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Ich sehe was, was du nicht siehst...

Wörter haben Farben, Suppe schmeckt spitz. Bei Synästhetikern sind Hirnareale so miteinander verknüpft, dass Sinnesreize sich "vermischen". Diese völlig hamlose Besonderheit fasziniert Hirnforscher und Neurobiologen und ist ein wertvoller Fundus für die Wissenschaft.

Von Felix Zimmermann

Synästhetiker sehen Farben, wenn sie Töne hören oder Buchstaben lesen

Synästhetiker sehen Farben, wenn sie Töne hören oder Buchstaben lesen

Den Weg zu sich selbst fand Elke Dlugos beim Stöbern auf einem Bücherwühltisch in Erlangen. In einem Haufen schon leicht angeschrammter Werke fiel Dlugos' Blick auf ein Buch, dessen Titel eine Gabel zierte, die in eine blaue Farbtube stach. Es hieß "Farben hören, Töne schmecken. Die bizarre Welt der Sinne".

Elke Dlugos wusste, das würde sie interessieren. Sie las den Klappentext und fand es gar nicht komisch, dass dort von einer Suppe die Rede war, die spitz schmeckt, oder von Farben, deren Anblick ein salziges Aroma erzeugt. Elke Dlugos kam das sehr bekannt vor.

Dlugos war damals 38 Jahre alt und hatte schon sehr lange das Gefühl, nicht alles von sich zu verstehen. Da war etwas, das sie zwar als ganz normal empfand, das aber doch eigenartig war. Für Elke Dlugos hatte es keinen Namen, sie wusste nur, dass Töne für sie nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar waren, weil sie vor ihrem inneren Auge Farben erzeugten. Genauso war es mit Buchstaben, Ziffern und Gefühlszuständen. Las sie ein A, sah sie Rot. Ein G färbte ihren inneren Bildschirm grün. Andere Buchstaben erzeugten andere Farben; Gefühle wie Freude und Leid, Zufriedenheit oder Un¬sicherheit ebenfalls.

Elke Dlugos hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Es gab keinen Grund, darüber zu reden, denn sie dachte, das sei ganz normal. Dann merkte sie, dass nicht jeder Mensch Farben sieht, wenn er Töne hört oder Buchstaben liest. Und so schwieg sie weiter, weil sie nicht wusste, wie sie darüber reden sollte und ob es überhaupt klug wäre, darüber zu sprechen. Klingt ja auch ein bisschen verrückt: Töne als Farben sehen.

Nach der Lektüre wie neu geboren gefühlt

Dann dieses Buch, geschrieben von dem US-amerikanischen Neurologen Richard Cytowic, atemlos gelesen von Elke Dlugos, und endlich Gewissheit. Sie sagt, nach der Lektüre habe sie sich wie neu geboren gefühlt, weil sie endlich wusste, was sie da durch ihr Leben begleitet. "Das Ding bekam einen Namen", sagt sie, "und das half mir, mich zu finden."

Das Ding wird Synästhesie genannt. Ein Wort aus dem Griechischen. Die Übersetzung sagt ziemlich gut, was es bedeutet: Syn heißt "zusammen", aisthésis "Empfinden". Bei Synästhetikern, Menschen wie Elke Dlugos, läuft ein erstaunlicher Prozess ab: In ihrem Kopf lässt ein Sinnesreiz mehrere Wahrnehmungen entstehen. Synästhetiker sehen Farben, wenn sie Töne hören oder Buchstaben lesen, sie fühlen ein Kribbeln, wenn sie Musik hören, ihnen liegt ein Geschmack im Mund, wenn sie ein bestimmtes Wort hören, sie riechen, was sie sehen - oder sehen, was sie riechen. Manche fühlen Formen, wenn sie etwas essen. Experten schätzen, dass 3 von 1000 Menschen Synästhetiker sind, 85 Prozent von ihnen sind Frauen.

Jeder Synästhetiker sieht, hört, fühlt und schmeckt in anderen Kombinationen, wobei der auslösende Reiz und die entstehende Wahrnehmungskombination bei einer Person immer identisch sind. Wer das A rot sieht, wird es immer in derselben Farbe sehen. Wer beim Wort Schornstein alten Gouda schmeckt, wird diese seltsame Verbindung immer haben. Es klingt kurios, aber darüber hinaus ist Synästhesie ein wichtiges Phänomen, mit dessen Hilfe Forscher die Funktionsweise des menschlichen Gehirns besser zu verstehen hoffen.

Seit 300 Jahren ist das Phänomen bekannt

Bekannt ist das Phänomen seit mehr als 300 Jahren, seinen wissenschaftlichen Wert entdeckten Forscher aber erst vor knapp 30 Jahren. Genau genommen begann die Karriere der Synästhesie auf einer Dinnerparty - mit einem spitz schmeckenden Hühnchen in Sahnesauce.

Im Jahr 1980 war der Neurologe Richard Cytowic Gast des Malers Michael Watson. Cytowic überraschte Watson, als der das Hühnchen in Sahnesauce abschmeckte. Es habe zu wenig Spitzen, habe Watson gemurmelt und sei errötet, als er Cytowic sah. Es war ihm unangenehm, aber nun war es raus, und Cytowic erfuhr von Watson, dass für ihn jeder Geruch und Geschmack eine Form und Oberfläche habe, die er auf der Haut spüre. Pfefferminzgeschmack etwa äußere sich als glatte, kühle Marmorsäule auf den Innenseiten der Arme. Cytowic war elektrisiert: sein erster echter Synästhetiker.

Davor kannte er dieses Phänomen nur aus der Lektüre. Neben seinem Studium an der Universität von North Carolina hatte Cytowic viel über Malerei und Musik gelesen. Schon damals war ihm aufgefallen, dass viele Künstler über synästhetische Wahrnehmungen berichteten. So nahm Wassily Kandinsky Farben nicht nur als optische Reize wahr, sondern ordnete ihnen auch Klänge, Gerüche und Formen zu. 1912 schloss Kandinsky die Bühnenkomposition "Der gelbe Klang" für Farbe, Licht, Tanz und Ton ab. Der Malerkomponist soll die Farben angesummt haben, bevor er sie mischte und auf die Leinwand brachte.

Russischer Komponist entwarf Lichtklavier

Der russische Komponist Alexander Skrjabin ließ Synästhesie in der symphonischen Dichtung "Prometheus" durchscheinen: Eine der Stimmen war für das von Skrjabin erdachte Lichtklavier geschrieben. Das Instrument wurde für die Uraufführung der Symphonie im März 1915 in der New Yorker Carnegie Hall gebaut und projizierte Farbenspiele auf eine Leinwand über dem Orchester. Die Abbildung dessen, was Skrjabin hörte. Zum Teil sollen es schmerzhaft grelle Illusionen gewesen sein.

Cytowic begann nun mit der Erfor¬schung der Synästhesie - damals ein schwieriges Feld. Es gab kaum Referenzen in der wissenschaftlichen Literatur, niemand beschäftigte sich damit. Synästhesie galt als halbseiden, zu ähnlich schien sie jenen Bewusstseinsveränderungen zu sein, wie sie durch Halluzinogene hervorgerufen werden. LSD etwa führt zu ähnlichen Sinneskopplungen, allerdings entstehen die eben nur unter dem Einfluss der Droge.

Eines der wichtigsten Resultate von Cytowics Forschung ist jenes Buch, das Elke Dlugos in Erlangen auf dem Bücherwühltisch fand. Sie sitzt in ihrem blau getünchten Zimmer - Blau ist die Farbe, die sie im Kopf hat, wenn sie sich wohlfühlt - und erzählt von ihrem Leben im Sinnesrausch. Wie sie als Kind im Musikunterricht saß und die Noten nach Farben gelehrt wurden. Im Notenheft war jeder Note eine bestimmte Farbe zugeordnet, im Prinzip für Dlugos kein Problem, nur stimmten diese Farben nicht mit ihren Farben überein: "Mein A ist rot, dort war es gelb. Das war ein riesiges Problem", sagt sie. Sie konnte das nicht mit ihrem inneren Farb-Ton-System in Einklang bringen. Oder "England", das ist für sie ein blaues Wort, weil der bestimmende Vokal am Wortanfang blau ist. Sie sieht die Farbe wie auf einem Monitor, "etwa eine Armlänge vom Kopf entfernt". Dann erzählt sie, dass genau diese blaue Farbe ihr auch bei Entscheidungen hilft, weil sie auf ihrem inneren Schirm erscheint, sobald eine Entscheidung richtig ist - egal, ob sie sich selbst schon sicher ist.

Eine Welt, die andere nicht verstehen

Synästhetiker leben in einer Welt, die andere nicht verstehen, das macht sie mitunter einsam. Sie trauen sich nicht, darüber zu sprechen, und haben Angst, nicht für voll genommen zu werden. Elke Dlugos hat ihren Freunden inzwischen erzählt, dass sie beim Hören Farben sieht.Manchmal ist das durchaus hilfreich: Dlugos singt in einer Band und kann Liedmelodien ohne genaue Kenntnis der Noten aufschreiben. Das ist wie Singen nach Farben.

Hirnaufnahmen mit dem Computertomografen haben gezeigt, dass bei Men¬schen, die Farben sehen, wenn sie Musik hören oder Buchstaben lesen, sowohl das Sehzentrum wie auch Bereiche der Hörrinde aktiv sind. Zuletzt gelang dem Neurowissenschaftler Danko Nikoliƒ vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung mit einer psychophysischen Studie dieser Nachweis.

Wir sehen Bilder, weil sich in null Komma nichts dieses Bild aus ganz vielen Bildern zusammensetzt, die in verschiedenen Hirnarealen entstehen und sich zusammenfügen. Jeder Mensch hat diese Fähigkeit, verschiedene Hirnareale miteinander zu koppeln, um alle Reize zu einer schlüssigen Information zusammenzufassen. "Binding" nennen Hirnforscher und Neurologen das. Synästhetiker sind Menschen, deren Gehirne zum "Hyperbinding" in der Lage sind, da bei ihnen viel mehr solcher Kopplungen entstehen. Das ist es, was diese Besonderheit zu einem "wissenschaftlichen Glücksfall" macht, wie Hinderk Emrich sagt, der an der Medizinischen Hochschule Hannover auf dem Lehrstuhl für Klinische Psychiatrie und Psychotherapie sitzt und Deutschlands bekanntester Synästhesieforscher ist. Denn diese völlig harmlose Abnormalität ermöglicht grundlegende Erkenntnisse über das Gehirn und seine Funktionsweise, am Ende vielleicht sogar Antworten auf die Frage, wie Bewusstsein entsteht.

Die verschiedenen Theorien widersprechen sich

Noch widersprechen sich die verschiedenen Theorien zur Entstehung der Synästhesie. Die eine stammt von Cytowic, dem Wiederentdecker des Phänomens. Cytowic ließ Watson, den Gastgeber der Party, schwach radioaktives Xenongas einatmen. Damit war es möglich, den Weg des Blutes durch das Gehirn zu verfolgen - und je aktiver ein Hirnareal ist, desto mehr Blut fließt dorthin. Der Test beruhte auf Cytowics Annahme, dass es im Hirn des Synästhetikers nachvollziehbare Wege vom Sinnesreiz zur Wahrnehmungskoppelung geben müsse. Bei Michael Watson führte dieses Experiment zu einem erstaunlichen Ergebnis: Bei einer synästhetischen Wahrnehmung ging der Stoffwechsel in seiner Großhirnrinde, also der Gehirnregion, in der wir logisch und rational denken, dramatisch zurück.

Cytowic schloss daraus, dass Synästhesie eine Funktion des limbischen Systems sei, also jenes Teils des Gehirns, der Gefühle, Erinnerungen und Affekte reguliert. Daraus entwickelte Cytowic seine Theorie, die bis heute einen der unwiderlegten Ansätze für die Ursachen der Synästhesie bildet: Demnach verfügt jeder Mensch über die latente Fähigkeit zur Synästhesie, diese dringt aber nur bei den wenigsten ins Bewusstsein. Da das limbische System als eine Art emotionales Gedächtnis des Menschen seinen Platz im evolutionsgeschichtlich älteren Teil des Gehirns hat, vermutet Cytowic, dass synästhetische Wahrnehmungsfähigkeiten bei den meisten Menschen im Laufe der Evolution abhanden gekommen sind. Cytowic nennt Synästhetiker auch "kognitive Fossilien".

Ganz anders die Theorie des britischen Psychologen Simon Baron-Cohen. An der Universität Cambridge untersuchte er Synästhetiker, die Töne hören und da¬bei Farben sehen. Untersuchungen im Positronen-Emissions-Tomografen ergaben eine verstärkte Aktivität der Großhirnrinde, unter anderem in Arealen, die für die komplexere Verarbeitung visueller Reize zuständig sind. Die primäre Sehrinde aber, in der die Informationen aus dem Auge eintreffen, blieb "stumm". Baron-Cohen erinnerte das an Erkenntnisse der Säuglingsforschung: Babys nehmen Reize als ein diffuses Gemisch auf der Großhirnrinde wahr, und nicht allein in den für die jeweiligen Reize spezialisierten Hirnarealen - also quasi synästhetisch. Laut Baron-Cohen ist jeder Mensch als Säugling Synästhetiker, bei den meisten Menschen gehe diese Fähigkeit aber in den ersten Lebensmonaten verloren. Er glaubt an ein Synästhesie-Gen; eine Annahme, die von der Tatsache gestützt wird, dass Synästhesie in vielen Familien über Generationen mehrfach vorkommt.

Nervenverbindungen zwischen Seh- und Hörfeldern nur bei Affen nachgewiesen

Julia Nunn, Neurologin aus London, hat ebenfalls die Gene im Blick und glaubt nach Hirnstrommessungen bei Synästhetikern, die Wörter farbig hören, an genetisch angelegte Nervenverbindungen zwischen den Seh- und Hörfeldern des Gehirns. Allerdings wurden solche Vernetzungen bislang nur bei Affen nachgewiesen.

Hinderk Emrich, der die deutsche Synästhesieforschung von einem mit Büchern überladenen Büro in der Medizinischen Hochschule Hannover aus prägt, hält Cytowics These vom limbischen System als Entstehungsort synästhetischer Wahrnehmung "immer noch für sehr vernünftig. Ob es stimmt, wissen wir nicht". Denn dazu sei das limbische System viel zu komplex.

Emrich glaubt, dass das limbische System als Brücke zwischen zwei Hirnarealen dient, um als eine Art bewertendes Bindeglied die Sinneseindrücke mit Emotionen zu verknüpfen, die dort gespeichert sind. Erst dadurch entstehe die Kopplung der Sinneswahrnehmungen. Im Unterschied zu Nichtsynästhetikern erleben Synästhetiker ihre so zusammengesetzte Wirklichkeit unzensiert. Bei ihnen filtert das Gehirn sich widersprechende Sinneswahrnehmungen nicht heraus. "Schlamperei der Kategoriebildung unseres Gehirns", wie Emrich sagt. Warum vor allem Frauen betroffen sind? Darüber kann Emrich nur spekulieren. "Möglich ist, dass sich Frauen einfach stärker zur synästhetischen Wahrnehmung bekennen. Außerdem kann es sein, dass Synästhesie auch hormonell bedingt ist und durch Östrogene gesteuert wird."

Alle paar Jahre veranstaltet Emrich einen Synästhesie-Kongress mit Wissenschaftlern aus aller Welt. Auch Elke Dlugos war schon dort. Beim letzten Kongress in Hannover sollten die Teilnehmer ihre Synästhesien auf Pappen malen, um sie für Nichtsynästhetiker sichtbar zu machen. Dlugos malte, was sie in dem Moment sah und fühlte: ein hellblaues Bild. Das untrügliche Anzeichen dafür, dass sie sich unter Ihresgleichen sehr wohlfühlte.

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