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Die Psychologie des Bösen

Während immer mehr Details über den Attentäter bekannt werden, bleibt seine Tat rätselhaft. Dabei sei das Ausmaß der Vernichtung zwar ungewöhnlich, der Tätertypus aber nicht neu, sagt ein Psychologe.

Von Lea Wolz

Er kam in Polizeiuniform auf die Insel Utøya in Norwegen und schoss kaltblütig um sich: Mehr als 70 Menschen tötete der mutmaßliche Attentäter Anders Behring Breivik. Was ist das für ein Mensch, der ein solch abscheuliches Blutbad anrichtet und im Nachhinein das Gefühl hat, etwas Großes getan zu haben?

Die Öffentlichkeit lernt zurzeit zwei Seiten des 32-Jährigen kennen: Da ist der nette Junge von nebenan, ein Allerweltsmensch, den die Nachbarn als "sauber und ordentlich" beschreiben. Und da ist der eiskalte Killer, der anderthalb Stunden kaltblütig auf Jugendliche schießt, sich im Netz als Schütze mit Sturmgewehr präsentiert, der sich eine abstruse Ideologie zusammengezimmert und in einem Manifest veröffentlicht hat.

Nun versucht der Attentäter, möglichst viele Menschen in seine wirre Gedankenwelt zu ziehen. Die Zeit nach seiner Festnahme betrachtet Breivik in seinem Manifest als "Propagandaphase" und bittet - schon fast höflich darum - sein "Buch" zu verbreiten und in andere Sprachen zu übersetzen.

Täter verfolgen innere Logik

Das Ausmaß der Vernichtung sei ungewöhnlich, aber der Tätertypus nicht neu, sagt Jens Hoffmann, Psychologe und Leiter des Darmstädter Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagment. "Das sind Menschen, die sich als Kämpfer gegen ein unmenschliches System sehen, als eine Ein-Mann-Armee." Sie würden auf politische Ideologien aufsatteln, um ihre eigenen Gefühle von Minderwertigkeit zu kompensieren.

"Täter wie Breivik betrachten sich als Auserwählte, die sich in ihre Fantasiewelt verstricken und ihre grausamen Vorhaben mit einer inneren Logik verfolgen", so der Darmstädter Psychologe. "Er hat auf eine Tat hingearbeitet, die den Höhepunkt seines Lebens darstellen sollte."

Der Killer von Oslo tüftelte neun Jahre an seinem teuflischen Plan und er nutzte gezielt das Internet um seine demagogischen Hassbotschaften und seine Ideologie zu verbreiten.

Einige Tage vor der Tat veröffentlichte er über Twitter die Nachricht, dass "ein Mensch mit festem Glauben so stark sei wie 100.000 Menschen, die nur Interessen haben". In einem skurrilen Video präsentierte er zusammengefasst die Grundzüge seiner Theorie. Kurz vor der Tat stellte er sein Manifest online, eine wirre Schrift mit dem Titel "2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung".

Bekannte Muster

Diese lange Phase der Vorbereitung und Planung ist dem Psychologen Hoffmann zufolge nicht ungewöhnlich - genauso wie die Tatsache, dass die Attentäter auf ihr Vorhaben hinweisen. "Wir beobachten immer wieder, dass Täter ihre Gedanken und Intentionen im Netz verbreiten, dass sie auch gleichsam ihren Nachlass regeln, indem sie zum Beispiel ein Manifest online stellen", sagt der Psychologe. "Das sind Muster, die wir kennen."

Dabei glaubt Hoffmann nicht, dass der Täter geistig verwirrt ist. "Möglicherweise, allerdings mit einer nicht sehr hohen Wahrscheinlichkeit, hat er eine Wahnstörung. Doch Menschen mit einer Wahnstörung können auch sehr strukturiert vorgehen", sagt der Psychologe. Auch das Manifest des Massenmörders, in dem er viel Gedankengut aus anderen Quellen vermischt, deutet auf einen intelligenten und rationalen Menschen hin. Aber auf einen, der in seiner eigenen, abstrusen Welt gefangen ist - und der das Töten dazu nutzt, um seine irre Ideologie zu verbreiten.

Akribisch geplante Inszenierung

1516 Seiten umfasst die krude Schrift von Breivik. Darin interviewt er sich auch selbst und beschreibt sich als Spross einer "typischen norwegischen Familie aus der Mittelklasse". Er betrachtet sich als "entspannten und größtenteils toleranten" Menschen. Über die Tat sagte der Killer im Nachhinein, dass sie grausam, aber nötig gewesen sei.

"Diese Aussage zeigt deutlich, dass es sein Ziel ist, ein Held zu werden", sagt Psychologe Hoffmann. "Er sieht sich auf einer Mission und hofft, in die Geschichtsbücher einzugehen." In dieser Hinsicht weise die Tat strukturelle Ähnlichkeiten zu Attentaten auf Politiker auf.

Auf dem Foto, das Breivik bei Facebook von sich veröffentlicht hat, sieht der kaltblütige Mörder erschreckend normal aus: ein blonder junger Mann, sauber gekleidet, die Haare sorgfältig gekämmt. Eine Normalität, die genauso gezielt inszeniert ist wie die anderen Aufnahmen, die den 32-Jährigen als schneidigen Offizier mit einem auf den Ärmel aufgenähten Totenkopf zeigen oder als stahlharten Kampfschwimmer?

"Man darf keine Monster erwarten", sagt Psychologe Hoffmann. "Was wir sehen, ist allerdings tatsächlich eine akribisch geplante Inszenierung. Und sie ist aufgegangen." Weltweit würden die Bilder nun veröffentlicht, damit habe Breivik genau die Bühne für sich und seine wahnhaften Gedanken bekommen, die er sich erhofft habe. Und es sei ihm gelungen, sich zum Vorbild für mögliche Nachahmer zu stilisieren.

Gefühl der Allmacht

Dass sich der Attentäter nach seiner grausamen Tat nicht selbst getötet hat, überrascht den Darmstädter Psychologen daher nicht. "Es war sein Ziel, durch diese Tat Größe und Aufmerksamkeit zu erlangen." Dies zeige auch die Tatsache, dass er zu dem Hafttermin in Uniform erscheinen und diesen Termin noch nutzen wollte, um seine Botschaft zu verbreiten. "Es war gut, dass man ihm dazu nicht die Gelegenheit gegeben hat", so Hoffmann.

Doch was lässt einen Menschen zu einem Massenmörder werden? Gibt es Schlüsselerlebnisse? "Es sind nicht ein, zwei Ereignisse, die so etwas auslösen", sagt Hoffmann. Vielmehr sei es meist eine Entwicklung, die aus vielen kleinen Einzelelementen bestünde - "aus Kränkungen, dem Gefühl ausgeschlossen zu sein oder einer alten Wut, die auf etwas anderes übertragen wird". Die Erfahrung zeige, dass mit dem Gefühl der Allmacht zumeist ein schwaches Selbstwertgefühl übertüncht werden soll.

Das Manifest, ein Dokument der Selbstinszenierung, hat Breivik ungefähr drei Stunden vor dem ersten Anschlag abgeschlossen. "Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein", schrieb er. Und während immer mehr über die Person des Täters bekannt wird, befindet sich ein ganzes Land in der Identitätskrise.

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