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Eine Midlife-Crisis gibt es nicht

Die Krise in der Lebensmitte - sie ist wohl kaum mehr als eine Erfindung cleverer Ratgeberautoren: Die Generation 40 plus nimmt noch mal kräftig Schwung auf für neue Aufgaben und neue Lieben. Ihr Lohn ist mehr Sinn und Lust am Leben.

Von Peter Sandmeyer

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt keine "Midlife-Crisis". Die seelische Krise in der Lebensmitte, die erdbebenartige Erschütterung der gesamten Existenz, sie war eine Erfindung cleverer Autoren psychologischer Populärliteratur. Alle neueren Forschungen zeigen, "dass die Frage nach einer universellen Krise im mittleren Erwachsenenalter eindeutig zu verneinen ist". So die knappe Zusammenfassung der Ergebnisse.

Und nun die schlechte Nachricht: Entwicklungspsychologische Krisen kann es in allen Lebensaltern geben. Also auch in den Jahren zwischen 40 und 50. Für die Psyche ist die Zeit der Lebensmitte nicht besser oder schlechter als die davor oder danach. Aber sie ist anders.

"In dieser Lebensphase bereitet sich eine bedeutende Veränderung der menschlichen Seele vor", schrieb Carl Gustav Jung, der Begründer der analytischen Psychologie. Ähnlich wie in der Pubertät, glaubte er, fühle der Mensch sich beim Erreichen der zweiten Lebenshälfte bedroht. Beunruhigt von kommenden Erschütterungen, deren Vorboten er spürt.

Das Leben ist nicht endlos

Unbegründet ist die aufsteigende Unruhe nicht. Fast 60 Prozent der deutschen Unternehmen haben keine Beschäftigten, die älter sind als 50. Die Welt der Chancen wird die der Jüngeren. Auch die Welt der Grenzenlosigkeit. Jenseits der 40 verliert sich das Gefühl, das Leben sei endlos.

"Es gelingt noch, den Blick der Männer auf sich zu ziehen", erzählt die Hamburger Psychologin Petra Ohlsen, 54, "aber wenn der Blick dann kommt, schätzt er kurz ab und wandert weiter; früher wäre er haften geblieben, zu einem Lächeln, vielleicht einem Flirt geworden." Der Blick in den Spiegel, die Falten, das Schwinden der Schönheit sind eine Kränkung der Seele. Die ist, sagt die Psychologin, "umso größer, je weniger man sonst besitzt."

So kann das Leben einen bitteren Geschmack annehmen. Durch den Zweifel an dem, das man geführt, die Trauer über das, welches man nicht gelebt hat. Die abservierten Liebschaften, die abgebrochenen Ausbildungen, die abgetriebenen Kinder, die abgelehnten Chancen. "Das Gute ungetan, die Liebe nicht geliebt, die Zeit verschleudert", so blickte der englische Dichter Philip Larkin auf sein Dasein zurück. Ein Gefühl des Gefangenseins kann sich einstellen, gefangen in einem Leben, in das man zufällig geraten ist, aus dem man nicht mehr herausfindet.

Gibt es genutzte und verpasste Gelegenheiten?

Jede Entscheidung im Leben, die man für etwas trifft, trifft man auch gegen etwas. Gegen die Frau, die man nicht heiratet, den Beruf, den man nicht ausübt, die Stadt, in der man nicht lebt. Das Leben kann als immer schmaler werdender Korridor erscheinen mit Türen, die im Rückblick weit offen standen. War es richtig, keine zu durchschreiten? Hätte man dahinter die "Fülle des Lebens", von der die Bibel spricht, gefunden? Hat man gelebt oder wurde man gelebt? Getrieben von Kleinmut, Vorsicht, Pragmatismus?

Manche geraten in Panik, wenn sie sich der Erkenntnis stellen müssen, dass ihr bisheriges Leben keine Einbahnstraße zum Glück war. Krempeln das Dasein noch einmal völlig um. Kappen alle Taue, die sie an ihr altes Leben fesseln. Schmeißen den Job hin, reichen die Scheidung ein, heiraten mit 50 eine 20-Jährige, setzen sich ab in die Südsee, den Swingerclub oder die Weinkeller der Toskana. Wollen das Glück, das bisher fehlte, gewaltsam ins Leben zwingen.

Suzanne Goff, Deutsch-Amerikanerin, Single und Privatlehrerin ohne Rentenanspruch, entschied nach ihrem 50. Geburtstag, dass alles anders werden müsste. Sie wollte mehr materielle Sicherheit, einen Mann und durch ihn die Aussicht auf einen geborgenen Nachmittag des Lebens. Mann und großzügiges Haus fand sie in Arkansas, der Countdown in Deutschland war kurz, die Abschiedsparty der Freunde rührend. Ein Jahr später war sie zurück in einer Hamburger Einzimmerwohnung. Die Seele war nicht an dem Ziel angekommen, für das der Kopf sich entschieden hatte. Zurück in ihrem alten Leben voller materieller Unsicherheit, schrieb Suzanne an ihre Schwester: "Ich bin wieder in meinem sicheren Hafen und fühle mich gut. Vollauf zufrieden, dort zu sein, wo ich geachtet, geschätzt, geliebt werde."

Die Sehnsucht nach Sinn

Was, fragt der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid, ist denn Glück eigentlich? Nur die Maximierung von Lust, die Minimierung von Unlust? Nichts gegen die Lust, sagt Schmid, sie ist ein Hochgefühl, ein schöner Moment; aber sie hält nicht vor, sie vergeht; das gehört zu ihrem Wesen. Und was ist mit der Unlust? Dazu zählen nicht nur Schmerz, Leid und Krankheit, die mit allen Mitteln bekämpft werden, sondern oft schon jede Einschränkung der persönlichen Freiheit durch die Ansprüche anderer. "Aber wenn ich von allen Bindungen befreit bin, wo stehe ich dann? Im Nichts." Die Sehnsucht nach Glück sei eigentlich die Sehnsucht nach Sinn, schreibt der Philosoph: Sinn der Arbeit, Sinn des eigenen Lebens, Sinn des Lebens überhaupt. "Wo Sinn erfahrbar wird, ist Glück die Folge." Erfahrbar wird Sinn durch andere Menschen. Im Erlebnis, gebraucht, geachtet, geschätzt, geliebt zu werden.

Christina von der Linde ist 47 und wird vielfältig gebraucht. Von Haus und Hund, von ihrem Mann, von der zwölfjährigen Tochter und dem zehnjährigen Sohn und von ihrer neuen Geschäftspartnerin Sunna Lensch, mit der sie nach Jahren in der Werbebranche gerade die eigene Agentur Zauberwerk gegründet hat. Anspruchsvolles Konzept: Kunden mithilfe eines Netzes von befreundeten Künstlern, Fotografen, Programmierern und PR-Profis - alle über 40 - Konzepte für Werbekampagnen anzubieten, vom Inserat über die Schaufensterdekoration bis zum Kostüm der Hostess, die die Pröbchen verteilt.

Mit Mitte 40 ein kompletter beruflicher Neuanfang, ein Sprung ins kalte Wasser, riskant, oft stressig. "Klar, da gibt es diese Morgen, an denen man ein tiefes Bedürfnis nach Ruhe, nach Cappuccino auf einer sonnigen Terrasse, nach Sauna, Massage und Wellness empfindet." Aber noch stärker empfindet sie die Befriedigung darüber, dass die Sinnhaftigkeit in ihrem Leben zugenommen hat. Und den wesentlichen Teil dieser Sinnhaftigkeit erfährt sie durch die Menschen, mit denen sie lebt, für die sie lebt - die Freunde, die Kinder, den Mann.

In "Brief an D.", der bewegenden Liebeserklärung an seine Frau, berichtet der französische Philosoph André Gorz von einer Zeit, in der er den Eindruck hatte, "mein Leben nicht gelebt zu haben, es immer aus der Entfernung beobachtet zu haben, nur eine Seite meiner selbst entwickelt zu haben und als Person sehr arm zu sein". Mit 83 kam er zu der Einsicht: "Letztlich war nur eine Sache für mich wesentlich: bei Dir zu sein." Als seine Frau Dorine an Krebs erkrankte, zog er mit ihr in die Ardennen, widmete sich ihrer Pflege und schrieb: "Soeben bist Du zweiundachtzig geworden. Und immer noch bist Du schön, anmutig und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je … Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten." So schloss er seinen Liebesbrief im Juni 2006. Im September des folgenden Jahres fand man ihn neben seiner Frau liegend, im Schlafzimmer ihres Hauses, tot. Gemeinsam waren beide aus dem Leben geschieden. Sie werden es sinnvoll gefunden haben.

Was du bis 40 nicht geschafft hast, erreichst du nicht mehr! Der Slogan, oft für eine Lebensregel gehalten, mag für Vorstände von Dax-Unternehmen zutreffen, ansonsten aber ist er doppelt falsch. 40 ist so wenig eine Grenze wie 50. Es stimmt zwar, dass das Tempo der Verarbeitungsprozesse im Gehirn sich mit zunehmendem Alter verlangsamt - was damit zusammenhängt, dass die Datenmenge im Zentralcomputer des Kopfes im Lauf des Lebens immer größer wird und vor Entschlüssen immer mehr Dateien auf Entscheidungshinweise durchsucht werden. Doch diese Verlangsamung des Denkens wird aufgewogen durch Erfahrung. Sie sorgt dafür, dass es weniger Fehlentscheidungen gibt und man seltener in Bedrängnis gerät. "Mit 20 hatte ich 50 Ideen, aber keine Vorstellung, welche für den Kunden die geeignete ist", sagt Christina von der Linde. "Heute habe ich fünf Ideen, aber es sind die richtigen." Die schöpferische Kraft der Seele ist keine Frage des Alters. Picasso malte "Guernica" mit 56, Händel komponiert den "Messiah" mit 57, ebenso alt war Kant, als er "Die Kritik der reinen Vernunft" verfasste, Verdi schrieb "Aida" mit 58, "Otello" mit 73 und "Falstaff " mit 79, Alexander von Humboldt begann sein großes Werk "Kosmos" mit 65, Ranke schrieb die ersten Zeilen seiner 13-bändigen "Weltgeschichte" mit 80, und Michelangelo war 88, als der Tod ihm den Pinsel entwand.

Aber kommt es auf solche Leistungsfähigkeit überhaupt an, fragt die Psychologin Petra Ohlsen. Sind Karriere-, Gebär- oder Erektionsfähigkeit die einzigen Sinnstifter des Lebens? Lachen können, weinen können, lieben können, genießen können, sind sie nicht wichtiger? Solche Fähigkeiten sind keine Frage des Lebensalters. Das Leben umbewerten, neue Werte und neue Bewertungen für sich finden, neu definieren, was man ist als Frau, als Mann, als Mensch. Für den Nachmittag des Lebens ein neues Programm finden, ein anderes als für den Morgen, darauf kommt es an.

"Das Dramatische war ihm abhanden gekommen"

Wer es kann, entdeckt eine neue Zufriedenheit. "Das Schöne daran war, dass er nichts mehr um jeden Preis wollte", beginnt John von Düffels Roman "Beste Jahre": "Er musste nicht mehr unbedingt mit dieser oder jener Frau schlafen und auch nicht länger seinen Vater umbringen. Er hatte keinen Konflikt mehr mit der älteren Generation und noch keinen mit der jüngeren. Ihm war das Dramatische in seinem Leben völlig abhanden gekommen, und nicht einmal diesen Verlust empfand er als tragisch, sondern als ausgesprochen angenehm. Er war zufrieden, um nicht zu sagen glücklich, sehr sogar, verglichen mit sich selbst noch vor wenigen Jahren. Und er genoss es im Unterschied zu früher, als er bisweilen auch glücklich war, es aber meist erst hinterher merkte."

"Früher war ich immer auf der Suche nach Bestätigung, nach Anerkennung, nach Applaus, im Job, in der Beziehung, auf der Bühne, es ging mir gut, solange ich Beifall bekam; aber ein positives Lebensgefühl habe ich nur von außen bekommen, nie von mir selbst, es hat mich nie wirklich genährt, ich bin immer hungrig geblieben." Der 45-jährige Biologe Johannes Missall hatte nach dem Ende seines Studiums rasch festgestellt, dass es nicht seine Sache war, im Labor zu stehen. Dort, und in seiner Ehe, fühlte er sich eingesperrt. Ganz plötzlich, von heute auf morgen, schmiss er den Job hin und verließ seine Frau und die beiden Kinder. Wohnte bei einem Freund, ohne Arbeit und ohne Plan. Mit voller Absicht kappte er alle Wurzeln, ließ sich in ein Loch ohne Netz fallen. Das war ihm wichtig. Er wollte aus eigener Kraft wieder ins Leben zurückfinden - aber diesmal in ein Leben, das er frei wählen wollte. Er wurde Schauspieler, führte Regie, schrieb und entwickelte Inszenierungen, war jahrelang mit einer Theatertruppe unterwegs, ein Leben mit fahrendem Volk, heute hier - morgen fort, lange Nächte, Partys, Geliebte. Dann ein Neuanfang. Die Gestaltung des "Universum Bremen", eines Science Centers, also die spielerische Inszenierung von Wissenschaft. Andere Aufträge folgten. Erlernter Beruf und Neigung fügten sich zusammen. Eine Firma wurde gegründet. Es gab Erfolge. Die Unruhe blieb. Vor einem Jahr noch einmal ein erzwungener Neubeginn. Unter den Partnern der alten Firma herrschte Uneinigkeit, es gab keine gemeinsame Zukunft mehr. Zu zweit fingen sie noch einmal von vorn an, wieder bei null, mit 44, ohne solide Rücklagen, "es war eine schwarze Zeit". Doch wieder stellten sich Erfolge ein. Heute ist die Gestaltung des Science Centers Stuttgart im Gespräch, eine Inszenierung der Rheinquelle, spannende Projekte.

Wichtiger: Die Erfahrungen haben ihn reif gemacht. "Ich bin endlich angekommen in meinem Leben. Ich komme heute ohne Applaus aus." Er möchte nicht mehr 20 sein. Früher hat er sich immer so viele Optionen wie möglich offen gehalten, im Job, bei Frauen - bloß keine Festlegung! Heute verzichtet er auf Abenteuer. "Klar ist es ein schönes Gefühl, eine tolle Frau zu sehen und sich zu sagen: Die will ich, die erobere ich. Es ist Verzicht, nicht so zu denken und zu handeln. Heute tue ich es." Heute übernimmt er bewusst die Verantwortung, vor der er sich früher gedrückt hat. Für die Mitarbeiter, für seine Lebensgefährtin, den 16-jährigen Sohn, der bei ihm lebt, sogar für den Vater, mit dem er früher endlose Auseinandersetzungen hatte. Verantwortung als Bereicherung. Vor zwei Jahren hat er den Sohn und den Vater ins Auto gesetzt und ist in dessen alte Heimat nach Königsberg gefahren. Annäherung, Aussöhnung, neue Harmonie zwischen drei Generationen. Eine wahrgenommene Chance, die der Nachmittag des Lebens bietet.

Mit allem gelassen umgehen

"Als ich jünger war, hatte ich unbändige Kraft", sagt Johannes Missall, "ich hatte immer das Gefühl: 'Ich kann alles, ich reiße alles'; heute passe ich auf, dass ich spätestens um 23 Uhr im Bett bin." Aber, sagt er auch, "heute fühle ich mich mit meinem Körper, meiner Arbeit, meinem Dasein erstmals daheim". Manchmal spürt er erste Anzeichen von Arthrose, dann fürchtet er, dass er in zehn Jahren ein neues Hüftgelenk braucht. Aber Johannes Missall hat gelernt, zufrieden zu sein mit dem, was er hat, und gelassen umzugehen mit dem, was er ist. Er wird auch in zehn Jahren noch eine junge Seele haben.

Es ist nicht die biologische Zeit, die die Seele altern lässt. "Stellen wir uns die Psyche als ein Organ vor wie den Magen", schlägt der Hamburger Psychiater Michael Stark vor, "und dieses Organ bekommt ständig schlechte und falsche Nahrung - Geringschätzung, Verletzung, Unaufmerksamkeit, Herabwürdigung, Missachtung, auch durch einen selbst. Was ist die Folge? Der Magen reagiert mit Schleimhautreizung, die Seele mit Verbitterung, Fatalismus, Misstrauen, Zynismus. So wird sie alt."

Was die Seele jung erhält, hat Frank Sinatra in seinem vielleicht berühmtesten Lied gesungen, lächelnd im Rückblick auf das Leben, das er gelebt hat: I've lived a life that's full / I traveled each and ev'ry highway/ And more, much more than this, / I did it my way … Ein volles Leben leben, viele Straßen beschreiten, Sackgassen riskieren und wieder herausfinden, immer wieder neu aufbrechen - wahrscheinlich ist das das Geheimnis, weshalb es 35-jährige Greise gibt und 70-jährige Jugendliche.

Was die Seele jung hält

"Wenn ich noch einmal leben könnte", ist der Titel eines Gedichtes von Jorge Luis Borges, das geradezu eine Rezeptsammlung ist für das, was die Seele jung hält. "Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren,
würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten,
mehr Bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.
(...)"

Lebendig bleiben und Perfektion vermeiden, neue Ideen zulassen und sich nicht einmauern lassen von Rollenmustern im Alltag und in der Partnerschaft, das ist die beste Prävention gegen die Faltenbildung der Seele, rät der Psychiater Michael Stark, 56. Die Erfahrung dieser Leichtigkeit machen die meisten erst jenseits ihres 40. Geburtstages. "Ich muss mich nicht mehr beweisen, ich habe meine Erfahrungen gemacht", zieht Johannes Missall Bilanz.

Sich selbst leicht, andere ernst nehmen. Verantwortung für sie übernehmen. Erfahrungen nutzen. Gelassen bleiben. Und offen für Neues. Christina von der Linde wurde dieses Modell von Kindheit an vorgelebt. Ihr Vater, Ingenieur und Erfinder, war 60, als sie geboren wurde, aber sie wäre nie auf die Idee gekommen, dass er ein alter Mann ist. "Er war ein junger, toller Vater, einfach wunderbar." Ein Vorbild der Lebenskunst.

"Die Polarität des Lebens anerkennen"

Lebenskunst ist "die Kunst der Balance", schreibt der Philosoph Wilhelm Schmid. "Der Balance zwischen Angst und Unerschrockenheit, Beharrlichkeit und Beweglichkeit, Lust und Schmerz, Alleinsein und Zusammensein, Frieden und Krieg, Sinn und Sinnlosigkeit und so vielem mehr. Die Kunst der Balance zielt nicht darauf, die Polarität des Lebens aus der Welt zu schaffen, sondern sie von Grund auf anzuerkennen und mit dem Wechselspiel zwischen den Polen zu leben."

Carl Gustav Jung, der Psychoanalytiker, riet für die zweite Lebenshälfte zu einer Umorientierung. Sinn der ersten sei der "Naturzweck", der Aufbau der beruflichen und familiären Basis. Die zweite Hälfte solle dem "Kulturzweck" gehören, der Aufgabe gewidmet sein, "künftig das Leben nicht so sehr in den Außenbezirken der Seele zu suchen, sondern primär in deren Innenbezirken". Da gibt es gerade jenseits der 40 viel zu entdecken. Der Schauspieler Dustin Hoffman äußerte kürzlich einen interessanten Gedanken: "Es heißt, dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen, vielleicht nutzen wir ja, ohne es zu wissen, auch nur zehn Prozent unserer Seele."

Mitarbeit: Janina Behrens

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