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Die schwierige Suche nach einem Impfstoff

Der Fall Nadja Benaissa hat das Thema HIV-Infektion mit einem Schlag zurück ins öffentliche Bewusstsein katapultiert. Tatsächlich ist der Aids-Erreger seit 25 Jahren ein Thema: Am 23. April 1984 verkündeten Forscher die Entdeckung des Virus - und begannen mit der Suche nach einem Impfstoff. Doch der ist noch immer nicht in Sicht.

Von Kai Kupferschmidt

Die Pressekonferenz war eine Sensation. Am 23. April 1984 verkündete US-Gesundheitsministerin Margaret Heckler in Washington, worauf die Wissenschaft und die Welt gewartet hatten: Das Virus, das die Aids-Erkrankung auslöse, sei gefunden. Heute kennen wir es als HIV, aber damals hieß das Virus noch HTLV-3. Die Forscher waren optimistisch, den Erreger bald in den Griff zu bekommen. Heckler wagte sogar eine Prognose: In zwei Jahren, verkündete sie der Weltöffentlichkeit, könnten vermutlich erste Tests des Impfstoffes durchgeführt werden.

25 Jahre später ist eine Impfung nicht in Sicht und Aids nach wie vor eine der am meisten gefürchteten Krankheiten der Welt. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind inzwischen 25 Millionen Menschen an Aids gestorben, weitere 33 Millionen sind HIV-positiv. Zusammen sind das 58 Millionen Opfer der Aids-Epidemie - mehr Menschen als Frankreich Einwohner hat.

Natürlich gab es auch Erfolge im Kampf gegen Aids, vor allem einen: Haart. Die Abkürzung steht für "Hochaktive Antiretrovirale Therapie". Diese Kombinationstherapie, 1996 eingeführt und seitdem kontinuierlich verbessert, hat HIV-positiven Menschen eine neue Perspektive eröffnet. "Eine HIV-Infektion ist in Deutschland kein Todesurteil mehr", sagt Jürgen Rockstroh, Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft und Mediziner am Universitätsklinikum Bonn. Eine Tablette am Abend, mehr müsse ein Patient nicht nehmen. Die Behandlung drücke die Viren im Blut oftmals unter die Nachweisgrenze klinischer Tests und könne den Ausbruch von Aids jahrzehntelang verhindern. "Infiziert sich heute ein Mann mit 35 Jahren, dann kann er erwarten, 70 Jahre alt zu werden."

Gefährliche Nebenwirkungen

Die Therapie hat aber auch ihre Schattenseiten. "Nur etwa 85 Prozent der Infizierten vertragen die Medikamente überhaupt", sagt Rockstroh. Und auch bei denen gebe es schwere Nebenwirkungen: Ein Herzinfarkt oder Krebs kann die Folge sein. Außerdem kenne niemand die Langzeitwirkungen der Medikamente, schließlich sind sie erst seit einigen Jahren verfügbar. "Natürlich ist es heute nicht mehr so schlimm wie in den 80er Jahren, sich mit HIV anzustecken. Aber ich sehe immer wieder Patienten, die mit 32 Jahren einen Herzinfarkt erleiden."

Dass eine HIV-Infektion behandelbar ist, hat einen unerwünschten Effekt: In Deutschland steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) gab es im Jahr 2001 insgesamt 1443 diagnostizierte HIV-Fälle. 2005 waren es schon 2505, bei denen der Virus festgestellt wurde, und 2008 haben sich rund 3000 Menschen neu infiziert, schätzt das RKI. "Das Virus hat offenbar seinen Schrecken verloren", sagt Dirk Schürmann, Oberarzt an der HIV-Tagesklinik der Berliner Charité. Viele junge Menschen schützten sich nicht mehr ausreichend. Den Millionen Menschen in Entwicklungsländern, die keinen Zugriff auf die teuren Medikamente haben, hilft Haart ohnehin nicht.

Das Ziel bleibt also eine Impfung. Aber was Heckler schon für 1986 prognostizierte, ist auch heute noch in weiter Ferne. "Es wird auf absehbare Zeit wohl keine Impfung gegen HIV geben", sagt Rockstroh. Im Grunde ist das nicht ungewöhnlich. Nachdem der Erreger für Typhus gefunden war, dauerte es 105 Jahre, einen Impfstoff zu entwickeln. Bei Polio waren es 47, bei Masern 42 Jahre. Dennoch: An kaum einer Impfung wurde bislang so intensiv geforscht wie an der gegen HIV. Milliarden Euro wurden in die Entwicklung aussichtsreicher Substanzen gesteckt, es gab mehr als hundert potenzielle Stoffe. Doch kein einziger brachte den gewünschten Erfolg.

Impfung mit gegenteiligem Effekt

Besonders spektakulär scheiterte die Firma Merck 2007. Ihr Impfstoff V520 galt bis dahin als einer der vielversprechendsten. Forscher des Unternehmens hatten drei HIV-Gene in ein gewöhnliches Erkältungsvirus eingeführt. Merck begann 2005, den Impfstoff an 3000 Menschen in Amerika und Australien zu testen. Im September 2007 gab die Firma einen ersten Zwischenstand bekannt: Der Impfstoff hatte das Risiko nicht nur nicht gesenkt, es hatten sich sogar mehr von den geimpften Personen mit HIV infiziert als von den nicht geimpften.

Eines der größten Probleme für Impfforscher ist die genetische Vielfalt des HI-Virus. Zum einen gibt es viele verschiedene HIV-Typen, zum anderen verändert sich das Virus ständig. Im Körper eines Patienten können an einem Tag Milliarden neuer Viruspartikel entstehen. Viele dieser Partikel tragen in ihrem Erbgut kleine Fehler, von denen manche für das Virus von Vorteil sein können. Diese verbreiten sich schnell. So entkommt das Virus immer wieder dem Immunsystem. Oder einem potenziellen Impfstoff.

Jeder Impfstoff beruht darauf, dass der Körper sich gegen krankmachende Erreger wie Viren wehrt, indem er Abwehrstoffe, sogenannte Antikörper, bildet. Dabei entstehen auch sogenannte Gedächtniszellen, die sich die besonderen Merkmale jener Erreger merken, damit sie sie bei einem späteren Kontakt sofort bekämpfen können. Viele Impfstoffe enthalten den Erreger in abgetöteter oder stark abgeschwächter Form. Manche, wie die meisten Grippeimpfstoffe, bestehen nur aus Teilen der Virushülle.

Das HI-Virus scheint aber auch die Struktur seiner Oberfläche beliebig ändern zu können. "Es hat tausende von Impfstudien gegeben", sagt Rockstroh. "Es wurden unterschiedliche Oberflächenstrukturen getestet, aber das Virus hat sie jedes Mal umgehen können."

Wie erfolgreich HIV sich an den Menschen anpasst, konnten Forscher der Universität Oxford vor Kurzem zeigen. Sie untersuchten Menschen, deren Immunsystem von Natur aus besser mit dem Virus zurechtkommt als das der meisten anderen. Dabei stellte sich heraus: In den letzten 20 Jahren hat sich HIV rasend schnell an das Immunsystem dieser Personen angepasst. "Das ist eine Art Hochgeschwindigkeits-Evolution, die wir da beobachten können", sagt Philip Goulder, der die Studie geleitet hat. Für die ohnehin schon schwierige Suche nach einem Impfstoff gegen HIV sei das ein großes Problem: "Selbst wenn wir eine gute Impfung finden sollten, müsste diese regelmäßig geändert werden, um mit dem sich verändernden Virus Schritt zu halten. So ähnlich, wie das heute bei der Grippeimpfung üblich ist."

Zu hohe Erwartungen

Inzwischen ist unter HIV-Forschern die Einsicht verbreitet, dass man zu früh zu viel gewollt hat. Man wisse noch zu wenig über das, was HIV im Körper tatsächlich machte, sagt Rockstroh. "Es ist wenig sinnvoll, jetzt schon Tests an vielen Menschen durchzuführen." Stattdessen müsse man die Krankheit weiter erforschen. Es gebe auch einen neuen Anhaltspunkt: Immer mehr Forscher interessieren sich dafür, warum manche Menschen besser gegen HIV gewappnet sind als andere. "Offenbar gibt es genetische Faktoren, die entscheiden, wie leicht ein Mensch sich infiziert und wie schnell Aids danach ausbricht", sagt Rockstroh. Wenn man verstehe, was diese genetischen Unterschiede genau bedeuten, verstünde man auch besser, wie das Virus die Krankheit auslöse. Anthony Fauci, einer der bekanntesten und erfolgreichsten HIV-Forscher der Welt, sagte kürzlich, es sei an der Zeit, mit dem "Rumfummeln" aufzuhören und wieder ins Labor zurückzugehen: "Wir wissen einfach noch zu wenig über HIV."

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