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Die Legende vom "Nordsee-Atlantis"

Sagenhaft reich sollen sie gewesen sein, die Bewohner von Rungholt an der Nordsee. Doch dann verschlang eine Sturmflut die Siedlung - und der Mythos begann. Was wirklich dran ist am Nordsee-Atlantis, erforschen Archäologen noch heute.

Manchmal entstehen historische Legenden durch Fantasie und Zufall. Im Fall von Rungholt war es die Leidenschaft eines Hobbydichters, der ein uraltes Schauermärchen vor dem Vergessen bewahrte: 1882 ließ sich der Pellwormer Landvogt Detlev von Liliencron von lokalen Sagen zu einer romantischen Ballade über die sagenhaft reiche, in den Fluten der Nordsee versunkene Stadt inspirieren. Das Stück wurde berühmt, und spätestens als ein Husumer Bauer rund 40 Jahre später im Nordseewatt auf die Überreste jener Siedlung gestoßen zu sein glaubte, war der Rungholt-Mythos geboren. Hatte das unglückliche "Nordsee-Atlantis" tatsächlich existiert?

Auch professionelle Archäologen und Historiker haben sich nach anfänglichem Zögern daran gewagt, diese Frage zu beantworten. In mühseliger Kleinarbeit durchkämmten sie jahrzehntelang den Schlick des Wattenmeeres und suchten in staubigen Archiven nach Hinweisen. Mittlerweile sind sie überzeugt: Einen Ort namens Rungholt hat es zwar tatsächlich gegeben, der Mythos einer blühenden Handelsmetropole an der nordfriesischen Küste aber ist nur dichterische Fiktion. "Das alles ist auf Liliencrons Mist gewachsen und hat keine historische Rechtfertigung", sagt Albert Panten, Rungholt-Kenner aus Niebüll.

Verheerende Sturmflut im Jahr 1362

Auch für Hans Joachim Kühn, Wattenmeer-Experte des Archäologischen Landesamts Schleswig-Holstein, haben die bis heute sporadisch immer wieder durch Bücher geisternden Spekulationen über historische Sensationen im Watt mit der Realität nichts zu tun. Hätte Liliencorn das Schicksal von Rungholt nicht ausgeschmückt, würde sich wohl kaum jemand für den Ort interessieren: "Das Problem ist, dass Fantasie untrennbar mit dem tatsächlich Geschehenen verschmolzen ist."

Tatsächlich hat es im Spät-Mittelalter an der nordfriesischen Küste ein Kirchspiel namens Rungholt gegeben, einen vergleichsweise dicht besiedelten Rungholtkoog sogar. Das belegen alte Unterlagen aus dem Archiv des Schleswiger Bischofs. Das Gotteshaus lag auf einer großen Insel im Wattenmeer nördlich der Halbinsel Eiderstedt, die 1362 in einer verheerenden Sturmflut teilweise überflutet wurde.

Fast 30 so genannte Kirchspiele wurden dabei oder bei weiteren Fluten in den folgenden Jahrzehnten verwüstet, darunter Rungholt. Warum sich die Erinnerung ausgerechnet mit diesem Namen verband, ist unklar. Fest steht nur, dass unter den Küstenbewohnern in den Jahrhunderten danach bunte Geschichten über das Ende des angeblich von Gott bestraften Orts kursierten. "Es ist ein Synonym für die vielen in dieser Flut untergegangenen Kirchspiele geworden, die es mindestens ebenso schwer getroffen hat", erläutert der Historiker Hans-Herbert Henningsen.

Mühsame Spurensuche im Watt

Über die Lage der Rungholter Kirche schweigen sich die Quellen indes aus, konkrete nachprüfbare Angaben enthalten auch die teils in Chroniken überlieferten volkstümlichen Sagen nicht. Die ersten Karten des 1362 überschwemmten Gebiets entstanden erst im 17. Jahrhundert mit großem zeitlichen Abstand zu der Katastrophe. Die spekulativen Werke zur Ortsbestimmung einzusetzen, sei "verheerend", meint Kühn.

So bleibt den Forschern als einziger Ansatzpunkt weiterhin nur die mühsame Spurensuche auf den am Ende des Mittelalters überfluteten Siedlungsflächen. Das riesige Gebiet zwischen der heutigen Insel Pellworm, Nordstrand sowie der kleinen Hallig Südfall ist übersät mit Häuserresten und anderen Siedlungsspuren, die dort hin und wieder durch Gezeitenströme aus dem Schlick des Watts gespült werden.

Tatsächlich stießen die Forscher dort schon vor längerer Zeit auf eine größere Siedlung aus der Rungholt-Zeit. Schätzungsweise 500 bis 1000 Einwohner lebten dort, auch eine Kirche gab es in dem für die damalige Gegend offenbar recht bedeutsamen Ort. Für Henningsen ist daher "zu 95 Prozent" sicher, dass es um das Zentrum des in den alten Kirchenlisten als bevölkerungsreich bezeichneten Rungholtgebiets handelt. Auch Landesarchäologe Kühn hält dies durchaus für plausibel, bleibt aber vorsichtiger: "Der Ort hatte eine Kirche, also einen Namen - aber ob dieser Name Rungholt war, das kann ich nicht sagen."

Die These vom sagenhaften Reichtum der Rungholter halten die Forscher so oder so für eindeutig widerlegt. Tausende Tonscherben, Tierknochen und Holzreste fanden sie in der Siedlung und an anderen Fundstellen. Auf Hinterlassenschaften einer vermögenden Oberschicht oder Hinweise auf Fernhandel stießen sie im Watt aber bislang nirgends. "Alles Kleinkram", sagt Kühn. Die nordfriesische Küste war im ausgehenden Mittelalter auch nach Henningsens Überzeugung ein unwirtlicher Landstrich. Die Menschen trieben Landwirtschaft; einige handelten wohl mit Butter oder Wolle und hin und wieder vielleicht Bernstein. "Es war ein bescheidenes Leben", meint der Rungholt-Kenner.

Sebastian Bronst/DPA/DPA
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