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Auf den Spuren der Menschheit

Ohne akademischen Abschluss brachte sie es zur Stararchäologin: Mary Leakey präsentierte Belege für die These, dass die ältesten Spuren der Menschheit in Afrika und nicht in Asien zu finden sind.

Von Jens Wiesner

  Ein Leben für die Archäologie - und ihre beiden Dalmatiner: Mary Leakey wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Ein Leben für die Archäologie - und ihre beiden Dalmatiner: Mary Leakey wäre heute 100 Jahre alt geworden.

  • Jens Wiesner

An ihr bissen sich Nonnen und Gouvernanten die Zähne aus: Gedichte scherten Mary Nicol nicht, durch Schulprüfungen rasselte sie mit Pauken und Trompeten, löste gar eine Explosion in einem Chemielabor aus. Schon als junges Mädchen wusste die Tochter eines Malerehepaars genau, was sie wollte: im Dreck der Erde wühlen und den Spuren der Menschheit nachspüren. Mit zehn Jahren besuchte die 1913 geborene Britin ihre erste Ausgrabung, begeisterte sich schnell für Steinwerkzeuge und steinzeitliche Höhlenmalereien, kopierte begierig, was Menschen vor Urzeiten an die Wände gekritzelt hatten.

Doch zunächst hatte sich Nicol mit ihrer Trotzhaltung den Weg zur Archäologie verbaut: Keine Universität wollte die mehrfach von der Schule geflogene Frau in ihre Reihen aufnehmen. Aber Formalitäten scherten die junge Archäologie-Enthusiastin nicht: In London setzte sie sich als Gasthörerin in Vorlesungen über Archäologie und Geologie, saugte begierig alles Wissen auf und erregte schließlich die Aufmerksamkeit ihrer Professoren.

Die Beharrlichkeit der Autodidaktin wurde belohnt: Sir Mortimer Wheeler, einer der bekanntesten Archäologen Großbritanniens, nahm sie schließlich mit auf eine Ausgrabung. Es dauerte nicht lange, da hatte sich Nicol einen Ruf als vorzügliche Illustratorin von Fundstücken und Lagezeichnungen erworben. 1933 folgte eine Begegnung, die Nicols Leben dauerhaft verändern sollte: Bei den Illustrationsarbeiten für ein neues Buch des Archäologen Louis Leakey kamen sich Autor und Zeichnerin näher, als es der damalige Anstand erlaubte. Der Womanizer ließ sich scheiden, was einen Skandal in akademischen Kreisen nach sich zog. Ohne Hoffnung jetzt noch eine Professur zu erhalten, brach Leakey seine Zelte in Cambridge ab und organisierte eine neue Ausgrabung in Afrika. Mary begleitete ihren Ehemann - schließlich war der Überseetrip genau das, was sich die abenteuerlustige Frau immer vom Leben erhofft hatte.

Ein Irrtum mit Folgen

Von 1935 an arbeitete das Ehepaar vornehmlich in der Olduvai-Schlucht im Norden von Tansania und in Kenia, später halfen ihre drei gemeinsamen Söhne mit. Ein erster bedeutender Fund gelang Mary Leakey, die stets rauchend und mit ihren beiden Dalmatinern unterwegs war, im Oktober 1948 auf der Insel Rusinga im Victoriasee: Ober- und Unterkiefer und sämtliche Zähne eines 18 Millionen Jahre alten Proconsul africanus.

Weltweite Berühmtheit sollten die Leakeys aber erst elf Jahre später erringen - mit einem Irrtum. Am 17. Juli 1959 entdeckte Mary in der braunen Erde der Olduvai-Schlucht einen weiteren Schädel. Ihr Ehemann Louis erklärte das Fundstück - obwohl er selbst erhebliche Zweifel hatte - zu einem Vorfahren des Menschen. Der Forscher war begierig danach, Charles Darwins Theorie zu beweisen, dass der Ursprung des Menschen in Afrika und nicht in Asien liege.

Kurzerhand erfand Leakey eine neue Gattung: den Zinjanthropus bosei, kurz "Zinji", nach dem arabischen Wort für Ostafrika. Doch eigentlich war der Schädel viel zu klein, um das Gehirn eines menschlichen Urahnen zu beherbergen, deutete eher auf einen Australopithecinen, einen Vertreter der "Südaffen", hin, was heute als bestätigt gilt. Doch nahe des Irrtums schlummerte neue Hoffnung: Noch im selben Jahr entdeckte das Forscherteam der Leakeys weitere Knochenreste, graziler als der "Zinji", mit einem größeren Schädelvolumen. 1964 präsentieren sie der Welt den Homo habilis. Ob der "geschickte Mensch" wirklich ein Urahn des Menschen ist oder doch wieder nur ein Vertreter der Australopithecinen, darüber streitet die Forschung bis heute.

Auf den Spuren der Menschenheit

Doch die Entdeckungen wirbelten genug Staub in der Welt der Archäologie auf, um sich Geldquellen für weitere Grabungen zu sichern. Nach dem Tod ihres Mannes 1972 blieb Mary Leakey mit ihren Kindern im Olduvai-Gebiet. 1978 entdeckte das Team auf dem Laetoli-Plateau (50 km südöstlich von Olduvai) Fußspuren aus dem Pliozän: Die versteinerten Abdrücke von aufrecht gehenden Vormenschen in Ostafrika gelten heute als eine der bedeutendsten Entdeckungen zum Ursprung des Menschen.

Der Archäololgie blieb Leakey, die sich trotz ihrer Verdienste nie als Ikone der Frauenbewegung verstand, bis ins hohe Alter hinein treu. Als die Forscherin am 9. Dezember 1996 starb, hatte sie nur einen Wunsch: Ihre Asche sollte in den Olduvai-Fluss gestreut werden.

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