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Aprilscherz in der Krise

Was haben fliegende Pinguine, das Umweltgift Dihydrogen-Monoxid und die Spaghetti-Ernte gemeinsam? Alle drei sind Lügengeschichten, erfunden am 1. April, seit Jahrhunderten ein Tag des Scherzes und des Schabernacks. Doch der Brauch befindet sich in einer Krise, sagen Wissenschaftler.

Von Lea Wolz

Dem Aprilscherz geht es nicht anders als der Wirtschaft. Laut dem Kulturanthropologen Gunther Hirschfelder von der Universität Bonn steckt er in der Krise. "Da unsere Gesellschaft heute sehr inhomogen ist, ist es auch schwer, ein verbindliches Muster für Witze aufzustellen", sagt er. Über den Komiker Heinz Erhard hätte früher die ganze Republik lachen können. Heute habe sich auch der Humor seine Nischen gesucht.

Zudem befürchtet Hirschfelder, dass Humor mittlerweile an die professionellen Spaßmacher im Fernsehen delegiert sei. "Aus Angst sich zu blamieren, wird der Scherz von Angesicht zu Angesicht oft gescheut." Eine Medialisierung, die auch der Aprilscherz seit dem späten 20. Jahrhundert erlebt habe. "Er wandert immer mehr in Zeitungen und ins Fernsehen ab." Das beobachtet auch der Humorforscher und Psychotherapeut Michael Titze: "Comedy-Serien, Shows mit Messies, Übergewichtigen und anderen randständigen Personengruppen verteilen den Effekt des Aprilscherzes auf das gesamte Jahr."

Reste eines Frühlingsbrauches

Warum gerade der erste April zum Tag des Scherzes wurde, dafür gibt es Volkskundlern zufolge verschiedene Erklärungen. Am Monatsnamen kann es allerdings nicht liegen. Der leitet sich vom lateinischen "aperire" ab, was "öffnen" bedeutet: Der Monat April öffnet gleichsam das Tor zum Frühjahr und auch die Pflanzen- und Tierwelt lebt nach der kalten Winterszeit auf. In diesem Zusammenhang ist aber eine andere, nicht unwahrscheinliche Erklärung zu sehen, die im Aprilscherz Reste eines Frühlingsbrauches erkennt – der Fasnacht ähnlich. Der Aprilnarr, der sich überall hinschicken lässt, würde demnach für den machtlos gewordenen Winter stehen, mit dem das nun herrschende Frühjahr tun kann, was es will.

Seit 1618 ist die Redensart "jemanden in den April schicken" in Bayern überliefert, die Bezeichnung "Aprilscherz" bürgerte sich allerdings erst später ein. Das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm aus dem Jahr 1854 kennt zwar schon den "Aprilsnarr", den "Aprilscherz" aber noch nicht. "Bestimmte Daten und Ereignisse werden gebetsmühlenartig wiederholt, die Ursprünge kultureller Muster sind aber selten genau herauszubekommen", sagt Kulturanthropologe Gunther Hirschfelder. So gelte der erste Tag eines Monats seit alters her als ein Unglückstag und für den April trifft das gleich mehrfach zu. Jeweils an einem ersten April soll Judas Ischariot geboren und gestorben sein, der Jünger, der Jesus verraten hatte. Auch der Einzug Luzifers in die Hölle soll just an diesem Tag stattgefunden haben. Seine Wurzeln könnte der Aprilscherz aber auch im Augsburger Reichstag von 1530 haben, auf dem die protestantischen Fürsten Kaiser Karl V. ihr Glaubensbekenntnis überreichten und neben dem Religionsstreit auch das Münzwesen geregelt werden sollte. Da auf dem Reichstag die Zeit fehlte, wurde das jedoch auf den ersten April verschoben, ein extra "Münztag" wurde für dieses Datum ausgeschrieben. Doch als der Tag kam, fand der verheißene Münztag nicht statt. Pech für die Spekulanten, die darauf gesetzt hatten, nun ihr Geld verloren und als Narren dastanden.

Der Aprilfisch beißt leichtgäubig an

Genau dieser Überraschungseffekt zeichnet den Aprilnarr auch aus. Dem Humorforscher Michael Titze zufolge ist er kein klassischer Narr wie der Hofnarr des Mittelalters oder der Schalk der Fassnacht. "Der Aprilnarr ist unfreiwilliger Natur, ein naiver, gutgläubiger und einfältiger Mensch, der sich zum Narren halten lässt und vorgeführt wird, indem die Eselei publik gemacht wird", sagt er. In den romanischen Ländern hat man dafür ein passendes Bild gefunden: Dort sei der Aprilnarr der Aprilfisch, der sich durch den Köder hereinlegen lasse und am Ende am Haken lande, sagt der Wissenschaftler.

Gelockt wird der Aprilnarr durch verschiedene Arten des Scherzes: Neben den in den Medien publizierten Aprilscherzen, gibt es klassische Varianten des Schabernacks, die sich über die Jahre erhalten haben und mittlerweile schon ein wenig angestaubt wirken: Ein angebliches Raumschiff wird beobachtet, ein Berliner mit Senf gefüllt, das Gesicht angemalt oder der Aprilnarr erhält den kniffeligen Auftrag ein ganz seltenes Tier, den "Wolpertinger", zu fangen - ein Synonym für den Begriff "Dummkopf".

Humor als Bewältigungsstrategie

Interessanter als die Frage nach dem Ursprung findet Hirschfelder die Frage, warum es überhaupt einen Brauch wie den Aprilscherz gibt. "Das Bedürfnis nach Humor ist eine anthropologische Grundkonstante, eine Bewältigungsstrategie für Krisen", sagt er. "Das Schlimme wird banalisiert, durch einen Witz versichern wir uns, dass wir eine Krise überwinden können." Eine Chance für eine Renaissance des Aprilscherzes, sieht der Kulturanthropologe daher gerade in der momentanen Wirtschaftskrise. "Die Faustregel lautet, je schlimmer die Krise, desto mehr Witze." Für den Humorforscher Titze ist die Schadenfreude ein Motiv, warum wir andere in den April schicken. "Schadenfreude ist die kleine Schwester der Niedertracht, sie ist verwandt mit dem Neid und wird gespeist von Minderwertigkeitsgefühlen", sagt er. Ihre positive Seite: "Sie ist ein sozialer Gleichmacher, der es auch dem sozial Schwächeren ermöglicht, sich wenigstens für einen Augenblick auf einem Niveau mit dem vermeintlich Besseren, Stärkeren und Schöneren zu fühlen." Psychologisch gesehen, polieren wir durch den Aprilscherz kurzzeitig unser Selbstwertgefühl auf.

Ganz nebenbei sei Lachen auch gesund, sagt Titze: Die Atmung würde intensiver, der Gasaustausch sei drei- bis viermal so hoch wie im Ruhezustand, Stresshormone wie Corticoide und Katecholamine würden abgebaut, die Produktion von Endorphinen gefördert und schon nach wenigen Minuten stelle sich ein Zustand der Entspannung ein. "Lachen ist ein richtiger Gesundbrunnen", sagt der Lachforscher. ""Es setzt Selbstheilungskräfte frei, die wir im Alltagsleben viel zu wenig nutzen."

Dem Alltag die lustigen Seiten abzugewinnen, dazu biete sich am ersten April ausreichend Gelegenheit. Daher rät der Lachforscher, heute nicht verbissen zu reagieren - auch wenn man selbst zum Narren gehalten wird. Selbstironie sei dann gefragt. Wem die schwer fällt, dem sei ein Zitat von Goethe ans Herz gelegt, der zum Aprilscherz schrieb: "Willst du den März nicht ganz verlieren, so lass nicht in April dich führen. Den ersten April musst überstehen, dann kann dir manches Gute geschehen."

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