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Tierquälerei auf engstem Raum

In Berlin wurden Mitte Dezember 133 Ratten in einem winzigen Wohnraum gefunden. Wenn Menschen Hunderte Tiere unter schlechtesten Bedingungen halten, kann von Tierliebe keine Rede mehr sein. Im Gespräch mit stern.de erklärt Tierschützerin Elke Deininger, was "Animal Hoarder" antreibt.

Von Jörg Isert

Es ist der Alptraum aller Tierschützer: In einem 12-Quadratmeter-Zimmer in einem Wohnheim in Berlin-Pankow wurden Mitte Dezember 133 ausgehungerte Ratten, zwei Hunde und ein totes Meerschweinchen gefunden. Auf dem Boden klebten Exkremente, sämtliche 41 Rattenweibchen waren trächtig. Die 48-jährige Tierhalterin war verschwunden. Hinter Fällen wie diesem steckt keine übertriebene Tierliebe, sondern ein neues Krankheitsbild, das in Deutschland noch fast unbekannt ist: "Animal Hoarding". Statt wie Messis Gegenstände anzuhäufen, sammeln Animessis Hunde, Katzen, ja sogar Pferde. Elke Deininger, Veterinärin bei der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes, beschäftigt sich seit drei Jahren mit dem Phänomen.

Frau Dr. Deininger, wodurch ist Animal Hoarding gekennzeichnet?

Es geht um das pathologische Sammeln von Tieren - und zwar in einer sehr großen Menge. Menschen, die sich selbst für Tierfreunde oder sogar Tierschützer halten, nehmen immer mehr Tiere auf. Die Tiere, meist sind es Hunde und Katzen, vermehren sich unkontrolliert. Gleichzeitig ist die Versorgung miserabel. Hygiene, Pflege, tierärztliche Versorgung, das alles fehlt. Dennoch erkennen die Halter nicht, dass die Tiere leiden. Stattdessen sind sie häufig von einem fast missionarisch zu nennenden Sammeleifer beseelt.

Wie lange gibt es das Krankheitsbild bereits?

Erstmals wurde Ende der 90er-Jahre in den USA wahrgenommen, dass Menschen Tiere in Massen horteten, ihnen aber fast keine Fürsorge zukommen ließen. Dass Wohnungen und die Unterkünfte von Tieren mit Exkrementen übersät waren. Amerikanische Wissenschaftler sagten schließlich: Hinter diesen Tieransammlungen muss eine menschliche Erkrankung stecken. Das Sammeln von Tieren ist also nicht das eigentliche Problem - sondern das Symptom eines Problems, das beim Menschen liegt.

Sind Fälle wie in Berlin noch die Ausnahme - oder schon eher die Regel?

Ich würde sagen, dass sich die Fälle auch bei uns häufen. Im Januar hatten wir einen Fall, bei dem 120 Wellensittiche in Baden-Württemberg beschlagnahmt wurden, die auf engstem Raum gehalten worden waren. Im Sommer wurden in Schleswig-Holstein 60 Hunde beschlagnahmt, dazu noch Fische und Papageien. Die Tiere befanden sich allesamt in einem katastrophalen Zustand. Und 2005 wurden sogar 263 Hunde in einem Haus in Duisburg entdeckt. Insgesamt haben wir aber noch keine genauen Zahlen. In den USA gibt mehr als 1000 Fälle pro Jahr - und vermutlich eine genau so hohe Dunkelziffer.

Welche Ursachen stecken hinter diesem zwanghaften Horten?

Es ist ähnlich wie beim Messie-Syndrom. Animal Hoarder sind mehrheitlich Einzelpersonen. Oft haben sie Bindungsschwierigkeiten, sind gesellschaftlich isoliert. Nach Studien sind drei Viertel der Betroffenen Frauen, die fünfzig Jahre oder älter sind. Hinter dem Animal Hoarding steckt meist eine obsessive Persönlichkeitsstörung. Zusätzlich muss man zwischen verschiedenen "Animal Hoarder"-Typen unterscheiden. Einmal gibt es den "Pflegertypen". Der nimmt Tiere auf, und wenn sie sich vermehren, fängt es an, ihn zu überfordern. Dieser Hoarder sieht zwar, dass ein Problem existiert. Er ist aber nicht mehr fähig, das Problem mit den vielen Tieren zu lösen - von anderen Problemen ganz zu schweigen. Also lässt er alles weiterlaufen. Als nächstes gibt es den "Befreiertyp". Er sammelt Tiere aktiv und empfindet sich als deren Retter. Sein dominierender Gedanke: Nur bei mir haben es die Tiere gut. Der "Züchtertyp" dagegen schafft sich Tiere mit dem Vorsatz an, sie zu züchten, auszustellen und zu verkaufen. Aber dann wird es ihm zuviel. Schließlich gibt es noch eine Art von Animal Hoarder, die besonders problematisch ist. Den "Ausbeutertypen" kennen wir bisher nur aus den Vereinigten Staaten. Er schafft sich Tiere ausschließlich als Statussymbol an und empfindet keinerlei emotionale Bindung. Was die verschiedenen Typen verbindet: In der Regel ist überhaupt keine Einsicht da, dass etwas nicht stimmt, geschweige denn Schuldbewusstsein.

Selbst wenn die eigene Einsicht nicht groß ist: Wenn ein Mensch 263 Hunde in seinem Haus hält, muss es doch zumindest das Umfeld wahrnehmen.

Nicht unbedingt. Meist schotten sich Animal Hoarder extrem ab und lassen niemanden in ihre Wohnung. Falls Nachbarn trotzdem etwas auffällt, denken sie vielleicht: "So schlimm wird es schon nicht sein. Vielleicht ist der Tierhalter einfach nur verschroben." Oder sogar: "So sehr, wie es im Treppenhaus stinkt, halten wir uns lieber fern." Das ganze Ausmaß - mit schwer kranken oder sogar toten Tieren - wird gar nicht wahrgenommen. Das muss nicht ausschließlich mit Gleichgültigkeit zusammenhängen. Tatsache ist, dass dieses Krankheitsbild fast vollständig unbekannt ist. Selbst viele Veterinärämter können mit dem Begriff Animal Hoarding noch nicht viel anfangen.

Wie wollen Sie gegensteuern?

Ich hoffe, dass es wie in den USA gelingt, eine Arbeitsgruppe aus Tierärzten, Humanmedizinern, Psychologen und Juristen zusammenzustellen. Die Gruppe müsste daran arbeiten, dass zentral erfasst wird, wenn eine Person ein Tierhalteverbot hat. Es gab einen Fall in Hessen, bei dem eine Ziegenherde mit mehr als 100 Tieren in einem ganz schlimmen Zustand beschlagnahmt wurde. Die Mutter und die Tochter sind danach nach Rheinland-Pfalz gezogen, wo das Ganze von vorne losging. Im Sommer 2005 wurden bei dieser Familie erneut über 200 Pferde und über 500 Hängebauchschweine beschlagnahmt, wieder in einem katastrophalen Zustand. Die bundesweite Abstimmung der Veterinärämter muss besser werden. Zudem muss ein Leitfaden her, um das Hoarding besser erkennen und dadurch früher als bisher eingreifen zu können. Momentan ist es nämlich so, dass Amtsärzte erst dann eingreifen können, wenn Tieren bereits Leiden, Schäden oder Schmerzen zugefügt worden sind. Das muss aber bereits möglich sein, sobald die entsprechende Problematik auch nur ansatzweise zu erkennen ist. Fakt ist nämlich: Betroffene Tiere können schwere körperliche Schäden davontragen - und erhebliche Verhaltensprobleme.

Ist Animal Hoarding heilbar?

Um das herauszufinden, muss Animal Hoarding erst einmal als Krankheit anerkannt werden. Dann erst können Langzeittherapien angeordnet werden. Wir brauchen dringend Forschung zu diesem Krankheitsbild. Nur wenn wir uns um die betroffenen Menschen kümmern, ist das Tierschutzproblem zu lösen.

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