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Allein sein ist ungesund

Als soziale Wesen brauchen wir einander. Nähe, Zuneigung und Intimität stärken uns psychisch und steigern unser körperliches Wohlbefinden. Allein sein hingegen scheint der Gesundheit abträglich. Wie innig unsere Beziehungen sind, lässt sich sogar an unserem Blutdruck ablesen.

Von Frank Ochmann

  Einsamkeit wirkt sich auf den Blutdruck aus

Einsamkeit wirkt sich auf den Blutdruck aus

Es geschieht jede Nacht. Während unser Kopf ins Kissen und unser Bewusstsein in tiefe Finsternis sinkt, sackt auch unser Blutdruck ab. In einer großen Übersichtsstudie lag der durchschnittliche Druck bei Gesunden während der Nacht deutlich unter dem, der im Mittel den Tag über gemessen werden konnte: um rund 15 Prozent immerhin.

Die Gründe dafür sind bis jetzt zwar alles andere als klar. Doch zunehmend gewinnen Mediziner den Eindruck, dass diese nächtliche Delle im Blutdruck ein wichtiges Signal für unser gesamtes Wohl oder Wehe ist. Etliche Untersuchungen aus den vergangenen Jahren bringen jedenfalls ein relativ flaches oder ganz fehlendes Absinken des Blutdrucks während der Schlafphase mit verschiedenen organischen Erkrankungen vom Kopf bis zu den Nieren in Verbindung.

Aber auch Gesunde können rund um die Uhr Hochdruck in den Adern haben - und zwar bei Stress. Für je fünf Prozent weniger bei der Tag-Nacht-Differenz des Blutdrucks steigt dabei das statistische Risiko, an Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken oder gar daran zu sterben um satte 20 bis 30 Prozent. Wir sollten uns also überlegen, wie wir uns möglichst ruhig betten können. Dazu muss nicht unbedingt jemand neben uns liegen. Wichtiger ist offenbar, dass wir im Kopf nicht allein sind.

Das Forscherteam um die Psychologin Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young University in Provo im US-Bundesstaat Utah untersucht schon seit längerem die Frage, wie sich unser soziales Beziehungsgeflecht auf die Gesundheit auswirkt. Und da der Blutdruck viel über unser Krankheitsrisiko verrät, steht er im Zentrum dieser Untersuchungen.

Dass glücklich Verheiratete generell einen eher niedrigen Blutdruck haben als Singles, konnte schon in einer früheren Studie gezeigt werden. Die Ehe allein macht es allerdings auch nicht: Wer unglücklich gebunden war, hatte nämlich den höchsten Blutdruck. Höher noch als unzufriedene Singles.

Menschliche Nähe zeigt sich im Blutdruck

In einer jetzt veröffentlichten Arbeit widmeten sich Holt-Lunstad und ihre Mitarbeiter nun besonders der Tiefe des nächtlichen Blutdruckabfalls. Und auch da zeigten sich tiefe Spuren menschlicher Nähe oder eben auch Ferne.

Rund 300 Versuchsteilnehmer, ungefähr gleich viele Frauen wie Männer im Alter von 20 bis 68 Jahren mit normalem Blutdruck und ohne den Einfluss relevanter Medikamente, wurden untersucht und mussten dabei auch ihre aktuelle Beziehungssituation angeben. Ebenso galt es, nach genormten und international üblichen Befragungsmethoden einzuschätzen, wie sehr man sich insgesamt von seinen Mitmenschen gestützt fühlt. Die Ergebnisse dieser detaillierten seelischen und sozialen Erhebung wurden dann mit den Blutdruckmessungen ins Verhältnis gesetzt.

Es bestätigte sich zunächst das Resultat früherer Studien: Wer sich anderen Menschen innerlich verbunden fühlte, dessen Blutdruckkurven verrieten auch Ruhe während der Nacht - allerdings reichte es nicht, sich nur von "irgendwem" gestützt und gehalten zu fühlen. Das Gefühl sozialen Getragenseins durch Freunde oder Gruppen mit gemeinsamen Interessen machte bei der nächtlichen Blutdruckkurve keinen nennenswerten Unterschied. Was auch die Wissenschaftler aus Utah überraschte. Denn vermutet worden war zuvor, dass jedes Gefühl von Nähe einen ähnlichen Effekt macht, ganz gleich von wem es ausgeht. Doch das bestätigte sich nicht, obwohl sich derart "vernetzte" Menschen selbst zufriedener einschätzen als jemand mit nur wenigen und dazu vielleicht sogar noch schwachen Bindungen.

Tiefe der Beziehung entscheidend

Was in der Blutdruckstudie dagegen merklichen Eindruck hinterließ, war die Tiefe einer persönlichen Beziehung. "Tief" hieß dabei, wie wichtig, positiv und sicher sie eingeschätzt wurde. Wer in einer als glücklich empfundenen Ehe lebte, hatte statistisch die besten Chancen, sich eines rund um die Uhr gesunden Blutdrucks erfreuen zu können. War eine solche als "tief" empfundene Beziehung aber zugleich eine, die viele Konflikte mit sich brachte, ging das den Beteiligten ziemlich heftig auf die Pumpe.

Allein sein, so bestätigt auch diese Studie wieder, ist der Gesundheit wohl wirklich abträglich. Und dass die "glückliche Ehe" im Vergleich zu anderen Lebensformen so gut abschneidet, wird an einer von Mormonen geführten Hochschule wie der Brigham Young University sicher zu besonderer Freude führen. Doch auch Strenggläubige sollten die Studie ganz lesen. Denn zumindest aus medizinischer Sicht mahnt sie zur Vorsicht: Lieber gar keine "tiefe" Beziehung als ein Ehebund, der nervt.

Literatur:

Cohen, S. & Wills, T. A. 1985: Stress, Social Support, and the Buffering Hypothesis, Psychological Bulletin 98, 310-357

Holt-Lunstad, J. et al. 2003: Social Relationships and Ambulatory Blood Pressure: Structural and Qualitative Predictors of Cardiovascular Function During Everyday Social Interactions, Health Psychology 22, 388-397

Holt-Lunstad, J. et al. 2009: The influence of close relationships on nocturnal blood pressure dipping, International Journal of Psychophysiology 71, 211-217

Kiecolt-Glaser, J. K. & Newton, T. L. 2001: Marriage and Health: His and Hers, Psychological Bulletin 127, 472-503

Smith, T. W. & Ruiz, J. M. 2002: Psychosocial Influences on the Development and Course of Coronary Heart Disease: Current Status and Implications for Research and Practice, Journal of Consulting and Clinical Psychology 70, 548-568

Staessen, J. A. et al. 1991: Mean and Range of the Ambulatory Pressure in Normotensive Subjects from a Meta-Analysis of 23 Studies, The American Journal of Cardiology 67, 723-727

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