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Warum die ganze Welt auf eine Studie reinfiel

"Schokolade macht schlank", behauptet eine Studie, die sich rasch verbreitete. Doch sie ist ein Fake. stern sprach mit einer Mitwirkenden über die Gutgläubigkeit von Journalisten und Lesern.

Ein Interview von Mirja Hammer

  Schokolade macht schlank! Mit diesem süßen Versprechen lockte eine Studie. Alles Fake, wie sich herausstellte. Die Studie verfolgte ein viel höheres Ziel.

Schokolade macht schlank! Mit diesem süßen Versprechen lockte eine Studie. Alles Fake, wie sich herausstellte. Die Studie verfolgte ein viel höheres Ziel.

 Wer regelmäßig Schokolade isst, nimmt ab. Dieses Versprechen war eigentlich zu schön, um wahr zu sein und doch verbreitete sich die neue Wunderdiät im März dieses Jahres weltweit. Das "Institute of Diet and Health" hatte zuvor ein paar Probanden unterschiedliche Diäten machen lassen. Das Ergebnis war verblüffend: Ausgerechnet Schokolade half beim Abnehmen! Die Studie wurde im britischen Wissenschaftsmagazin "International Archives of Medicine" veröffentlicht, kurze Zeit später griffen Nachrichtenagenturen die gute Neuigkeit auf und Schokofans rund um den Globus freuten sich auf ein Leben ohne Verzicht.

Blöd nur, dass das "Institute of Diet and Health" lediglich aus einer Homepage besteht. Dass sie mit dieser Studie einem Fake aufsaßen, wurde den meisten Journalisten und Lesern erst bewusst, als der verantwortliche Autor sich diese Woche zu Wort meldete. Der Journalist Paul Onneken und seine Kollegin Diana Löbl wollten mit der fingierten Quatsch-Studie zeigen, wie einfach es ist, Nonsens in der Welt zu verbreiten - und wie wenig die Wissenschaft durch Journalisten und Leser hinterfragt wird. Die Studie ist Teil von Onnekens und Löbls neuem Dokumentarfilm "Schlank durch Schokolade" (5. Juni, 21.50 Uhr auf Arte und Sonntag 7. Juni, 15.30 Uhr im ZDF), in welchem sie darstellen, wie leicht sich die Menschen von seltsamen Diätversprechen verführen lassen - und wie aus dem Wunsch schlank zu sein, Kapital geschlagen wird.

Ingrid Mühlhauser ist Gesundheitswissenschaftlerin und half den beiden Journalisten bei der Anfertigung der Fake-Studie. Der stern sprach mit der Medizinerin über die Gutgläubigkeit der Menschen, Wissenschaftler, die falsche Tatsachen in die Welt setzen und darüber, was sich in unseren Köpfen dringend ändern muss.

Frau Mühlhauser, Schokolade macht dünn - diese Meldung verbreitet sich im März rasch. Auch wir haben die Agenturmeldung aufgegriffen. Wie kam es zu dieser, wie sich nun herausstellte, Fake-Meldung?
Der Journalist Peter Onneken und seine Kollegin Diana Löbl wollten aufzeigen, wie leicht es ist, falsche Tatsachen zu verbreiten und Menschen mit absurden Diäten zu täuschen. Herr Onneken hat mich kontaktiert, um zu erfahren, welche Kriterien eine gute, aussagekräftige Studie erfüllen muss. Dazu zählen etwa eine ausreichend große Stichprobe und ein Beobachtungszeitraum über mehrere Jahre. Onneken hat dann im Umkehrschluss eine Studie designt, die alle diese Kriterien nicht erfüllt: So wählte er etwa nur eine Handvoll Probanden und drei Wochen als Beobachtungszeitraum.

Wie konnte diese Studie denn in ein Fachmagazin gelangen?


Onneken wollte auch wissen, wie schwer oder leicht es eigentlich ist, eine schlechte Studie zu veröffentlichen. Es ist erschreckend, wie einfach das heute ist, da es Publikationsorgane mit freiem Zugang gibt. Sie verdienen zum Teil daran, dass Autoren ihre Studien dort publizieren - ohne, dass sie vorher nochmal einer fachlichen Prüfung unterzogen werden.

Hat es Sie gewundert, dass so viele Medien auf die Zeitungsente aufgesprungen sind?


Nein, überhaupt nicht. Es werden so oft vorschnell Kausalzusammenhänge hergestellt, ohne sie weiter zu hinterfragen. Da wird eine Zelluntersuchung von fünf Menschen, die täglich einen Apfel essen, zum Beweis dafür angeführt, dass ein Apfel pro Tag das Leben verlängert. Was wir als Wissenschaftler schon lange beklagen - und worauf Onneken letztlich auch hinaus wollte: Es fehlt an kritischer Analysekompetenz - in der Bevölkerung sowieso, aber auch unter Journalisten und Wissenschaftlern. Diese mangelnde Kompetenz, Ergebnisse richtig zu interpretieren, führt zu Meldungen wie "Schokolade macht dünn" oder "Kaffee schützt vor Krebs".

Was empfehlen Sie?
Menschen frühzeitig beizubringen, Aussagen kritisch zu analysieren. Gesundes Essen ist in Schulen bereits Thema. Aber Jugendlichen muss auch beigebracht werden, Ernährungsempfehlungen zu hinterfragen. Wir alle sollten uns bei Aussagen wie "Schokolade macht schlank" sofort fragen: Wie ist das festgestellt worden? Wie viele Menschen wurden untersucht? War das eine experimentelle klinische Studie oder eine Labor-Studie? Das "Deutsche Netzwerk evidenzbasierte Medizin", setzt sich seit langem für kritisch wissenschaftliche Bildung ein. Hier an der Hamburger Universität bemühen wir uns seit Jahren darum, mit Schulen in Dialog zu treten. Doch wir bekommen keinerlei Förderung vom Staat. Die Gesundheitsbildung müsste auch bei den Lehrern ansetzen: Es gibt viele Studien, die belegen, dass die meisten Akademiker nicht in der Lage sind, solche Informationen zu hinterfragen. Von Medizinern werden über die Medien oft fürchterliche Sachen verbreitet. Warum? Weil kritische Literaturanalyse noch immer kein relevanter Teil des Medizinstudiums ist. Das ist ein Skandal.

Der Film "Schlank durch Schokolade" zeigt auch: Die Leitlinie für die Vorbeugung und Therapie von Fettleibigkeit haben Mediziner mitentwickelt, die selbst mit den Anbietern der darin empfohlenen Therapien geschäftlich verbunden sind. Was bedeutet das?


Leitlinien, die der Behandlung dienen, sind wichtig, damit Ärzte eine Orientierung über die jüngste Forschung bekommen. Doch die Mitwirkenden haben ihre Abhängigkeiten und damit eine verzerrte Wahrnehmung. Zum Teil haben sie Verbindungen zu verschiedenen Industriezweigen, womit die Unabhängigkeit in Frage steht. Zum anderen haben sie ihre eigenen Überzeugungen. Das sind Ärzte, die seit Jahren mit übergewichtigen Menschen zusammenarbeiten, mit dem Ziel, dass diese abnehmen. Für diese Ärzte ist es sehr schwer zu akzeptieren, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass Übergewichtige abnehmen müssen oder gesunde Ernährung das Leben verlängert.

Tut sie nicht?
Es gibt mehrere große Studien, die belegen, dass bei einem Erwachsenen leichtes Übergewicht, sprich ein Body-Mass-Index von 27, mit der höchsten Lebenserwartung verknüpft ist. Übergewicht wird in der Bedeutung für die Lebensdauer überbewertet. Eine große, achtjährige Untersuchung von 48.000 Frauen in den USA hat zudem gezeigt, dass Frauen die gemäß der empfohlenen Ernährungsweise lebten, also fünfmal am Tag Obst und Gemüse, viele Ballaststoffe und wenig Fett verzehrten, keine höhere Lebenserwartung hatten als jene, die sich normal ernährten. Doch diese Studie beachtet niemand. Es werden lieber Diätempfehlungen gegeben, für die es keinerlei wissenschaftlichen Beleg gibt. Etwa, dass fettreduzierte Milchprodukte vor Herzkreislauferkrankungen schützen. Menschen wollen gerne schlank sein und ihre Lebenserwartung hochschrauben. Daher findet eine Studie mit fünf Teilnehmern, die behauptet, dass ein Apfel am Tag gesund hält, größeren Anklang. Je unwissender die Menschen sind, desto stärker sind sie solchen falschen Heilsversprechen der Wissenschaft und der Diätindustrie ausgesetzt. Allerdings: Um zu durchschauen, dass die Aussage "schlank durch Schokolade" Quatsch ist, braucht es meines Erachtens eigentlich nicht besonders viel Kompetenz.

Ingrid Mühlhauser ist Medizinerin sowie Gesundheitswissenschaftlerin und lehrt an der Hamburger Universität. Als Vorsitzendes des "Deutschen Netzwerks evidenzbasierte Medizin", setzt sie sich für eine Gesundheitsversorgung ein, die sich am Nutzen für Patienten und Patientinnen orientiert.

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