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Leben ohne Worte

Als die 26-jährige Steffi nach einem Schlaganfall erwacht, kann sie nicht mehr sprechen. Sie leidet an einem schweren Fall von Aphasie. Nun kämpft sie gegen die Sprachlosigkeit.

Von Björn Erichsen

"Ich hätte gern das da", sagt Steffi und tippt mit dem Finger auf die Speisekarte. Der Kellner blickt verdutzt zu ihr herüber, notiert sich dann aber "Pizza Conchita" in seinen kleinen Block. Später, beim Abkassieren, bittet sie den Kellner, ihr die Rechnung zu zeigen und schaut dann ungewöhnlich lange auf die Zahlen. Sie spürt seinen Ärger über die vermeintliche Kontrolle. Dabei ist es einfach nur ein Missverständnis - er kann ja nicht ahnen, dass sie gerade wieder erste Schritte in der Welt der Sprachgesunden wagt.

Es ist ein Tag im Mai 2005, als Steffis Leben aus dem Takt kommt. In ihrer Heimatstadt Kappeln, ganz im Norden Deutschlands gelegen, feiert die Krankenschwester den Polterabend einer Freundin. Sie freut sich über die vielen alten Bekannten und hat viel zu erzählen, etwa dass sie gerade zur Fachbeauftragten befördert worden ist. Plötzlich spürt Steffi, wie eine seltsame Kälte ihr rechtes Bein empor kriecht, dann setzt heftiger, pochender Kopfschmerz ein. Steffi taumelt, fasst sich immer wieder an die Schläfen und stammelt "Ich glaube, in meinem Kopf hat es geknallt."

Im Krankenhaus dann die Gewissheit: Hirnblutungen, Steffi schwebt in Lebensgefahr. Mit dem Rettungshubschrauber geht es in die Universitäts-Klinik nach Kiel. Eine Notoperation stabilisiert sie zunächst, doch weitere Eingriffe sind unumgänglich. Am Morgen des siebten Tages auf der Intensivstation die nächste Hiobsbotschaft: ein Schlaganfall. Im künstlichen Koma ringt sie mehr als zwei Wochen mit dem Tod. Die Ärzte geben ihr eine Überlebenschance von 20 Prozent. Ein letzter Eingriff erfolgt am 13. Juni, erst da zeichnet sich ab, sie wird durchkommen. Es ist ihr 26. Geburtstag.

Als Steffi aus dem tiefen Schlaf erwacht, ist ein Pfleger bei ihr. Vorsichtig fragt er, wie es ihr geht. Aber aus ihrem Mund kommt nur ein leises Säuseln, ein wirrer Mix aus Lauten, Silben und Worten. Sie hält sich die Hand vor den Mund. "Oh, was passiert hier?", entfährt es ihr. Durch den Schlaganfall ist ihre linke Hirnhälfte in Mitleidenschaft gezogen worden. Dort befinden sich Faserverbindungen, deren Aufgabe es ist, Sprache zu verarbeiten und zu produzieren. Die Ärzte diagnostizieren bei Steffi eine Globale Aphasie, Sprechen und Verstehen sind schwer beeinträchtig, Schreiben, Lesen und Rechnen nicht mehr möglich.

Drei Tage nach der letzten OP wird sie zur Rehabilitation in die neurologische Station einer Klinik im schleswig-holsteinischen Malente überführt. Von der blonden, attraktiven Frau ist nach vier Wochen Intensivstation nur ein abgemagerter Schatten übrig geblieben. Die Narben auf ihrem kahlrasierten Kopf verbirgt sie unter einem rosa Kopftuch. Sie klagt über Lähmungserscheinungen und eine Einschränkung des Sichtfeldes zur rechten Seite, hat aber ansonsten den Schlaganfall relativ glimpflich überstanden. Sie durchlebt Momente vollständiger Hilflosigkeit, selbst einfachste Dinge wollen nicht mehr von selbst gelingen. Duschen beispielsweise, oder essen mit Besteck.

"Dass ich nicht mehr richtig sprechen konnte, habe ich nur am Rande mitbekommen", erinnert sich Steffi. "Natürlich fiel mir auf, dass irgendwas nicht stimmte, aber zu dieser Zeit hatte ich so viele Probleme, dass ich das nicht weiter hinterfragt habe." Einen vollständigen Satz hat sie in den ersten Wochen in Malente nur selten hinbekommen. Starke Wortfindungsstörungen prägen ihre Sprechversuche, mit großen Anstrengungen ringt sie um jeden Buchstaben. Automatismen füllen häufig das entstehende Schweigen: "Komisch", sagt sie sehr oft, oder "Meine Mutter" zu jedem, der sie besucht.

Manchmal hat Steffi auch ganz eigene Bezeichnungen, bildet sogenannte Neologismen. Dann ist bei Zuhörern Fantasie gefragt. "Möpfelchen und Pröpfelchen" das sind bei ihr Mann und Frau, "Zwickelträger" die vielen alten Leute rings um sie herum auf der Station. Und jemanden gern haben, das heißt "Lümpeln".

Ein Orchester ohne Dirigent

Auch wenn es Außenstehenden manchmal so erscheinen mag - eine Aphasie ist keine Denkstörung. Die Betroffenen registrieren, was um sie herum geschieht, haben weiterhin ihre Persönlichkeit, ihre Erfahrungen und all ihr Wissen. "Aphasiker scheitern lediglich daran, die richtigem Buchstaben und Wörter im richtigen Moment abzurufen und zu verständlichen Sätzen zu kombinieren", erklärt Dr. Luise Lutz, Neurolinguistin und seit über 25 Jahren spezialisiert auf die Aphasikertherapie. "Man kann sich das wie ein Orchester vorstellen, dem der Dirigent abhanden gekommen ist. Jeder einzelne Musiker spielt deswegen nicht schlechter, doch eine gemeinsame Melodie kommt nicht zu Stande."

Eine Auswirkung der Disharmonie in ihrem Kopf bekommt Steffi schnell zu spüren: Langeweile. Wenn sie nicht gerade untersucht wird und auch kein Besuch da ist, liegt sie in ihrem Bett und starrt die Wand an. Der übliche Krankenhauszeitvertreib scheidet aus: Im Fernsehen versteht sie die Dialoge nicht und lesen kann sie auch nicht. Das wurmt sie ganz besonders, denn vor ihrem Schlaganfall verschlang sie mindestens ein Buch pro Woche. Auf schwierige Gesprächsversuche mit den "Zwickelträgern" kann sie gut verzichten. Und ihre Kollegen vom Krankenhauspersonal will sie nicht aufhalten. Sie weiß genau, dass deren Arbeitszeiten nur wenig Raum lassen für einen Plausch mit einem Aphasiker.

Aphasie ein Leben lang?

Nach etwa 14 Tagen in der Reha erfährt Steffi von ihrer Logopädin erstmals etwas über den Verlauf von Aphasien. Dieser sei sehr unterschiedlich, starken Schwankungen unterlegen und selbst bei intensiver Therapie durch Logopäden und Ergotherapeuten könne es Jahre dauern, bis die Symptome verschwinden würden. Wenn überhaupt. Bei dieser Nachricht verliert Steffi den Boden unter ihren Füßen. Sie wird wütend, wirft Bücher an die Wand, hat dann lange Weinkrämpfe. Bisher hatte Steffi all die Hilflosigkeit der letzten sechs Wochen mit großem Gleichmut ertragen, ja manchmal sogar mit Humor. Doch nun bricht alles aus ihr heraus.

"Dieser Moment war wirklich schlimm", erinnert sich Steffi. "Ich dachte, ich hätte all den Ärger langsam mal hinter mir. Und nun sagt man mir, dass ich vielleicht nie wieder richtig sprechen kann? Da habe ich große Angst bekommen. Angst davor, dass ich nie wieder in meinen Job zurück kann und alles nicht mehr so wird wie früher. So normal, so einfach." In der nächsten Zeit leidet Steffi an starken Depressionen, hat viel Zeit zum Nachdenken. Das Ergebnis, als es ihr besser geht: Sie beschließt, gegen das Schweigen mit aller Macht zu kämpfen.

Lesen Sie im zweiten Teil von Missverständnissen, gedankenloser Diskriminierung und kleinen Tücken, die der Alltag in der Großstadt für einen Aphasiker bereithält.

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