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Bildung schützt

Die Journalistin und Autorin Stephanie Nolen hat über Aids in Afrika ein außergewöhnliches Buch geschrieben. stern.de erzählte sie, warum infizierte und Aids-kranke Afrikaner mehr als eine Statistik sind und was getan werden sollte, um dem Kontinent zu helfen.

Frau Nolen, eine Zeile in ihrem kürzlich veröffentlichten Buch "28 Geschichten über Aids in Afrika" lautet "Was in Afrika passiert, ist ein Völkermord aus Gleichgültigkeit." Was meinen Sie damit?

Wir sollten uns fragen, welchen Geschichten über Afrika wir Aufmerksamkeit schenken. Interessieren wir uns für den Aufstand, bei dem Menschen die Köpfe weggeschossen werden oder interessiert uns die Geschichte, die Millionen Menschen betrifft? Im englischen Journalismus sagt man "If it bleeds it leads." Wie viele Menschen sterben jährlich an Ebola? Einige Hundert. Aber während sie sterben, kommt Blut aus ihren Augen, also ist es eine gute Geschichte. Menschen mit Aids sterben leise.

In Ihrem Buch erzählen Sie die Lebensgeschichten von 28 Afrikanern, die mit HIV infiziert sind oder sich um infizierte und kranke Menschen kümmern. Warum beschreiben Sie Einzelschicksale, wo doch Millionen betroffen sind?

In Afrika sind 28 Millionen Menschen mit HIV infiziert oder haben Aids. Diese Zahl ist so groß, dass die Menschen sie nicht verstehen. Man muss die Menschen in Afrika zuerst kennen lernen. Deshalb habe ich das Buch auf diese Weise geschrieben. Ich beschreibe persönliche Geschichten, so dass die Zahlen ein Gesicht bekommen. Es kann keinen Dialog darüber geben, wie man Afrika unterstützen und in seinem Kampf gegen die Krankheit helfen kann, solange die betroffenen Menschen nur eine Statistik sind.

Der Kampf gegen Aids und Hilfe für Afrika stand auch auf der Agenda des G8-Gipfels in Heiligendamm. Darüber wurde auch bei früheren Gipfeln gesprochen.

Universeller Zugang zur HIV- und Aids-Behandlung bis 2010 - das war eines der Hauptziele des G8-Gipfels 2005 in Gleneagles, Großbritannien. Und bisher sieht die Entwicklung gut aus. Als ich vor etwa vier Jahren begann, über Aids zu berichten, hatten in Afrika weniger als 100.000 Menschen Zugang zu den Medikamenten. Mittlerweile können 1,5 Millionen Menschen behandelt werden. Es werden Kondome verteilt, es gibt Medikamente, die die Übertragung des Virus von Schwangeren auf ihre Babys verhindern, und Medikamente für Menschen, bei denen Aids ausgebrochen ist.

Was würden Sie Merkel, Bush, Sarkozy und den anderen Staats- und Regierungschefs in Bezug auf ihre Arbeit zur Bekämpfung von Aids sagen?

Ich würde sie darauf aufmerksam machen, dass das größte Problem bei der Behandlung mittlerweile nicht mehr der Preis von Medikamenten ist. Es gibt günstige Präparate, die für Aidskranke in Afrika zur Verfügung stehen. Aber die Bemühungen dürfen nicht nur auf das Verfügbarmachen und die Bezahlbarkeit der Medikamente ausgerichtet werden. Die Gesundheitssysteme in afrikanischen Ländern sind durch den HI-Virus und Aids sehr angegriffen. Wenn ein Drittel der Krankenschwestern und Apotheker und die Hälfte der Ärzte eines Landes durch die Krankheit ums Leben gekommen sind, bringen auch billige Medikamente nichts, weil niemand da ist, der sie verteilen und Kranke in die korrekte Anwendung einweisen kann. Bisher wurde den Gesundheitssystemen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Geberländer müssen also auch Geld in deren Auf- und Ausbau stecken.

Gibt es noch andere Themen, die Sie ansprechen würden?

Internationale Handelsregularien müssen geändert werden, die Landwirtschaft muss gefördert werden, die Wirtschaft muss angekurbelt werden, die Möglichkeit auf Schulbildung muss gegeben sein. In Afrika kostet der Schulbesuch Geld. Das können sich viele nicht leisten. Öffentliche Schulen in Deutschland sind kostenlos. Wieso müssen also beispielsweise Sambier dafür bezahlen? Die Weltbank hat diese Regelung festgelegt. Daran muss sich etwas ändern.

Was hat das denn mit Aids zu tun?

Studien zeigen, dass Unabhängigkeit, Bildung und Einkommen Frauen in Afrika am besten vor Aids schützen. Jedes Jahr, das ein Mädchen in der Schule verbringt, macht es weniger anfällig für eine Infektion mit HIV. Mit einem Einkommen haben Frauen außerdem viel mehr Kontrolle darüber, mit wem sie Sex haben. Sie bekommen Medikamente, wenn sie sich angesteckt haben, aber es wird nichts getan, was diesen Frauen erlauben würde, sich selbst zu schützen: Bildung und Einkommen.

Aids darf also nicht isoliert betrachtet werden?

Aids, Bildung, Wirtschaft sind miteinander verkettet. Es ist eine Farce, Aidsprogramme ins Leben zu rufen, aber die Wirtschaft der Länder nicht zu fördern. Es werden Millionen für die Aids-Prävention und Aids-Behandlung ausgegeben; gleichzeitig werden aber die Bedingungen, welche die Menschen für Aids angreifbar machen nicht geändert: geringe Schulbildung, wirtschaftliche Probleme, geringe Einkommen, Handelsbarrieren.

Interview: Kathrin Pohler

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