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Die Ärztin, die von ihrem Sterbebett twittert

Kate ist 31 und an einem aggressiven Krebs erkrankt. Sie weiß, dass sie bald sterben wird. Und sie plant, die Welt daran teilhaben zu lassen.

Von Lea Wolz

Knapp 13.000 Follower hat Kate Granger bereits. Unter dem #deathbedalive will sie ihren Tod twittern.

Knapp 13.000 Follower hat Kate Granger bereits. Unter dem #deathbedalive will sie ihren Tod twittern.

Der Tod ist ein kleiner Vogel, der unablässig zwitschert. Zumindest hat ihn Kate Granger dazu gemacht. Im August 2011 stellen Ärzte bei der Engländerin eine aggressive Krebsart fest, die sich in ihrem Bauchraum und Becken ausbreitet und bereits die Leber und Knochen befallen hat. Die Prognose für diese Tumorart ist schlecht. Die Zeit, die Kate wohl bleibt, kurz: Etwa ein Jahr, nicht mehr als fünf geben ihr die Ärzte.

29 Jahre alt ist Kate zu diesem Zeitpunkt. Sie ist selbst Ärztin, kann die Diagnose einschätzen.

Zu Beginn unterzieht sie sich einer aggressiven Chemotherapie. Ihre Haare fallen aus, die Augenbrauen, die Wimpern, die Nägel. Ihr Gesicht wird durch die Medikamente aufgedunsen. Fünf dieser kräftezehrenden Runden steht sie durch, bis sie beschließt: Schluss damit.

Kate will die Lebenszeit, die ihr noch bleibt, so gut sie kann genießen. Ein Stückchen Normalität zurückgewinnen. Wieder Soaps im Fernsehen schauen. Wieder im Schwimmbad um die Ecke regelmäßig 50 Bahnen ziehen. Wieder als Ärztin im Pinderfields Krankenhaus in Wakefield arbeiten. Wieder Zeit mit den Menschen verbringen, die sie liebt: mit ihrem Mann Chris, ihrer Familie, ihrem mittlerweile acht Monate alten Neffen Jacob, dessen Geburt sie vor einiger Zeit gar nicht zu erleben glaubte.

Und sie will dem Krebs, der sich in ihrem Körper ausbreitet, etwas entgegensetzen. Etwas, das ganz anders ist als er - nicht erhaben, nicht stumm. Kate beschießt, von ihrem Sterbebett zu twittern. Todernst sei es ihr mit diesem Vorhaben, sagt sie.

#goinggoinggone oder #deathbedlive

Knapp 13.000 Follower hat Kate bereits. Anfang des Jahres stellte sie ihnen die Frage: "Irgendwelche Vorschläge für einen passenden #, den ich benutzen kann, wenn ich irgendwann den Löffel abgebe und live darüber twittere?"

Any suggestions for an appropriate # for me to use when eventually I am actively popping my clogs & live tweeting the experience?— Kate Granger (@GrangerKate) March 23, 2013

Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten: #deathbedlive, #exfactor, #onedieseveryminute oder #goinggoinggone waren etwa darunter. "Fabelhafte Vorschläge! Ich werde eine Shortliste erstellen müssen. Ich hoffe sehr, dass ich meine letzten Tage und Stunden als ein lehrreiches Erlebnis twittern werde", schrieb Kate.

Fab suggestions everyone! I'm going to have to do a shortlist. I really hope I tweet my final days & hours as a learning experience...— Kate Granger (@GrangerKate) March 23, 2013

Wer ist die Frau, die so unsentimental über ihren eigenen Tod spricht? Die findet, dass man darüber nicht nur reden sollte, sondern lachen. Die eigene Endlichkeit, die ja nüchtern betrachtet eine recht banale Tatsache ist, mit Humor nehmen.

"Mit dem Tod verbinden wir traditionell Emotionen wie Traurigkeit, Angst, ein Gefühlswirrwarr, Trauer. Ich frage mich, ob das nicht anders sein kann", schreibt sie in ihrem Blog in einem Eintrag, der die Überschrift trägt: "Sterben - kann es jemals ein Grund zum Lachen sein?"

Brief an den Krebs

Kate sagt, Galgenhumor helfe ihr, durch den Tag zu kommen. Sie nennt die Dinge beim Namen, spricht davon, wie es sein wird, "wenn sie die Radieschen von unten anschaut" oder "den Löffel abgibt". "Ich denke, mancher war darüber zuerst geschockt, aber es ist verblüffend, wie ansteckend diese Haltung und dieser Ton sind und wie sie helfen, das große, näher kommende Ereignis in meinem Leben normaler werden zu lassen."

Ihre Mutter, schreibt Kate, teile ihren Humor. "Vor ein paar Monaten kaufte sie mir eine sündhaft teure Handtasche. Als ich ihr sagte, dass sie zu viel Geld für mich ausgegeben hätte, war ihre schnelle und lustige Antwort: 'Nun ja, dein Erbe brauchst Du ja nicht.'"

Doch da ist auch die nachdenkliche Kate, die in ihrem Blog im Juli dieses Jahres einen Brief an den Krebs schreibt. "Die zwei Jahre, in denen ich Dich bis jetzt kennenlernen durfte, waren extrem interessant", heißt es darin. "Aber um ehrlich zu sein, Dein Erscheinen in meinem Leben zu diesem Zeitpunkt war nicht erwünscht und beängstigend. Ich war erfolgreich in meinem Beruf. Wir wollten eine Familie gründen. Auf einen Schlag nahmst Du mir all diese Hoffnungen und liest mich erschüttert und tief traurig zurück."

Gegen die Angst und Verzweiflung anschreiben

Kate beginnt, Tagebuch zu schreiben, die Trauer und Angst in Worte zu fassen, den Gefühlen einen Rahmen zu geben. Freunde ermutigen sie, diese #link;theothersidestory.co.uk;Aufzeichnungen zu veröffentlichen#. "Innerhalb von wenigen Wochen verkaufte ich Hunderte Bücher und nahm viele Tausende Pfund für wohltätige Zwecke ein. Das gab mir einen solchen Schub", erinnert sich Kate. Seitdem teilt sie ihre Gedanken - in #link;theothersidestory.co.uk/;ihren Büchern#, ihrem Blog und ihren Tweets. Jede dieser Zeilen ist es wert, gelesen zu werden, denn in ihnen sind zutiefst menschliche Erfahrungen festgehalten - aufgeschrieben mit umwerfender Offenheit.

Da ist die Ärztin, die plötzlich selbst Patientin ist. Die sich Gedanken darüber macht, wie Mediziner achtsamer mit Patienten umgehen, wie Krankenhausaufenthalte menschlicher gestaltet werden könnten.

Da ist die Naturwissenschaftlerin, die sich über ihre Krebsart informiert und herausfindet, dass sie als eigenständige Krankheit erst 1989 beschrieben wurde. Und die sich darüber freut, denn: "Das bedeutet, dass ich älter bin!"

Da ist die junge Frau, die für sich überlegt, wie ein guter Tod aussehen könnte. Die zu Hause sterben möchte und die sich wünscht, dass ihre Mutter ihr in ihren letzten Stunden vorliest, "so wie sie es immer tat, als wir noch Kinder waren".

Da ist die Partnerin, die sich Sorgen macht, wie ihr Ehemann Chris mit der Trauer umgehen wird. Mit der Einsamkeit. Und die ihm daher eine Erinnerungsbox gebastelt hat - mit Fotos und Geburtstagsbriefen bis zu seinem 70. Geburtstag.

Kates Wunsch: Die Trauerfeier soll fröhlich sein

Ihr Begräbnis, schreibt Kate, habe sie bereits geplant. Eine Mischung aus fröhlichen und nachdenklichen Musikstücken ausgewählt, von Pop bis Klassik. Sich Gedanken über die Ansprachen gemacht. Und sich für einen geflochtenen Weidensarg entschieden, der zu Beginn ihrer Trauerfreier mit Schmetterlingen geschmückt werden soll. "Die After Show Party soll bitte, wenn möglich, eine fröhliche Veranstaltung sein", eine Feier ihres Lebens, schreibt sie. "Den DJ habe ich bereits gebucht."

Einen Schmetterling trägt Kate schon bei sich. Als Tattoo am Knöchel.

Seit der Diagnose sei ihr Leben eine Achterbahnfahrt gewesen, schreibt Kate. "Der Krebs hat mein Leben komplett verändert - der Weg vom absoluten Tiefpunkt bis zu dem Punkt, an dem ich jetzt bin, war ein holpriger. Aber ich bin froh, dass ich dabeigeblieben bin und mich durch die schlimme Situation, in der ich mich plötzlich wiederfand, nicht entmutigen oder sozial isolieren ließ."

Allein ist Kate nicht: Die Zahl ihrer Twitter-Follower wächst stetig. Viele senden ihr gute Wünsche, unterstützen sie, muntern sie auf. Ihre Follower helfen ihr über schlaflose Nächte in Krankenhäusern hinweg, eine solche Nacht, wie Kate sie gerade wieder hinter sich hat. "Zu schreiben und Tweets zu senden, hilft mir, die Dinge rational zu betrachten und mich zu beruhigen", sagte sie dem US-Magazin "The Atlantic". Das ganze sei eine Art Therapie.

"Wow! Welcome to new followers. I'm Kate. A doctor who loves looking after older people. A patient dying of cancer. Proud of the NHS.— Kate Granger (@GrangerKate) August 31, 2013

Kates Brief an den Krebs endet wie folgt: "Du schläfst seit 19 Monaten. Ich frage mich jeden Tag, wie ich Dich in Deinem friedlichen Schlummer halten kann. Ich frage mich zudem täglich, wann Du wieder aufwachst und wie Du wohl planst, mir mein Leben zu nehmen. Wirst Du meine Eingeweide verstopfen? Wirst Du eine Lungenembolie auslösen? Wirst Du meinen Körper einfach überwältigen? Ich schätze, Du hast Dich selbst noch nicht entschieden. Aber bitte, welche Art Du auch immer wählst, sei so gut und erledige es schnell."

"Staying Alive Party" im April

Ihr "Ablaufdatum", wie sie es nennt, hat Kate bereits überlebt, die 14 Monate, die Patienten mit diesem Krebs im Durchschnitt bleiben. Im April dieses Jahres hat sie eine "Staying Alive Party" gefeiert. Sie ist froh über jeden Monat, und doch, schreibt sie, fühle es sich an wie "geborgte Zeit".

Kate weiß, dass der Vogel irgendwann beginnen wird, sein letztes Lied zu zwitschern. Dann wird er verstummen, das 140-Zeichen-Fenster, das einen Einblick in das Sterben ermöglicht, wird sich schließen. Bis dahin will Kate dazu beitragen, das Schweigen über den Tod zu brechen, ihn zu etwas werden zu lassen, das zum Alltag dazugehört.

Sie hat zahlreiche Anfragen von Fernsehteams bekommen, ihr Sterben dokumentarisch zu begleiten. Sie hat alle abgelehnt. Doch warum will sie den eigenen Tod gerade twittern? Warum etwas derart Privates wie die letzten Stunden so öffentlich machen? Ihre Rechtfertigung sei ihr Wunsch, dass offener mit dem Tod umgegangen werde, sagte sie der Tageszeitung "The Times". "Um das zu erreichen, muss man sich darauf einlassen, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Und die sozialen Medien sind etwas, das unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert hat."

Eines im Leben sei sicher, schreibt Kate. "Wir alle werden sterben. Wir müssen offen darüber reden." Eine junge, krebskranke Frau, die so mutig, intelligent, tief menschlich und ehrlich über ihre Krankheit und ihre nahes Ende berichtet, verdient Respekt - und viele Zuhörer.

Mitleid, das wird deutlich, will sie nicht. "Ja, ich werde sterben", schreibt sie. "Aber ich habe mehr Glück als die meisten anderen. Ich konnte mich darauf vorbereiten."

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