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Wenn einem nichts peinlich ist

Nie ist es einem Bundespräsidenten so wenig peinlich gewesen, Mittelpunkt einer ehrenrührigen Debatte zu sein wie Christian Wulff. Dabei wäre glaubwürdige Reue sein einziger Ausweg aus dem Dilemma.

Von Frank Ochmann

Wenn sich Kinder ihre Welt erschließen, dann sollte es keine dummen, keine verbotenen und auch keine letzten Fragen geben. Auf jede womöglich bereits mühsam zusammengestotterte Antwort ist immer noch ein weiteres "Warum?" erlaubt und auch wahrscheinlich. Bohrendes Nachfragen ist sinnvoll, weil sich nur so annähernd ergründen lässt, was ist - was wirklich ist. Darum verhalten sich auch Wissenschaftler wie unersättlich wissbegierige Kinder. Und dem Journalismus ist diese Methode gleichfalls nicht fremd, falls er den Namen verdient.

Bei der Affäre um Bundespräsident Christian Wulff, um seine Kredite, seinen gesellschaftlichen Umgang und sein Verhältnis zu den Macht-Mechanismen eines demokratischen Staates, ist notfalls nervtötendes Fragen schon deshalb erforderlich, weil Wulff die infrage stehenden Fakten überaus zurückhaltend und bislang nur auf äußeren Druck offenlegt. Vor allem durch dieses zögerliche Verhalten ist eine Diskussion entstanden, die kein Ende zu nehmen scheint - weil Wulff selbst ihr kein Ende bereitet. Stattdessen wartet er geduldig darauf, dass seinen Gegnern das Pulver ausgeht und die "Stahlgewitter" über dem Schloss Bellevue von allein an Kraft verlieren. Noch nie ist es einem Bundespräsidenten so wenig peinlich gewesen, Mittelpunkt einer ehrenrührigen Debatte zu sein.

Teflon-Lächeln statt Scham

Aber hätten wir denn etwas davon, wenn ihm das peinlich wäre? Was wäre gewonnen, wenn Wulff Scham zeigen würde und nicht ein Teflon-Lächeln, das sich beim TV-Interview vergangene Woche nicht merklich von dem unterschied, mit dem er am nächsten Tag die Sternsinger empfing. Psychologen zählen Verlegenheit und die Peinlichkeit einer Situation zu den selbstbezogenen Gefühlen. Da sie schmerzen, natürlich zu den negativen, anders als etwa den Stolz auf der anderen Seite des Spektrums. Peinlich ist uns dann etwas, wenn wir den offenbar berechtigten Ansprüchen und Erwartungen einer Gruppe nicht genügen, der wir uns zugehörig fühlen. Und weil wir uns zu denen zählen, die uns kritisieren, ist uns wichtig, was sie empfinden, über uns denken und sagen.

Allein diese knappe Beschreibung macht schon deutlich, welche soziale Funktion ein Gefühl wie die Verlegenheit hat. Und eben veröffentlichte Versuchsergebnisse von Psychologen und Soziologen der University of California in Berkeley bestätigen genau das: Die Peinlichkeit eines Menschen sagt denen, die sie durch ihr ausdrückliches oder auch nur von ihnen erwartetes Urteil auslösen: Ich gehöre zu euch, ich achte euch, und eure Regeln sind auch die meinen. Weil ich sie aber dennoch verletzt habe, leide ich unter dieser Situation und möchte, dass mir dieses Verhalten von euch vergeben wird. Damit ich von euch wieder so geachtet werde wie zuvor.

Glaubwürdige Reue als Zeichen der Stärke

Die von Matthew Feinberg und seinen Kollegen gefunden Reaktionen ihrer Probanden sind eindeutig: Glaubwürdige Zeichen der Verlegenheit und Peinlichkeit auf dem Gesicht eines Ertappten oder Reuigen werden von denen, die sie wahrnehmen, positiv aufgenommen, nicht etwa ablehnend. Sie werden als Stärke gewertet, nicht als Schwäche - weil nämlich die Verlegenheit denjenigen, der sie zeigt, als im Kern "guten Kerl" kennzeichnet.

Natürlich gilt diese Analyse auch in umgekehrter Richtung: Mir ist nichts peinlich, wenn mir am Urteil derer nichts liegt, die mich kritisieren und gegen deren Regeln ich verstoßen habe oder haben soll. Darum geht es bei der Peinlichkeit, um den Zustand einer Beziehung, um die Bedeutung eines Verhältnisses. Nimmt man die Reaktionen des Bundespräsidenten und auch eines Großteils seiner politischen Unterstützer, dann ist die Botschaft dieser Tage und Wochen recht eindeutig: Lasst eure "Stahlgewitter" nur über mir niedergehen, ihr werdet euch bald wieder beruhigen. Und wenn nicht, dann spielt das auch keine große Rolle. Mangelnde Peinlichkeit ist ein Zeichen der Missachtung. Wie lange aber kann es ein öffentliches Amt wohl vertragen, wenn die Beziehung dessen, der es inne hat, zu jenen, denen es dienen soll, von Missachtung geprägt ist?

Das Volk misstraut seinem Präsidenten

Ob schon ein Schaden entstanden ist durch Wulffs Verhalten, ist eine der vielen Fragen, die dieser Tage auf allen Sendern diskutiert wird. Was als "Coolness" gedeutet werden mag oder auch als "Professionalität" und "Steherqualität" zieht die dafür nötige Energie aus dem Ansehen des Amtes selbst. Je länger das dauert, desto größer wird der Schaden. Am Ende ist er womöglich irreparabel.

Und noch etwas sollte uns Sorgen machen: Nur ein knappes Drittel der Bevölkerung hält Wulff noch für ehrlich und glaubwürdig. Der Bundespräsident, so wird immer wieder betont, hat genau zwei Säulen, auf denen sein Amt ruht: seine Stimme und seine Glaubwürdigkeit. Doch genau die wird ihm von einer Zweidrittelmehrheit des Volkes, das er repräsentieren soll, bestritten. Dem Anstand wäre es geschuldet, wenn Christian Wulff angesichts solcher Zahlen zurückträte. Einfach nur, weil sein Amt keinen Inhaber verträgt, dem so misstraut wird - weil das die vielzitierte "Würde" beschädigt.

Wäre es aber nicht auch logisch, wenn ein Volk, das seinem Präsidenten zu zwei Dritteln misstraut, ihm auch die Unterstützung versagte? Doch dazu entschließt sich erstaunlicherweise gerade einmal die Hälfte. Haben wir uns also daran gewöhnt, dass wir "denen da oben" nicht trauen? Ist es uns egal, wer als Präsident für uns, für diesen Staat und seine Werte steht? Zucken wir mit den Schultern, weil uns eine solche Lage auch selbst nicht mehr peinlich ist? Wenn es so weit mit uns ist, dann allerdings kann Wulff ruhig bleiben. Und Guttenberg kann wiederkommen.

Literatur:

  • Feinberg, M. et al. 2012: Flustered and Faithful: Embarrassment as a Signal of Prosociality. Journal of Personality and Social Psychology 102, 81-97
  • Goffman, E. 1956: Embarrassment and Social Organization. The American Journal of Sociology 62, 264-271
  • Niedenthal, P. & Brauer, M. 2012: Social Functionality of Human Emotion. Annual Review of Psychology 63, 259-285
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