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Der Harry Potter der Pädagogen

Der Bildungsforscher John Hattie ist der neue Star am Pädagogenhimmel. An der Uni Oldenburg hielt er seinen einzigen Vortrag in Deutschland - und die Lehrer rasteten aus.

Von Catrin Boldebuck

  Professor John Hattie lehrt an der Universität von Melbourne und wird mitunter als der prominenteste Bildungsforscher der Welt bezeichnet

Professor John Hattie lehrt an der Universität von Melbourne und wird mitunter als der prominenteste Bildungsforscher der Welt bezeichnet

  • Catrin Boldebuck
    Catrin Boldebuck

Ist er das?" Ein Raunen geht durch die Menge, iPads werden hochgehalten, bereit zum Foto. "Der mit dem grünen Hemd? Der wirkt noch so jung." Kein Pop-Idol, sondern der Pädagogik-Professor John Hattie aus Neuseeland versetzt das Publikum im Hörsaal der Carl von Ossietzky Universität so in Entzücken. In Oldenburg hält Hattie seinen ersten und einzigen Vortrag in Deutschland. Für die Fachwelt ist er der neue Mega-Star.

Im Vorraum der Universität steht ein Tisch mit Büchern. Unter einem Tuch hält Verleger Rainer Schneider die ersten druckfrischen Exemplare von Hatties "Lernen sichtbar machen" verborgen. Hatties ist offenbar der Harry Potter der Pädagogen. Bereits vor Erscheinen der Studie hat er über 5000 Vorbestellungen - ein Rekord für einen kleinen wissenschaftlichen Verlag, der normalerweise Auflagen von 300 bis 2000 Stück pro Buch verkauft.

John Hattie ist Englisch- und Musiklehrer, 62 Jahre alt, lehrt an der Universität Melbourne in Australien und wird in Oldenburg von der Vizepräsidentin der Uni, Gunilla Budde, als der "prominenteste Bildungsforscher der Welt" vorgestellt. 15 Jahre lang hat Hattie mehr als 700 Meta-Analysen ausgewertet, die auf 50.000 Studien basieren, an denen insgesamt 250 Millionen Schüler teilgenommen haben. Ein gewaltiger Datenschatz. Zum Vergleich: Bei Pisa, einer der weltweit größten Studien, werden pro Durchgang knapp eine Million Schüler befragt.

Hatties Stein der Weisen

John Hattie hat gewissermaßen den Stein der Weisen gefunden. Seit er vor vier Jahren seine Studie auf Englisch veröffentlichte, sorgt er in der Fachwelt für Furore. Aus den tausenden von Untersuchungen extrahiert der Professor 138 Faktoren und bildet auf einer Barometerskala ab, wie stark sie sich auf die Leistungen von Schülern auswirken. Er soll nun auch in Deutschland für Antworten sorgen, einen Kompass bieten im Bildungsdschungel.

In Oldenburg tritt ein schlanker Mann mit blond-gesträhnten Haaren vors Publikum, mit grünem Hemd und ohne Krawatte; er plaudert eine Stunde lang locker in weichem, australischem Englisch, fordert dabei sein Publikum, eine Mischung aus Studenten, Lehrern, angereisten deutschen Kollegen und Journalisten, zum Mitmachen auf.

Hattie räumt auf mit so manchen Thesen in der ideologisch festgefahrenen deutschen Bildungsdebatte. So komme es beispielsweise nicht, wie oft propagiert, auf die Klassengröße an. Ein gestresster Lehrer bleibe auch bei 15 Schülern in der Klasse gestresst, sagt Hattie. Und in kleineren Klassen würden Lehrer noch mehr reden als in großen Klassen. Hausaufgaben und Sitzenbleiben: nahezu wirkungslos.

"Wie viele Lehrer waren wirklich wichtig in Ihrer Schulzeit?"

Einfache Rezepte liefert er nicht, eher bietet er Spielraum für Interpretationen. Und so liest bisher jeder, was er in Hattie lesen will. Die deutsche Übersetzung soll nun damit Schluss machen. So sieht Hattie beispielsweise individuelles Lernen kritisch, ebenso wie jahrgangsübergreifende Gruppen. Gleichwohl fordert er deshalb aber keine Rückkehr zum reinen Frontalunterricht.

Auf den Lehrer und die Qualität seines Unterrichts komme es an, ruft er den angehenden Pädagogen in Niedersachsen zu, fast so, als wolle er ihnen seine Begeisterung einimpfen. "Change Agents" sollen sie sein, die Herausforderung suchen. "Erinnern Sie sich an die Lehrer, die wirklich wichtig waren zu Ihrer Schulzeit? Wie viele waren es? In der Regel zwei bis drei. Bei insgesamt 40 bis 60 Lehrpersonen während ihrer gesamten Schulzeit haben also nur vier bis sechs Prozent einen bleibenden Eindruck hinterlassen!"

Lehrer sollen keine Monologe halten, sondern in einen Dialog mit ihren Schülern treten, fordert Hattie. Ihren Schülern etwas zutrauen - wer an sich glaubt, der wächst. So steht die Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus ganz oben auf der Liste der Erfolgsfaktoren, gefolgt von Klarheit der Lehrperson, Feedback und einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung. Das klingt fast banal, ist aber offensichtlich nicht selbstverständlich an Schulen.

"Bleiben Sie hungrig!"

Nach Hatties Vortrag meldet sich ein Student und bittet: "In ein paar Jahren werde ich Lehrer. Haben Sie einen Rat für mich?" Seine Antwort: "Bleiben Sie hungrig, stellen sie sich in Frage", antwortet Hattie "Und setzen sie sich in den Unterricht von Kollegen. Aber sehen sie den Unterricht durch die Augen der Schüler."

Applaus, Lehrerinnen drängen nach vorn, lassen sich sein Buch signieren, machen Fotos mit dem Pädagogik-Star. Im Vorraum wird der Büchertisch gelüftet. Noch vor der Auslieferung steht Hatties Werk auf der Liste der 100 Top Seller bei Amazon.

John Hattie: "Lernen sichtbar machen", überarbeitete deutsche Ausgabe von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer, Schneider Verlag, 439 Seiten, 28 Euro (ab nächste Woche im Handel)

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