Startseite

Stern Logo Kolumne Kopfwelten

Profi oder Arschloch?

Lass als Profi immer eine Distanz zwischen deinem wahren Selbst und deiner Rolle, raten Karriereplaner der künftigen Elite. Doch von solch unerträglichen Führungskräften gibt es schon viel zu viele! Ein Plädoyer für die Authentizität.

Von Frank Ochmann

  Ein Profi ist, wer seine Rolle gut spielt - stimmt das wirklich?

Ein Profi ist, wer seine Rolle gut spielt - stimmt das wirklich?

Wenn der Sommer kommt, endet für viele die Schulzeit oder auch schon die Ausbildung an den Universitäten. Spätestens jetzt also sollte auf die Frage "Was mache ich mit meinem Leben?" eine halbwegs tragfähige Antwort parat sein. Zumal für alle, die einmal zur Elite gehören möchten. Wer sich noch nicht ganz sicher ist, wird vermutlich Rat suchen. Und auch die Zielstrebigeren müssen vielleicht noch klären, wo genau sie hin wollen im Laufe ihrer beruflichen Karriere und mit welchen Mitteln – fachlichen wie menschlichen.

Da können die Tipps von einem nützlich sein, der sich wirklich auskennt. Und so schmückt sich eine inzwischen kaum noch überschaubare Schar von Helfern aus dem Dienstleistungsgewerbe mit Begriffen wie "Coaching", "Mediation" oder "Karriereplanung". Dass "Coaches" mit gutem Rat auch gutes Geld verdienen wollen, ist ihnen nicht grundsätzlich vorzuwerfen. Was sie ihren Schützlingen auf den beruflichen Weg mitgeben, verdient aber auf jeden Fall einen kritischen Blick. Denn die Verhaltensregeln, die solche Berater ihren Klienten in die Köpfe setzen, können ganz schnell die sein, mit denen wir uns etwas später allesamt herumschlagen müssen.

Oma sprach von "falschen Ludern"

So war von einem Vertreter dieser Zunft kürzlich unter der Überschrift "Authentizität ist unprofessionell" zu lesen, gerade Führungskräfte müssten es schaffen, eine Distanz zwischen der jeweiligen Rolle und ihrer eigenen Person aufzubauen. Es gäbe halt auf der einen Seite das, "was wir als Mensch sind" und auf der anderen, "was die Rolle von uns fordert". Zweifellos kann man sich auf diese Art manches Unangenehme vom Hals halten. So wäre es mir als erfolgreich Beratener dann vermutlich möglich, in meiner Rolle als Manager tausend Beschäftigte zu entlassen ("freizusetzen" heißt das im Vernebelungsdeutsch), den Rauswurf mit unvorhersehbaren betrieblichen Zwängen zu begründen und am Jahresende bei weiter gutem Schlaf einen satten Bonus einzustreichen. In diesem Beispiel wäre dann der gute Schlaf Teil meines tatsächlichen (und wohl "privaten") Menschseins, die leider unumgängliche "Freisetzung" Ausdruck meiner beruflichen Rolle, und der Bonus würde, dem Modell unseres Coaches entsprechend, zur "Schnittmenge" gehören. Denn davon profitiert unsere Führungskraft zweifellos nicht nur beruflich, sondern auch ganz privat und persönlich. Lektion gelernt.

Menschen, die einer solchen Ethik folgen, pflegte meine Großmutter selig allerdings ein "falsches Luder" zu nennen. Nun war Oma keine Akademikerin, und darum hätte sie "Authentizität" vermutlich auch nicht exakt definieren können. Das fällt aber auch Fachleuten nicht ganz leicht, da dieses Forschungsfeld erstaunlich wenig und dazu noch von Vertretern unterschiedlicher Disziplinen beackert wurde. Trotz mancher Brüche im Detail lässt sich ein Kern herausarbeiten: "Authentisch" ist demnach, wer möglichst ehrlich zu sich selbst ist, sich "nichts vormacht". Solche Authentizität verlangt nicht, dass ich mich nicht ändern darf. Sehr wohl aber verlangt sie – und das fällt ja schon schwer genug –, ohne rosa Brille in den Seelenspiegel zu sehen.

Auch ehrliche Menschen können taktieren

Es gibt aber noch eine andere Richtung der Authentizität. Die betrifft die Art, wie ich mich nach außen gebe. Wir könnten in diesem Fall statt von Authentizität auch von Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit oder Ernsthaftigkeit reden. Kennzeichen solcher üblicherweise geschätzten Eigenschaften ist, dass sich bei einem Menschen gerade keine Lücke zwischen dem auftut, was tatsächlich ist – in seiner Persönlichkeit oder auch in seinen Absichten – und dem, was er tut oder nach außen präsentiert.

Der Ehrliche muss dabei durchaus nicht auch der Dumme sein, wie mancher coole Zeitgenosse sicher schon vermutet. Auch authentische Menschen können planen und taktisch vorgehen, um ein Ziel zu erreichen. Im Unterschied zu den Spielchen der Nichtauthentischen geht es ihnen dabei in erster Linie aber nicht um die Mehrung des eigenen Vorteils. Ihr planender Blick versucht vielmehr auch die langfristigen Folgen des eigenen Handelns zu erkennen und zu berücksichtigen. Wir könnten auch sagen, die Taktik des authentisch Handelnden unterscheidet sich von der des nicht authentisch Handelnden wie die Klugheit von der Gerissenheit.

Das falsche Evangelium

Was also ist davon zu halten, wenn ein einflussreicher Coach rät, gerade Führungskräfte sollten es mit der Authentizität nicht zu weit treiben? Welche Folgen wird es haben, wenn Berufseinsteiger oder junge Menschen bei der Karriereplanung solche Ratschläge beherzigen und zu ihrem Evangelium auf dem Weg in die Elite machen? Sehen Sie sich eine Talkshow oder Dokumentation zur Euro-Krise jetzt, zur Lehman-Pleite 2008 oder der geplatzten "Internet-Blase" im Frühjahr 2000 an, und bestimmt stellt irgendwer diese oder eine ähnliche Frage: "Wie hat es dazu denn nur kommen können?" Einfache Antworten sind zwar fast immer die falschen. Doch welchen Wert wir der Aufrichtigkeit oder eben auch "Authentizität" als Wert beimessen, wie "echt" wir also sind und uns auch beruflich geben, ist ganz sicher kein Aspekt unter vielen. Kennzeichnet es also tatsächlich den Unprofessionellen, dass er sich um Authentizität bemüht?

Mir ist eingefallen, was dazu ein hervorragender Kenner der Unterhaltungsszene mit kaum zu übertreffender Klarheit festgestellt hat: "Das Showgeschäft hat fast alle Bereiche unseres Lebens erfasst", so Hans R. Beierlein, der inzwischen 82-jährige Medienmanager, Musikverleger und Mentor von Gilbert Becaud oder Udo Jürgens bis zu Heino und Florian Silbereisen. "Politik, Wirtschaft, Banken, Sport, selbst die Kirchen haben die Spielregeln übernommen … Die Profis sterben aus, und die Arschlöcher vermehren sich wie die Kaninchen."

Literatur

  • Begley, P. T. 2010: Leadership: Authentic. International Encyclopedia of Education (3. Aufl.), vol. 5. Oxford: Elsevier, 7-11
  • Martens W. H. J. 2007: A Multicomponential Model of Authenticity. Journal of Theoretical and Philosophical Psychology 27, 73-88
  • Ochmann, F. 2011: Verführt – Verwirrt – Für dumm verkauft: Wie wir Tag für Tag manipuliert werden, und was wir dagegen tun können. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus
  • Price, T. L. 2003: The ethics of authentic transformational leadership. The Leadership Quarterly 14, 67–81
  • Tuma, T. 2010: „Seitenlang Petersilie“ – Interview mit Hans R. Beierlein. Spiegel 34/2010, 96-97
  • Ustorf, A.-E. 2011: „Authentizität ist unprofessionell“ – Interview mit Jürgen Kugele. Süddeutsche Zeitung 25./26.6., V2/9
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools