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R-E-S-P-E-K-T

FDP-General Döring spricht von der "Tyrannei der Masse" und entlarvt die Arroganz der Etablierten. Den Liberalen geht genau das ab, was die Piraten so erfolgreich macht: Respekt vor dem Wähler.

Von Frank Ochmann

  • Frank Ochmann

Wie konnten sie nur? Im Saarland ist mit den "Piraten" zum zweiten Mal eine politische Partei in ein Länderparlament gewählt worden, deren Erfolg zu wachsendem Erstaunen und bei manchen auch zu Unbehagen führt. Die Piraten haben keine prominenten Gesichter in ihren Reihen. Gemeinsame Positionen zu aktuellen politischen Fragen sind - von der "Netzpolitik" einmal abgesehen - kaum fassbar. Und ihr Auftreten widerspricht so ziemlich allen PR-Regeln, die üblicherweise das Verhalten von Gewählten und Regierenden vor Kameras und Mikrofonen leiten. Trotzdem brachte es die Piratenpartei an der Saar auf 7,4 Prozent der Stimmen - sechsmal so viel wie die professionell durchgestylte FDP.

Deren designierter Generalsekretär suchte in der "Berliner Runde" der Parteistrategen verzweifelt nach Erklärungen und lieferte ungewollt gleich selbst eine. Sie würden doch schon lange das Parteiprogramm im Netz diskutieren lassen, warf Patrick Döring ein. Darüber hätte nur keiner berichtet. Und dann rutschte ihm raus, was ihm vermutlich bis ans Ende seiner politischen Tage vorgehalten werden wird: die Befürchtung einer "Tyrannei der Masse". Da war es also wieder, das Bild vom Wähler als natürlichem Feind des Politikers. Diesmal in der Variante Web-Zwo-Null.

Wer sich dann immer noch fragte, wie der Einzug der Piraten ins Parlament möglich geworden war, fand eine Antwort bei Aretha Franklin, die am Wahltag ihren Siebzigsten feiern konnte. "Respect" hieß das Lied, das die Soulsängerin 1967 weltberühmt machte. "R-E-S-P-E-C-T", wie sie damals in ihrem Song für jene buchstabierte, die nicht kapieren wollten und Schwarzen oder Frauen gleiche Rechte vorenthielten.

Piraten als Alternative zum Nichtwählen

Was das mit den Piraten zu tun hat? Auch dabei geht es ums Kapieren und um Respekt. Es geht um Macht und Gerechtigkeit und auch um jene "Würde", die zuletzt beim Amtswechsel des Bundespräsidenten immer wieder feierlich beschworen wurde. Übersetzt man den "Respekt", ist schon so gut wie alles erklärt. Das Wort setzt sich aus dem lateinischen "re" - zurück - und dem Verb "spicere" - sehen - zusammen. Wer also einen respektiert, der sieht zu ihm zurück beim Voranschreiten, vergewissert sich, dass der andere noch da ist und mithalten kann, dass er einverstanden ist mit Kurs und Tempo. Wer einen anderen respektiert, nimmt Rücksicht.

Das Gegenteil aber - mangelnde Rücksicht, fehlender Respekt - bestimmt das politische Gefühl vieler Menschen im Land. Das beweisen Umfragen zum Vertrauen in Politik und Wirtschaft ebenso wie das wachsende Aufbegehren einer Bevölkerungsschicht, die über Jahrzehnte nie auch nur auf den Gedanken gekommen wäre, ihre Stimme zu erheben und auf der Straße, vor Bahnhöfen, in Flughäfen oder vor dem Schloss Bellevue zu demonstrieren. Diesen Menschen ist nicht langweilig, sie bauschen keine Problemchen zu Problemen auf, weil es ihnen zu gut geht und sie sonst keine Sorgen haben. Vielmehr fühlen sie sich nicht oder wenigstens nicht mehr hinreichend respektiert und sind es darum offenbar leid, nur bei einer Wahlprognose wirklich noch zu zählen. Im Saarland jedenfalls war die größte Gruppe der Wahlberechtigen die der Nichtwähler: 38,4 Prozent. Doch es gibt offenbar eine Alternative, wie ebenfalls im Saarland deutlich wurde.

Vernetzung statt Verdummung

Manche politische Kommentatoren versuchen noch zu beschwichtigen, als sei es eigentlich auch ihnen lästig, sich mit den Piraten überhaupt beschäftigen zu müssen. Die könnten sich auf längere Sicht ohnehin nicht halten, wenn sie nicht bald eine konkrete "inhaltliche" Antwort auf die akuten politischen Fragen hätten, heißt es dann. Doch wie oft sind denn Inhalte für eine Wahl wirklich ausschlaggebend? Wird nicht seit Jahren beklagt, die Parteien seien inhaltlich kaum noch zu unterscheiden? Kanzlerin Angela Merkel führe die CDU zu "sozialdemokratisch", und die SPD sei, etwa mit der "Agenda 2010", weit ins Terrain der Konservativen eingebrochen? Also werden wahlkampf- und vor allem medientaugliche Spitzenkandidaten gesucht, gestylt, fotografiert und plakatiert. Die Piratenpartei aber gewinnt zum zweiten Mal beachtlich, obwohl die Namen ihrer Spitzenkandidaten für die Millionenfrage bei Günther Jauch taugen. Kaum einer kennt sie außerhalb der eigenen Partei.

"Sie vernetzen sich halt", heißt es dann beinahe vorwurfsvoll bei den anderen, als versuche da jemand zu schummeln. Macht man denn so Politik? Bisher nicht. Aber das könnte sich ändern. Denn die von den herkömmlichen Parteien so geschätzte Medientauglichkeit bemisst sich zunehmend an anderen Medien als bislang. Es bringt nichts, ein traditionelles Wahlplakat auch ins Internet zu stellen, Reden zu sammeln oder einen Video-Blog anzubieten, in dem die schönsten Phrasen aus den TV-Talkshows noch einmal für die "Generation Internet" aufbereitet werden. Das hat mehr mit Verdummung als mit Vernetzung zu tun.

Was auch an einem Wahltag zählt, zeigen die Piraten: gemeinsame Sache machen. Wirklich gemeinsam. Es ist das glaubwürdige Bekenntnis geteilter Ziele, Interessen und Regeln, das den gegenseitigen Respekt begründet. Damit aber ist das Fundament für alles Weitere gelegt. Dann ist Zeit, Fakten zu lernen, Probleme zu durchdenken und Antworten zu formulieren. Niemand muss mit geschlossenen Augen einen Computer auseinander- und wieder zusammenschrauben können, um das zu begreifen. Wenn Piraten "flauschen" und sich so "virtuell umarmen", dann lässt sich das damit gemeinte und offensichtlich auch tragende und Erfolg bringende Gefühl für Nicht-Web-Zwo-Nuller in allen Parteien und Bevölkerungsgruppen verständlich übersetzen: R-E-S-P-E-K-T.

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