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Eifersucht und Höhlenromantik

Wie unterschiedlich Mann und Frau auf Untreue reagieren, ist ein Paradefall der evolutionären Psychologie. Was wir sind und wie wir sind, scheint festgelegt durch unser Erbgut und eine wie ein Uhrwerk ablaufende Evolutionsgeschichte. Doch inzwischen wird immer deutlicher: Wir sind keineswegs Gefangene unserer Gene.

Von Frank Ochmann

Eifersucht: Sind die Höhlenmensch-Gene dafür verantwortlich?

Eifersucht: Sind die Höhlenmensch-Gene dafür verantwortlich?

Schiebt sich eine Nummer Drei in eine Zweierbeziehung, sind die Reaktionen aus Erfahrung absehbar: Frau wie Mann nehmen gegenüber einem Eindringling die Verteidigungsstellung ein und fahren die Krallen aus oder ballen die Fäuste. Solange eine Beziehung für das eigene Leben noch einen Wert hat, wird sie nicht kampflos aufgegeben. So war das, und so ist das. Aber wann genau gehen die Alarmlampen der Eifersucht an? Und warum genau?

Als man vor gut dreißig Jahren begann, auch das komplexe Mit- und Gegeneinander unserer Art unter biologischen Aspekten und damit auch im Lichte der evolutionstheoretischen Arbeiten von Charles Darwin zu begutachten, bildete sich unter "evolutionären Psychologen" bald auch die Meinung heraus, Männlein und Weiblein seien in Sachen Eifersucht von Natur aus ziemlich unterschiedlich gestimmt: Bringt es demnach sie schon aus der Ruhe, wenn er an eine andere auch nur denkt, steigt sein Blutdruck besonders, wenn er sie in der körperlichen Umarmung eines anderen weiß oder vermutet. Vereinfacht: Sie denkt mit dem Herzen, er mit den Lenden.

Mann hat nur das Erbgut im Sinn?

Die evolutionäre Begründung für diesen Befund war auch schnell gefunden: Er muss sein Erbgut verteidigen, damit seine Gene und nicht die eines anderen an Nachkommen weitergegeben werden. Sie hingegen braucht seine ungeteilte innere Hinwendung für sich und die Brut, damit sie den Fährnissen einer feindlichen Umgebung nicht schutzlos ausgeliefert ist und versorgt wird.

Inzwischen allerdings wird diese ziemlich in die Jahre gekommene darwinistische Lagerfeuerromantik zunehmend hinterfragt. Denn die Forschung bietet längst ein deutlich differenzierteres Bild als plumpe Antworten der Art "So ist halt die Natur!" Das Bild vom Erbgut hat sich in nur wenigen Jahren dramatisch verändert. So sehr, dass eine noch vor kurzem übliche klare Trennung von ererbter Natur und späteren Einflüssen auf unser Verhalten wohl für immer vom Tisch ist. Und auch über das Gehirn, dem unser Verhalten entspringt, haben wir in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten einiges dazulernen können.

Die Vorstellung jedenfalls, eigentlich liefen wir mit den falschen, weil entwicklungsmäßig vor zehntausend Jahren oder so erstarrten und seitdem nicht mehr an neue Lebensverhältnisse angepassten Genen durch die Gegend, darf als endgültig überholt angesehen werden. Gene sind nicht statisch. Sie sind auch nicht "egoistisch", weil sie nämlich überhaupt keine "Persönlichkeit" oder "Absicht" haben. Und unser Kopf ist anpassungsfähig genug, um sich sein Gegenüber nicht erst wie früher im Fell vor einer Höhle vorstellen zu müssen, um soziale Aktionen und Reaktionen einordnen zu können.

Der angeblich unserer Natur – was immer das ist – entsprechende Geschlechterunterschied bei der Eifersucht ist ein klassisches Beispiel für Soziobiologie in ihrer simpelsten und leider auch noch immer verbreitetsten Form. "Einfach" ist nicht schon deshalb auch "richtig". Aber hat es in den vergangenen Jahrzehnten nicht diverse Untersuchungen gegeben, die zeigen, dass Frauen "von der Venus" und Männer "vom Mars" sind? Naturgegeben? Unverrückbar? Und wird uns nicht auch das im Laufe des eben angebrochenen Darwin-Gedenkjahres immer und immer wieder präsentiert werden?

Wie bedeutend Unterschiede von Mensch zu Mensch und nicht nur von Frau zu Mann sind, zeigt jetzt – wieder einmal – eine Arbeit von Psychologen der Florida State University. Wie stark die Geschlechterdifferenz ausfällt, hängt demnach zum Beispiel davon ab, wie eifersüchtig überhaupt einer oder eine ist. Chronische Ängste, von Nebenbuhlern verdrängt zu werden, beeinträchtigen die Befunde, verändern den Verhaltensunterschied zwischen "ihm" und "ihr".

Nicht mehr von Höhlenmensch-Genen geleitet

"Viele Wissenschaftler (und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen) stellen evolutionäre Perspektiven so dar, als basiere die Psychologie auf unabänderlichen, genetisch festgelegten Prozessen, die für alle und in allen Situationen gleichermaßen gelten", schreiben die Autoren der Studie. Tatsächlich liefern sie einen weiteren Beleg dafür, dass wir gar so einfach nicht ticken. Man muss nicht gleich das Erbe Darwins leugnen, um im Erbgut nicht das ein für alle Mal festgelegte Schicksal unserer Art zu erkennen. Wer wir sind, entscheidet sich ziemlich komplex und fließend im Heute und Morgen auf der Basis des Gestern. Wenn sich das im Darwin-Jahr zunehmend als Einsicht durchsetzt, dann ehrt das sein Werk. Denn genau so hat auch er schon gedacht.

Literatur:

Darwin, C. 1859: On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, London: John Murray (Auf Deutsch wieder verfügbar ist die erste Übersetzung von Heinrich Georg Bronn 1860/2008: Über die Entstehung der Arten, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

Zum Verständnis der Darwinschen Evolutionstheorie und ihrer aktuellen Fortschreibung sehr empfehlenswert und auch für Laien gut verständlich: Fischer, E. P. 2009: Der kleine Darwin – Alles, was man über Evolution wissen sollte, München: Pantheon

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DeSteno, D. et al. 2002: Sex Differences in Jealousy: Evolutionary Mechanism or Artifact of Measurement?, Journal of Personality and Social Psychology 83, 1103-1116

Kuhle, B. X. et al. 2009: Sex differences in the motivation and mitigation of jealousy-induced interrogations, Personality and Individual Differences, (online vorab: doi:10.1016/j.paid.2008.11.023)

Miller, S. L. & Maner, J. K. 2009: Sex differences in response to sexual versus emotional infidelity: The moderating role of individual differences, Personality and Individual Differences 46, 287-291

Pietrzak, R. H. et al. 2002: Sex differences in human jealousy – A coordinated study of force-choice, continuous rating-scale, and physiological response on the same subjects, Evolution and Human Behavior 23, 83-94

Schützwohl, A. 2008: The disengagement of attentive resources from task-irrelevant cues to sexual and emotional infidelity, Personality and Individual Differences 44, 633-644

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