutschland haben wir bereits heute 800.000 fettsüchtige Kinder und Jugendliche - eine gigantische Zahl. Jedes zehnte Kind ist adipös, jedes fünfte übergewichtig. Und trotzdem ist noch nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen, vor welch riesigem gesellschaftlichen Problem wir stehen.

Dicke Kinder gab es aber doch auch früher schon.

In der medinet Spessart-Klinik Bad Orb behandeln wir seit rund 30 Jahren adipöse Kinder und Jugendliche. Doch während sie früher mit 20 Kilo Übergewicht zu uns kamen, wiegen sie heute nicht selten 40 oder 50 Kilo mehr, als gesund wäre - eine bedenkliche Entwicklung. Schon heute haben viele der 40- bis 80-Jährigen mit ihrem Gewicht zu kämpfen. Die deutschen Männer sind Europameister im Übergewicht, zwei Drittel sind zu dick! Und das, obwohl nicht wenige von ihnen die entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahre erlebt haben. Da frage ich mich: Was soll erst werden, wenn die jetzt schon übergewichtige "Generation Chips" älter wird? Hier tickt eine demografische Zeitbombe.

Auf welche Herausforderungen muss sich die Gesellschaft einstellen?

Viele Menschen sind sich gar nicht im Klaren darüber, welch dramatische Folgen Übergewicht für die Gesundheit haben kann. Es geht hier nicht um Ästhetik! Die Kinder, die in unsere Klinik überwiesen werden, kommen vom Orthopäden, vom Internisten, vom Kardiologen. Sie kommen, weil ihre Knie nicht mehr mitmachen oder ihre Bandscheiben, weil sie an Diabetes leiden. Nicht etwa an Diabetes Typ 1, dem sogenannten Jugenddiabetes, sondern an Alterszucker, also Typ-2-Diabetes. Sie kommen also erst, wenn's weh tut - körperlich oder auch psychisch: wenn sie verspottet oder gehänselt werden.

In Ihrem Buch kritisieren Sie, in Deutschland werde nicht genug getan, um Übergewicht vorzubeugen. Welche konkreten Vorschläge haben Sie?

Konsequenterweise müsste man mit der Prävention im Schulunterricht anfangen: Nur dort kann man alle Kinder erreichen, vor allem auch die sozial Schwächeren, die besonders von Übergewicht betroffen sind. Hier sind die Politiker gefragt: Gesundheitserziehung muss Schulfach werden.

Wie könnte dieser Unterricht aufgebaut sein?

Aus unserer Klinik-Arbeit wissen wir: Es bringt nichts, einem Kind Dinge zu verbieten. Und man erreicht auch nichts, wenn man sagt: "Du musst das jetzt machen, damit du in 30 Jahren nicht krank wirst". Gesundheitserziehung sollte spielerisch sein, Spaß machen. Bei uns lernen die Kinder einkaufen, kochen und essen. Und wir vermitteln Zusammenhänge: Wie sind Lebensmittel aufgebaut, wo kommen sie her, wie nehmen wir sie sinnlich wahr?

Wie funktioniert das konkret?

Zur Therapie gehört etwa ein Parcours der Sinne. Da können die Kinder unter anderem mit verbundenen Augen an einem Apfel riechen. Und was sagen sie? "Das riecht nach Apfelshampoo." Apfelshampoo! Da kommen manche gar nicht auf die Idee, dass das ein Apfel sein könnte! Weil sie noch nie einen gegessen haben.

Auch bei der Bewegung haben viele Kinder Defizite.

Kein Wunder: Sport ist das Schulfach, das am häufigsten ausfällt: Im Schnitt fällt eine von zwei Sportstunden aus. Hier sind Ganztagsschulen mit ihren Sportangeboten nach Unterrichtsschluss sicher eine Möglichkeit, die Probleme besser in den Griff zu bekommen. Zumal man in der Ganztagsschule auch Einfluss nehmen kann auf die Ernährung der Kinder. Das bedeutet natürlich, dass man mehr anbieten muss als Schokoriegel und Softdrinks am Schulkiosk.

Stichwort Schokoriegel: Was kann die Lebensmittelindustrie dagegen tun, dass sich Übergewicht wie eine Epidemie in der Bevölkerung ausbreitet?

Am besten wäre es natürlich, schlechte Produkte vom Markt zu nehmen - aber das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben müssen. Aber zumindest die transparente und verständliche Kennzeichnung von Lebensmitteln wäre ein großer Schritt nach vorn.

Wie können Ärzte helfen?

Zunächst müsste man dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche regelmäßig zum Arzt gehen. Bisher finden Pflicht-Untersuchungen ja nur bei und nach der Geburt sowie bei der Einschulung statt. Gerade Jugendliche gehen oft jahrelang nicht zum Arzt.

Für Aufsehen sorgte kürzlich der Fall eines acht Jahre alten englischen Jungen, der 99 Kilo wiegt. Er sollte seiner Mutter weggenommen werden, weil sie nicht mit ihm zur Gesundheitsberatung gehen wollte. Was halten Sie davon?

Ein solcher Schritt sollte zwar die Ultima Ratio sein, aber in extremen Fällen wie diesem wäre er sicherlich gerechtfertigt. Wenn Eltern ihr fettsüchtiges Kind trotz der Ansprache von Lehrern und Ärzten nicht kompetent behandeln lassen, ist das - je nach Schweregrad und Uneinsichtigkeit - eine Form von Vernachlässigung oder unterlassener Hilfeleistung und damit ein Straftatbestand.

Interview: Angelika Unger
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