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Bunt trieben es die alten Griechen

Ob Akropolis oder Parthenon - beim Stichwort Antike denken wir sofort an weißen Marmor. Die Ausstellung "Bunte Götter. Die farbenfrohe Welt der Alten Griechen" beweist: Die Antike war nicht so weiß, wie wir glauben.

Von Angelika Dehmel

Der griechische Aphaia-Tempel erstrahlt im klaren majestätischen Weiß. Doch er ist nur das Hintergrundbild. Eine Rekonstruktion des Tempels zeigt, wie ihn Zeitgenossen wirklich sahen. Während halb Hamburg draußen den Frühling genießt, hat es einige in das Museum für Kunst und Gewerbe verschlagen, magisch angezogen durch die Chance, "Bunte Götter" zu sehen.

Rekonstruktion mit Originalfarben

Mit Klappstühlen bewaffnet - schließlich soll die Initiation in die Welt der Farbigkeit direkt vor den Exponaten stattfinden - versammeln sich 20 Wissbegierige im Vorsaal der Ausstellung. Sie werden sofort von Kurator Frank Hildebrandt mit ihren Vorurteilen konfrontiert: Weißer Marmor, glatt geschmirgelter Stein, "klassische" Eleganz? Die Ausstellung befreit radikal von jahrelang gelebter Farbenblindheit.

Hildebrandt erklärt, wie das Wissenschaftlerteam um das Münchner Forscherehepaar Brinkmann in jahrzehntelanger Arbeit hinter das Geheimnis der Figuren gekommen ist. Es gibt vier Methoden, um die Farbigkeit zu rekonstruieren: Schriftquellen, das Dokumentieren von Farbresten an Ausgrabungsstücken, naturwissenschaftliche Methoden wie Pigmentanalyse und die Untersuchung der Objektoberfläche mit sogenanntem Streiflicht oder UV-Licht. "Damit kann man dann relativ sicher sagen, ob und wie eine Figur bemalt war", erklärt Hildebrandt. Die Objekte werden dann bis ins Detail nachgebaut und anschließend bemalt. Bei dieser Farb-Rekonstruktion arbeiten die Forscher mit den Originalfarben, zum Beispiel Purpur, Goldocker oder zerstoßenen Mineralien.

"Die Kunst in der Antike war politisch"

Dank dieser Methode sehen Ausstellungsbesucher die Kunstwerke mit den Augen Platons. Die Giebel des circa 2500 Jahre alten Aphaia-Tempels sind mit rot-blauen Ornamenten verziert. Fast schon berühmt ist die Giebelfigur eines Bogenschützen, mit der die Ausstellung wirbt. Der sogenannte Paris leuchtet in seinem gelben Gewand mit buntem Rautenmuster, sodass er schon von weitem deutlich zu erkennen ist. Genau das hatten die antiken Erbauer bezweckt, denn die Figuren befanden sich mehrere Meter über den Köpfen der Menschen. Durch die Farbe waren sie auch von unten deutlich zu erkennen. So ein weit sichtbares "Statement" war wichtig, denn "in der Antike galten unsere Vorstellung von Ästhetik nicht", erklärt Hildebrandt. "Die Kunst der Antike war immer zweckgebunden und politisch." Die Figuren des Aphaia-Tempels erzählten den Griechen demnach von den heldenhaften Taten der Griechen gegen Trojaner.

Auch andere Forschungszweige profitieren von den neuen Erkenntnissen der Farbigkeit. Viele Objekte können so überhaupt erst eingeordnet werden, beispielsweise anhand der aufgemalten Kleidung. "Unser Bild von der athenischen Demokratie muss revidiert werden", so der Kurator. Im fünften bis ersten Jahrhundert vor Christi zeigte sich mehr und mehr eine Klassengesellschaft. Grabdenkmäler wurden immer prestigeträchtiger, während andererseits manche Vasen aus Kostengründen nur einseitig bemalt wurden. "Denn: Was zur Wand zeigte, sah ja keiner", sagt Hildebrandt.

Farbreste sind mit bloßem Auge erkennbar

Dass die Antike nicht vornehm blass war, ist schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt. Auf vielen Objekten in der Ausstellung sind Farbreste zudem eindeutig mit bloßem Auge zu erkennen. Angesichts der bunten und nicht ausradierbaren Argumente, stellt eine Besucherin die entscheidende Frage: "Warum steht das so nicht in den Schulbüchern?"

Eine eindeutige Antwort darauf hat auch Hildebrandt nicht. "In den alten Museen in Griechenland und Italien wurden Fundstücke oft mit Metallbürsten geschrubbt und mit Säuren behandelt." Da blieb kein Farbrest mehr übrig. Man bemühe sich jedoch um Aufklärung. Die Stiftung hat Kontakt zu Schulbuchverlagen, und im Rahmen der Ausstellung bietet das Museum Führungen speziell für Schulklassen an. Zudem werden Ende April Lehrerkurse angeboten, gerade für relevante Fächer wie Kunst oder Latein.

Ein neues Weltbild für die Besucher

Die Ausstellung bleibt noch bis Juli in Hamburg, wobei bereits über eine Verlängerung nachgedacht wird. Die nächste Station der bunten Bogenschützen und Grabfiguren wird Harvard sein. Wahrscheinlich kommen bis dahin noch weitere Objekte hinzu. "Diese Ausstellung ist Forschung in der Entwicklung und kein fertiges Projekt. Die Methoden werden ständig verbessert", betont der Kurator. Das Projekt schließt auch die Besucher mit ein: Wenn sie die Klappstühle am Ausgang abgeben, nehmen sie ein neues Weltbild mit nach Hause. In Farbe.

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