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"Die wahre Bedrohung ist noch nicht erkannt worden"

Er ist einer der prominentesten Köpfe der Ökobewegung, 2007 wurde sein Engagement für den Klimaschutz mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. Mit dem stern sprach Al Gore über die Gefahren des kurzfristigen Denkens - und über die Schwierigkeit, die Menschen zu mobilisieren.

Herr Gore, die Klimakrise sei "Folge des bisher schlimmsten Versagens der Demokratie", sagen Sie. Hat der ehemalige Vizepräsident der USA das Vertrauen in die Politik verloren?
Nun ja, ich bin ja gerade dabei, mich von der Politik zu erholen. Der Klimawandel ist tatsächlich eine nie da gewesene Bewährungsprobe für unsere Demokratie, zugleich aber für den Kapitalismus: Die Märkte nehmen die globale Erwärmung längst noch nicht ernst genug.

Warum nicht?
In der Vergangenheit ist es uns durchaus gelungen, Umweltzerstörungen erfolgreich zu reduzieren. In fast allen Ländern ist es inzwischen gesetzlich verboten, Luft und Wasser mit einer ganzen Reihe von Stoffen zu vergiften, und die Wirtschaft bewältigt diese Auflagen. Beim Kohlendioxid aber, dem wichtigsten Treibhausgas, fehlt es noch an Bereitschaft.

Und woher kommt die Unentschlossenheit?
CO2 ist unsichtbar, wir können es weder riechen noch schmecken. Und vor allem trägt es kein Preisschild. Bei ökonomischen Entscheidungen kann Kohlendioxid also einfach ignoriert werden. Darum werden allein an einem Tag wie heute weitere 90 Millionen Tonnen in die dünne Hülle unseres Planeten geblasen - als gäbe es da irgendwo einen Schornstein in den Weltraum. Tatsächlich aber hat sich die Konzentration dieses Gases inzwischen so erhöht, dass die Folgen der Erwärmung rund um die Erde spür bar sind. Und zwar jetzt, jeden Tag.

Ist es wirklich so dramatisch?
Wir erleben doch schon die Versteppung in Südeuropa. Die Ozeane übersäuern. Die nördliche Polareiskappe schmilzt vor unseren Augen ab. Und eben erst wurde bekannt, dass auch die bislang für stabil gehaltene östliche Antarktis Jahr für Jahr nennenswerte Mengen Eis verliert. Die Schmelzprozesse könnten den Meeresspiegel dramatisch ansteigen lassen. Jeder Meter mehr aber führt zu hundert Millionen Klimaflüchtlingen. Die ersten haben sich längst auf den Weg gemacht.

Was also muss geschehen?
Wir müssen endlich überall einen Preis auf Kohlendioxid erheben. Entweder durch eine CO2-Steuer mit Erstattungen für all jene, die den Ausstoß dieses Klimagases vermeiden. Oder durch einen CO2-Handel mithilfe von Zertifikaten. Ich bin dafür, beide Wege zu gehen. Einige Länder haben damit ja auch schon Erfolg. Schweden etwa kommt vorbildlich voran.

Wenn die Bekämpfung des Klimawandels so einfach ist, wie Sie sagen, warum begeben sich nicht viel mehr Regierungen auf diesen Weg?
Viele können sich das nicht einmal vorstellen. Aber es ist machbar. Gerade Sie in der Europäischen Union haben ja bei der CO2-Reduzierung schon Erfolge zu verzeichnen. Und in den USA ist auf ähnliche Weise der Aus-stoß von Schwefeldioxid massiv verringert worden. Da müssen wir anknüpfen. Und der Markt muss unser Verbündeter sein. Aber auch jeder Einzelne von uns muss sich darüber klar werden, dass wir vor einer Überlebensfrage stehen.

Umfragen zeigen allerdings, dass es mit diesem Bewusstsein offenbar nicht weit her ist. So glaubt nur noch die Hälfte der Amerikaner, dass es die globale Erwärmung überhaupt gibt. Und von den Deutschen akzeptieren nur etwa zehn Prozent eine direkte Verantwortung für das Klima. Warum gelingt es Ihnen und Ihren Mitstreitern nicht besser, Ihre Botschaft zu vermitteln?
Das wahre Ausmaß der Bedrohung ist von den Wählern tatsächlich noch nicht erkannt worden. Die Folgen der Erwärmung sind nicht an jedem Ort der Erde direkt zu spüren. Und sie zeigen sich auch nur allmählich. Für viele Menschen ist der Klimawandel deshalb noch ein abstraktes Problem. Es reicht einfach nicht, nur die Fakten auf den Tisch zu legen. Und es entspricht der menschlichen Natur, vor allem auf unmittelbare Gefahren zu reagieren.

Wir denken also zu kurzfristig?
Genau. Das kenne ich aus der Politik. Auf der anderen Seite sind wir aber durchaus fähig, uns langfristige Ziele auf der Basis unserer inneren Werte zu setzen. Im Mittelalter bauten Menschen über Generationen an den großen Kathedralen. Oder denken Sie daran, wie auf den Zweiten Weltkrieg ein vereintes Europa folgte.

Wie aber wollen Sie langfristige Strategien in der Klimaproblematik etablieren - und das auch noch global?
Zugegeben, das ist eine extrem schwere Aufgabe. In den vergangenen 150 Jahren ist unsere Wirtschaft weltweit in so große Abhängigkeit vom Kohlenstoff geraten, dass es mächtige wirtschaftliche und politische Kreise gibt, die sich allen notwendigen Veränderungen widersetzen. Sie investieren Hunderte Millionen Dollar, und einige ihrer Vertreter sind so skrupellos, dass sie nichts unversucht lassen, um einen politischen Konsens zu verhindern. Aber wir müssen zu einem Konsens kommen, bevor es zu spät ist.

Halten Sie die Chancen für groß?
Ich habe mich entschlossen, optimistisch zu sein. Und das Bewusstsein für die Probleme wächst. Denn letztlich geht es auch gar nicht um eine politische Frage, sondern um eine moralische. Und da ist das Verantwortungsbewusstsein der jungen Generation ohne Beispiel. Politiker hier bei uns in Amerika haben schon die Seiten gewechselt, und wenn Sie sich die Fernsehwerbung ansehen, kann der Eindruck entstehen, eine Firma möchte "grüner" wirken als die andere. Weltweit haben sich in den vergangenen Jahren mehr als eine Million neuer Gruppen gebildet, die etwas für das Klima tun wollen. Es passiert also etwas.

Beim Klimagipfel in Kopenhagen aber scheint das ursprünglich geplante weltweit bindende Abkommen trotzdem in weiter Ferne.
Immerhin werden sich etwa 100 Staats- und Regierungschefs versammeln. Und ich denke, sie werden sich darauf einigen, wie weiter verhandelt werden soll.

Mal wieder weiter verhandeln? Das geht doch schon seit vielen Jahren so.
Im kommenden Jahr muss ein Vertrag auf globaler Ebene erreicht werden. Vielleicht passiert dies sogar schon im Juni während der nächsten UN-Klimaverhandlungen bei Ihnen in Bonn.

Absichtserklärungen sind nicht genug, sagt der neue deutsche Umweltminister Norbert Röttgen.
Da stimme ich zu. Und klar ist auch: Selbst ein maximaler politischer Erfolg in Kopenhagen bliebe immer noch weit hinter dem zurück, was viele Wissenschaftler als angemessene Reaktion auf den Klimawandel fordern. Aber was sollen wir denn tun? Aufgeben und resignieren? Wir hier in Amerika sagen: Du musst erst laufen lernen, bevor du rennen kannst.

Kopenhagen ist ja nicht die erste Klimakonferenz. Davor gab es das Abkommen von Rio de Janeiro und das Kyoto-Protokoll, das 2012 ausläuft. Die von wissenschaftlicher Seite geforderten Reduktionen beim CO2 brachten diese Verträge nicht. Wie lange soll das "Laufenlernen" noch dauern?
Es sind ja unglücklicherweise die USA, die mit dem Scheitern des Kyoto-Protokolls in Verbindung gebracht werden ...

Zu Recht. Zu Ihrer Zeit als Vizepräsident stimmte der Senat ohne eine einzige Gegenstimme gegen diesen Vertrag, und er wurde von den USA nie ratifiziert.
Aber jetzt ist in den USA ein Klimagesetz auf dem Weg. Ich bin zuversichtlich, dass der Kongress es im kommenden Jahr verabschiedet.

Viel lässt sich damit nicht bewegen. So würden sich die USA bis 2020 nur zu etwa vier Prozent CO2-Reduzierung verpflichten, legte man denselben Berechnungszeitraum zugrunde wie die EU. Hört Präsident Obama etwa nicht auf Sie?
Wir sprechen oft miteinander, er ruft mich auch an. Ich könnte es mir ja einfach machen und sagen: Ja, es sollte mehr geschehen. Aber Präsident Obama muss das Gesetz eben im Kongress durchbringen. Er braucht einen breiten gesellschaftlichen Konsens, um größere Veränderungen durchzusetzen. Und genau das versuchen die Leugner des Klimawandels auf zynische Weise zu verhindern. Natürlich müssen wir die Entwicklung beschleunigen. Das Ganze ist ein Kampf.

Ihre Kritiker sehen die Lage nicht ganz so dramatisch. Sie verweisen auf neue Studien, nach denen sich die globale Durchschnittstemperatur in den vergangenen Jahren gar nicht mehr erhöht hat. Stimmen Sie solche Beobachtungen skeptisch?
Nein, überhaupt nicht. Hier in den USA wurden die Daten, die Sie ansprechen, 20 Statistikern gegeben, die nicht wussten, worum es sich bei den Zahlen handelt. Und alle 20 kamen zu dem Schluss: Die Zahlen entsprechen einem Anstieg. Außerdem ist ein Auf und Ab von einem Jahrzehnt zum anderen für Experten nicht überraschend. Die Ozeane zum Beispiel puffern die Erwärmung ab.

Sehen Sie die Klimaentwicklung derzeit also auch auf einem Temperaturplateau?
Wenn wir die Daten auf lange Sicht betrachten, ist die Erwärmung offensichtlich. Wir müssen doch nur die Augen aufmachen: Das Eis der Arktis schmilzt! Die Gletscher verschwinden weltweit! Die Stürme werden heftiger, die Fluten höher, und die Waldbrände erfassen immer weitere Flächen. Krankheiten wandern aus den Tropen in die gemäßigten Zonen. Das ist die Wirklichkeit. Allen abstrakten Debatten zum Trotz: Wir müssen endlich begreifen, dass die Zukunft der menschlichen Zivilisation auf dem Spiel steht.

Sie setzen sich für einen "nachhaltigen Kapitalismus" ein. Sind wir dem mit den Lehren aus der dramatischen Wirtschaftskrise der vergangenen Monate nähergekommen?
Robert Kennedy hat vor rund 40 Jahren gesagt: Das Bruttosozialprodukt misst alles - mit Ausnahme dessen, was das Leben lebenswert macht. Und in diesem Sinne haben wir unsere Lektion immer noch nicht gelernt. Der Markt wird immer noch von einer viel zu kurzfristigen Sichtweise beherrscht. Letztlich muss sich das Denken der Unternehmer verändern. Wer will, dass sich nachhaltiges und langfristiges Wirtschaf ten durchsetzt, darf seinen Managern eben keine kurzfristigen Prämien mehr zahlen. Es ist doch ein Wahnsinn, dass man den jeweiligen Quartalszahlen selbst das opfert, was langfristig gut für ein Unternehmen ist. Energieeffizienz zum Beispiel.

Sie selbst sind ja nicht nur Umweltaktivist, sondern auch ein Unternehmer, der in "grüne" Projekte investiert. Deshalb wird Ihnen vorgehalten, mit Ihrem Einsatz für die Umwelt in die eigene Tasche zu wirtschaften. Wäre es nicht überzeugender, Umweltbewusstsein und Geschäft getrennt zu halten?
Seit wann ist es in Amerika eigentlich schlecht, Investor zu sein? Ich bin vor allem in den Bereichen Internet, Biotechnologie und Medien tätig. Es ist richtig, dass ich auch in ein paar gute Ideen für erneuerbare Energiequellen investiert habe. Und das aus Überzeugung. Würde ich es nicht tun, müsste ich mir anhören, ich sei ein Heuchler, der sein Geld nicht in Projekte steckt, die er anderen empfiehlt. Außerdem habe ich weit größere Summen gespendet, um das Umweltbewusstsein zu stärken. Und man weiß ja: Wenn einem die Botschaft nicht gefällt, greift er den Boten an. Das habe ich oft erlebt.

Das klingt ja fast, als hätte man Sie gezwungen, "Klimabotschafter" zu werden? Sie selbst sprechen sogar von einer "Berufung".
Ja, aber nicht im religiösen Sinne. Es war eigentlich eher ein Zufall. Vor 41 Jahren geriet ich als Student an den Mann, der als Erster den Anstieg des Kohlendioxidgehalts der Atmosphäre errechnet hat. Von ihm habe ich viel gelernt. Dazu wuchs ich in einer politischen Familie auf. Es steckt also nichts Geheimnisvolles dahinter, wenn ich mich öffentlich für meine Überzeugungen einsetze. Ich fühle einfach die Verpflichtung, das zu tun.

Die nennen Sie eine "heilige Pflicht"? Ist das nicht ein bisschen viel Pathos?
Wie würden Sie sich denn verhalten, wenn es um eine Frage von Leben oder Tod geht? Ich erfülle schlicht meine menschliche Pflicht.

Sie schreiben, die Menschheit stünde vor einer "letztgültigen Entscheidung".
Ja. Wir haben gelernt, Atomkerne zu spalten und Nuklearwaffen zu bauen. Wir können fast beliebig neue chemische Moleküle erzeugen und sogar in die biologische Natur eingreifen. Doch die Folgen unseres Handelns für die Ökosphäre gehen weit über das hinaus, was wir uns vorstellen können. Wir haben das Verhältnis unserer Spezies zu dem Planeten, auf dem wir leben, grundlegend verändert. Und wenn wir so weitermachen, werden die Folgen schrecklich sein. Es wäre der unmoralischste Akt der Menschheitsgeschichte. Darum steht unsere Generation vor einer letztgültigen Entscheidung. Von dieser Verantwortung können wir uns nicht freisprechen.

Aktueller Lesestoff:
Nach der Analyse in seinem ersten Klima-Buch "Eine unbequeme Wahrheit" liefert Al Gore nun die bunt bebilderte Handlungsanleitung. Sein neues Buch erklärt verständlich Zusammenhänge und technische Details neuer Klimaschutz-Technologien. Den deutschen Leser mag das Pathos stören - aber der Friedensnobelpreisträger ist nun mal überzeugt davon, dass die Zukunft der menschlichen Zivilisation auf dem Spiel steht: "Von dieser Verantwortung können wir uns nicht freimachen", sagt er. Al Gore: Wir haben die Wahl. Ein Plan zur Lösung der Klimakrise. 416 Seiten, 21,95 Euro. Riemann Verlag

Katja Gloger, Frank Ochmann/print

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