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"Früher war alles besser"

Bin ich jetzt alt?, das fragt sich auch die Hamburger Kabarettistin und Autorin Sybille Schrödter hin und wieder ...

Mit diesem Satz begann Oma in meiner Jugend immer ihr Loblied auf die fünfziger Jahre - mit bösem Blick auf meine abgeschabte Cordhose und den Pulli mit Fransen. "Damals, da war die Jugend viel adretter, und dann dieser Krach!" Sie schwärmte vom "lachenden Vagabunden". Logisch, dass die Musik der Stones in ihren Augen eine neue Gemeinheit war, die sich diese langhaarigen Gammler nur ausgedacht hatten, um sie zu ärgern. Und ausgerechnet an Omas Satz habe ich mich vergriffen, als ich neulich beim gemeinsamen Wellnesswochenende mit meiner ältesten Freundin auf Sylt war. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Vielleicht lag es am Reizklima.

Wir erinnerten uns auf einem Spaziergang plötzlich an unsere ersten Küsse, die wir beide hier in der Nähe bekommen hatten. Wie aus der harmlosen Erinnerung plüschige Nostalgie wurde - keine Ahnung. Vielleicht lag es daran, dass meine Freundin auf dem Weg zum Strand hauchte: "Ach, das Heidekraut roch damals viel würziger." Ich schnupperte und tatsächlich: viel würziger. Überhaupt: Hatte es jemals nettere Jungen und romantischere Stunden gegeben als damals in jenem Sommer, als die Welt noch in Ordnung gewesen war? Ich atmete die Luft ein, die damals viel salziger, hörte das Meeresrauschen, das damals viel rauschender gewesen war …

Ich erwachte aus meinem Sentimentalkoma

Auch meine Freundin schien wie ein Kaugummi im Gestern zu kleben. "Hier war es!", seufzte sie. Augenblicklich erwachte ich aus meinem Sentimentalkoma. Hier? Nein, das konnte nicht sein, das war der Parkplatz eines Supermarktes. "Aber war da nicht damals so eine romantische Bank hinter den Dünen?" "Früher vielleicht", entgegnete meine Freundin ernüchtert. Da hörte ich mich bereits lauthals seufzen: "Früher war das irgendwie besser!" Mitten im Satz versuchte ich zu stoppen, aber es war zu spät. Peinlich, peinlich. Meine Freundin wollte mich wohl gerade über beide Backen grinsend daran erinnern, wie ich früher über solche Nostalgiker abgelästert hatte, wie ich jetzt selber einer war. Da fiel mein Blick auf eine Bank direkt an den Dünen, und ich rannte los. Beglückt deutete ich schließlich auf ein ins Holz geritztes Herzchen, in dem ich ein S und ein K zu erkennen glaubte. "Guck mal!", rief ich, "das haben wir damals reingeritzt!"

Grinste sie immer noch oder schon wieder, als sie auf ein Messingschild deutete, auf dem unübersehbar zu lesen stand: Gestiftet im Jahr 2005?

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