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Diät mit sieben - hart, aber nötig

Dara-Lynn Weiss setzte ihre Tochter auf Diät - mit sieben. Dann schrieb sie ein Buch darüber, das jetzt auf Deutsch erscheint. Im stern.de-Interview erzählt sie von dem "Krieg gegen das Fett".

Von Frauke Hunfeld, New York

Frau Weiss, Sie sind die neue "Tigermutti". Manche haben Sie auch als "Horror-Mutter" bezeichnet.
Oder als "Monster-Mutter".

Möchten Sie ein Stückchen Kuchen? Wir haben ein paar kleine Cupcakes besorgt ...
Ich würde am liebsten alle sechs essen, die da stehen. Deswegen fange ich gar nicht erst an.

Und Ihre Tochter, wenn sie hier wäre? Würde sie auch keinen bekommen?
Wir würden darüber reden. Und überlegen, wie wir das in den Tag einbauen. Wahrscheinlich würde sie einen bekommen. Und dafür etwas anderes nicht.

Sie setzen die Grenzen.
Ja. Und ich finde das okay. Wenn Sie ein Kind haben, das im Zweifel vier oder fünf Stücke Kuchen isst, sind Eltern dazu da, Grenzen festzulegen. Das ist unser Job.

Ihre Tochter ist heute neun. Als sie sieben war, haben Sie sie auf Diät gesetzt. Sie haben ihr die Kalorien vorgerechnet. Sie haben ihr die Bissen in den Mund gezählt.
Meine Tochter hatte Übergewicht. Sie war adipös. Sie war 1,32 Meter groß und wog 42 Kilo. Ich habe lange versucht, das zu ignorieren. Als sie sechs war, sagte der Arzt: Wir haben ein Problem.

Und dann?
Ein Jahr lang habe ich versucht, ihre Ernährung umzustellen und die Mengen zu begrenzen, ohne dass sie es merkt, und ohne ein großes Ding daraus zu machen. Nach dem Jahr hatte sie zehn Kilo zugenommen. Sie wurde in der Schule gehänselt. Ihr Blutdruck war zu hoch.

Wie ist Ihre Tochter denn so dick geworden? Pommes? Cola? Pizza?
Nein. Ich habe immer auf gesunde Ernährung geachtet. Ich koche selbst. Und in der Schule ist das Essen ebenfalls gesund. Aber gesund und kalorienarm sind eben zwei verschiedene Dinge. Medizinisch ist bei Bea alles okay, das haben wir natürlich gecheckt. Sie war ein normales Kleinkind. Mit drei entdeckte sie das Essen. Mit vier war sie schwer, mit fünf war sie übergewichtig. Es war einfach eine Frage der Menge. Sie hat zu viel gegessen. Ganz einfach.

Was hat sie denn so gegessen - vor der Diät?
Morgens einen Bagel. Einen großen. Für die Schule einen Snack, Obst, Cracker mit Frischkäse. Das Mittagessen habe ich ihr meistens mitgegeben, ein Sandwich, ein paar Stücke Obst. Nach der Schule war sie total ausgehungert, sie kam gegen drei, es gab ein Stück Pizza oder mal Kuchen. Abends habe ich dann gekocht, und meistens hat sie vorm Schlafengehen auch noch etwas gegessen. Es kam einiges zusammen. Zu viel. Sie ist eigentlich immer hungrig, sie mag alles und sie liebt Essen.

Was haben Sie unternommen?
Wir haben uns Hilfe geholt, bei einer Ernährungsberaterin. Sie hat uns gesagt, wieviel wovon für Bea angemessen ist.

Und von da an haben Sie mitgezählt, jeden einzelnen Happen.
Ja, anders ging es nicht. Es war hart und es ist immer noch hart.

Wenn Bea zu einem Kindergeburtstag geht, überlegen Sie nicht: Was schenkt sie? Sondern: Was isst sie dort?
Wir sprechen vorher darüber, was geht und wieviel. Ich habe auch schon die Eltern angerufen, wenn Bea bei Freundinnen war und gefragt, was es zu essen gibt. Und dann Bea gesagt, wie viel sie davon nehmen darf.

Die Schilderungen ihrer Diät hören sich etwas hysterisch an. Sie haben zum Beispiel im Ferienlager angerufen und sich die Speisepläne zufaxen lassen, damit sie die Kalorien ausrechnen können. Oder einem Starbucks-Angestellten die heiße Schokolade aus der Hand gerissen und weggekippt, weil er Ihnen die genaue Kalorienzahl nicht sagen konnte ...
Oh ja, und ich habe noch ein paar andere Sachen gemacht, auf die ich teilweise absolut nicht stolz bin. Aber es war eine verdammt harte Zeit. Es ist nicht einfach, einem Kind vor allen Leuten sagen zu müssen, dass es jetzt nicht noch eine Portion Salat bekommt, weil es schon Pizza hatte. Oder kein Eis. Es ist hart, immer nein zu sagen. Manchmal flippst du halt aus.

Und Ihre Tochter? Wie hat sie sich gefühlt?
Manchmal hat sie mich wahrscheinlich gehasst. Oft hat sie die Augen verdreht. Aber im Großen und Ganzen hat sie ihre Sache toll gemacht und mitgezogen.

Kaum zu glauben. Ein so kleines Mädchen, das Essen so liebt, macht freiwillig eine Diät?
Ihr war ja selbst schon klar, dass sie "die Dicke" ist. Mit sieben. Glauben Sie mir, wenn ihr Gewicht nicht auch eine gesundheitliche Gefahr gewesen wäre - ich hätte am liebsten meinen Mund gehalten und gehofft, dass sich die Dinge irgendwie anders regeln und bis dahin dafür gesorgt, dass sie sich gut fühlt und sich mag, so wie sie ist. Ich wäre gern in der Lage zu sagen: Mir doch egal, was die anderen denken, und ihr sollte es auch egal sein. Aber ich bin es nicht. Ich habe Einfluss darauf, wie wir miteinander umgehen, aber ich habe keinen Einfluss darauf, wie andere sie behandeln.

Übergewichtige werden gemobbt, als träge, faul und undiszipliniert angesehen?
Ich würde gerne sagen: Wir sind stark genug, den Bildern in den Medien, dem Druck der Gleichaltrigen und dem allgegenwärtigen Eindruck standzuhalten, dass Bea nicht so aussah, wie die Gesellschaft das für richtig hält. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Bea ist hübsch. Sie ist klug. Sie ist ein bewundernswertes kleines Mädchen, aber das Erste, das Leute von ihr wahrgenommen haben, war ihr Gewicht. Und ich bin nicht sicher, ob ich mein kleines Mädchen mit dieser Last in ihr Leben hätte schicken wollen.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, warum sich Frau Weiss mit ihrer Tochter für das Mager-Magazin "Vogue" ablichten ließ und was sie damit auslöste.

Wie waren die Reaktionen der anderen Eltern auf Sie als allgegenwärtiger Kalorien-Kontrolletti?
Die meisten haben zuerst mit Kopfschütteln reagiert und mit Unverständnis. Einige haben bestimmt gedacht, dass ich einen Knall habe. Ich habe beschlossen, mich davon nicht einschüchtern zu lassen. Einer muss tough sein, es ging um das Wohl meines Kindes. Fettsucht ist vor allem ein medizinisches Problem. Aber viele finden es beschämend, wenn man mit seinem dicken Kind in der Öffentlichkeit diskutiert, ob es das angebotene Stück Pizza noch nehmen darf. Es schockt die Leute.

Warum ist das so?
Weil Essen natürlich ein Teil unserer Kultur ist. Weil man denkt, man kann nicht richtig mitfeiern, wenn man nicht auch richtig mitisst. Man möchte nicht Zeuge sein, wenn ein Elternteil einem Kind sagt, das darfst du jetzt nicht essen, weil du auf dein Gewicht achten musst. Dass ein so kleines Kind auf sein Gewicht achten muss, ist schon allein irgendwie peinlich. Für viele ist es ja auch ein wunder Punkt, weil sie selber zu kämpfen haben. Es war peinlich und beschämend und unbequem, und es ist immer noch sehr schwierig, aber ich habe beschlossen, hart zu bleiben, um meiner Tochter ein Leben mit gesundem Gewicht zu ermöglichen.

Als Ihr Kind noch nicht zu dick war haben Sie Übergewicht anders gesehen?
Ich habe gedacht: Ach, wenn diese armen Kinder doch Eltern hätten, die ihnen ein bisschen gesünderes Essen geben würden, und für ein bisschen mehr Bewegung sorgten, dann wären sie nicht dick. Heute weiß ich, dass es so einfach oft nicht ist. Es ist kein Lifestyle-Problem, das sich mit ein paar winzigen Veränderungen lösen lässt. Mein Kind hat nur Wasser getrunken und sehr gesund gegessen. Aber eben zu viel.

Aber denken Sie nicht, dass 95 Prozent des Übergewichts schon mit der Art und Weise zu tun haben, wie wir essen und wie wir leben?
Ja, vielleicht ist das so. Aber die Welt kann ich nicht ändern. Ich kann nur versuchen, meinen Kindern beizubringen, mit den Voraussetzungen und Veranlagungen, die sie nun einmal haben irgendwie klarzukommen.

Hört sich an wie ein Krieg. Ein Krieg gegen das Fett.
Ja. Und er ist noch nicht vorbei.

Der Feind lauert überall?
Der Feind lauert überall. Unsere westliche Welt ist darauf ausgerichtet, uns alle dick zu machen. Es gibt überall und zu jeder Zeit Essen. Das meiste davon ist ungesund, fett und sehr kalorienreich. Es gibt Leute, die juckt das nicht. Die gehen daran vorbei, oder sie essen das und nehmen nicht zu. Wie mein Sohn. Aber Bea wird ihr Leben lang auf ihr Gewicht achten müssen. Wie ich auch.

Als ihre Tochter Normalgewicht erreicht hatte, haben Sie einen Artikel über das Abnehmen ihrer Tochter veröffentlicht, inklusive eines Foto-Shootings mit Ihnen beiden, schlank und schön und in Designer-Kleidern. Ausgerechnet in der "Vogue", der papiergewordenen Heimat der Essstörung. Das sah irgendwie nicht so aus, als ginge es Ihnen um die gesundheitlichen Aspekte.
Die Kritik nehme ich an. Das hätte ich besser nicht getan. Wäre mein Artikel in einem Eltern-Magazin erschienen, wäre er sicher anders aufgenommen worden. Ich hatte das Angebot. Ich habe es nicht genug durchdacht.

Und das, wo Sie sonst über jedes Detail Ihres Plans so ausführlich nachdenken. Sie waren auf einmal die Manhattan-Society-Lady, die Ihre Siebenjährige zwingt, für ein Foto-Shooting abzunehmen.
Ja, obwohl es so herum natürlich keinen Sinn macht. Ich arbeitete bereits an dem Buch und die Diät haben wir ganz bestimmt nicht für das Shooting gemacht. Mein Agent kannte jemanden aus dem Verlag, die fanden das interessant und wir alle dachten, es sei eine gute Idee, so die Diskussion zu eröffnen.

Das hat jedenfalls geklappt. Die Diskussion, wenn Sie es so nennen wollen, war eröffnet. Sie haben ätzende Kommentare in Zeitungen und Zeitschriften und massenhaft regelrechte Hass-Mails einstecken müssen.
Ich war geschockt. Die überwältigende Reaktion war, dass ich eine schreckliche, egozentrische, verrückte und schlechte Mutter bin, die ihr Kind Selbst-Hass gelehrt und ihm einen psychischen Knacks fürs Leben verpasst hat. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich jetzt um mein Leben fürchten muss.

Warum haben Sie überhaupt darüber geschrieben? Ist das nicht eine sehr private Sache?
Übergewicht ist nicht privat. Ich habe sehr klar zu spüren bekommen, dass dies keine Privatangelegenheit ist. Jeder sieht es. Jeder kommentiert es. Jeder denkt sich seinen Teil. Ein Drittel aller amerikanischen Kinder ist zu dick. Eine Lawine rollt auf uns zu. Und was machen wir? Wir schweigen und tun so, als bemerkten wir nichts.

Bea ist inzwischen neun. Wie geht es ihr?
Oh, es geht ihr gut. Sie ist immer noch kräftig, aber sie hat Normalgewicht. Sie muss immer noch aufs Essen achten. Und das wird sie wahrscheinlich ihr Leben lang müssen.

Sie ruft an, wenn sie irgendwo ist, um zu fragen, ob ein Dessert okay ist?
Ja, oder sie schreibt mir eine SMS. Sie übernimmt mehr und mehr selbst Verantwortung. Das Rechnen der Kalorien überlässt sie aber immer noch mir.

Was machen Sie, wenn Bea irgendwann sagt: Scheiße Mama, dann esse ich eben gar nichts mehr. Wenn sie so sehr mit ihrem Körper hadert, dass sie magersüchtig wird?
Die Gefahr besteht. Das ist meine große Angst.

Frauke Hunfeld

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