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Kann ein Amoklauf Nachahmer zu weiteren Taten animieren?

Drei Anschläge kurz hintereinander: Ungewöhnlich ist das nicht, sagt ein Amokforscher. Er erklärt, warum die Gefahr für Nachahmer steigt und was sich dagegen tun lässt.

Von Lea Wolz

Zehn Menschen starben bei dem Anschlag in München, darunter der Täter

Zehn Menschen starben bei dem Anschlag in München, darunter der Täter

Herr Hoffmann, erst Würzburg, dann München, nun Ansbach. Die schlechten Nachrichten häufen sich gerade. Löst ein weitere aus?

Über die aktuellen Fälle wissen wir noch zu wenig. Hier lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen, dass ein Täter durch die anderen zu dem Anschlag motiviert wurde. Bekannt ist allerdings, dass es diesen Nachahmungseffekt - bei Suiziden als Werther-Effekt bezeichnet - auch bei Amokläufen gibt. Wird eine solche Tat durch die Berichterstattung publik, kann dies dazu führen, dass andere potenzielle Täter ihr bereits gefasstes Vorhaben nun umsetzen. Die Tat kann ein Beschleuniger sein.

Gibt es nach einem Amoklauf einen Zeitraum, in dem die Gefahr für weitere Gewaltakte erhöht ist?

Kollegen aus den USA haben dazu im vergangen Jahr eine Untersuchung veröffentlicht. Darin zeigten sie, dass sich in den zwei Wochen nach einer solch öffentlichkeitswirksamen Gewalttat das Risiko für weitere Amokläufe um 22 bis 30 Prozent erhöht. Danach sinkt es wieder. Der Terror verbreitet sich ähnlich wie ein ansteckendes Virus - wobei Medien dazu beitragen. Ob eine Gewalttat zu weiteren führt, hängt auch sehr stark davon ab, wie darüber berichtet wird.

Inwiefern?

Wenn ein Gewaltakt  tagelang in großem Umfang und in jeder Einzelheit thematisiert wird, dann macht das deutlich: Der Täter kann dadurch eine Art Berühmtheit erlangen. Eine Kollege hat es mal so formuliert: Es ist besser, von der gesucht zu werden, als gar nicht. Unter Umständen ist eine negative Identität attraktiver als das Gefühl, ein Niemand zu sein. Wer voller Wut ist, keinen Ausweg sieht, glaubt, im Leben keine Rolle zu spielen, für den kann eine solche, schreckliche Tat ein Weg aus der Bedeutungslosigkeit sein. Erst recht, wenn sich noch die Gelegenheit bietet, die Gewalt mit einer Ideologie zu ummanteln.

Gar nicht über die Taten zu berichten, ist allerdings auch kein Weg.

Das sicher nicht. Aber es gibt anerkannte Standards für einen verantwortungsvollen journalistischen Umgang mit Amokläufen. Dazu gehört: Nicht spektakulär berichten und nicht spekulieren. Keine unverpixelten Bilder zeigen - weder von dem Täter noch von den Opfern, auch nicht in Videos. Den Namen des Täters nicht nennen. Die Artikel nicht auf ihn fokussieren, sondern auf das Leid, das seine Tat ausgelöst hat. Solche klaren Regeln kennen wir auch aus der Suizidberichterstattung. Auch bei diesem Thema gibt es belegte Nachahmereffekte. Sie lassen sich vermeiden, indem nüchtern, sachlich und möglichst knapp  berichtet wird - ohne etwa den Suizid in allen Einzelheiten darzustellen oder Abschiedsbriefe zu veröffentlichen. Das gilt auch für Amokläufer. Auch sie sollten nicht heroisiert werden. Wenn wir die Täter durch die Art der Berichterstattung berühmt machen, produzieren wir weitere. Das lässt sich ganz klar sagen.

Wobei ja die Täter selbst mitunter ihre Taten im Netz verbreiten - durch Abschiedsvideos oder sogar Livemitschnitte der Grausamkeiten.

Wir haben das bereits vor drei Jahren mit amerikanischen Kollegen diskutiert. Ihre Befürchtung war damals schon: Irgendwann wird ein solches Verbrechen live vom Täter übertragen. In Paris haben wir das nun bei der Ermordung des Polizistenehepaares erlebt. Tatsächlich ist diese Möglichkeit der Inszenierung beunruhigend, da sie den Tätern ein noch größeres Machtgefühl gibt. Auch hier gilt für Redaktionen und für Privatpersonen: Nicht groß machen, nicht verbreiten, möglichst schnell dafür sorgen, dass solche Videos entfernt werden und, auch wenn es schwer fällt, ignorieren.

Wer ist für den Nachahmungseffekt anfällig?

Besonders gefährdet sind Jugendliche und junge Erwachsene. Sie sind noch auf der Suche nach ihrer Identität, orientieren sich stark an anderen. Das können eben auch schlechte Vorbilder sein.  

Was lässt sich dagegen tun?

Die Diskussion über Gewaltspiele, die auch nun wieder von Politikern bemüht wird, ist müßig. Solche Ego-Shooter können problematisch sein, aber sie verursachen keinen Amoklauf. Auch der Ruf nach mehr Polizei und mehr Überwachung geht am Kern des Problems vorbei. Wir müssen über Prävention sprechen. Der Täter aus war in der Schule auffällig. In den meisten Schulen gibt es Krisenteams. Diese können sich schulen lassen, etwa mit dem Programm "KomPass", das unser Institut gefördert durch das Bundesinstitut für Bildung und Forschung entwickelt hat. Es hilft Pädagogen zu erkennen, ob sich ein Schüler auf dem Weg zur Gewalt befindet und liefert Informationen, was sich dagegen tun lässt. Diese Programme gibt es, sie werden nur zu wenig genutzt.

Das alleine reicht aus?

Die Schweiz zeigt, dass lokale Strukturen für ein gutes Bedrohungsmanagement wichtig sind. Wenn Beratungsstellen, Polizei, Psychologen und Pädagogen zusammenarbeiten und genau hinschauen, dann können zumindest viele dieser Taten verhindert werden. 

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