HOME

Stern Logo Kolumne Kopfwelten

Krebs ist keine Strafe. Nie!

Dass die Krankheit sich nie so geirrt hatte wie bei Christoph Schlingensief, stand in einem Nachruf auf den Regisseur. Kann es etwas wie ein Ansehen der Person geben, wenn einen eine schlimme Diagnose trifft? Hätten andere sie vielleicht eher verdient? Ein Kommentar von Frank Ochmann

Es war ein einziger Satz in einem Nachruf auf den vergangenen Samstag verstorbenen Christoph Schlingensief, der mich bewogen hat, den Gedanken von Krankheit und Gerechtigkeit an dieser Stelle aufzugreifen. Um mir selbst Luft zu schaffen sicher, aber auch, weil diesen Satz vermutlich viele Menschen gelesen haben, die er wie ein Dolch getroffen haben muss: "Als Christoph Schlingensief dann 2008 die Diagnose erhielt, er habe Lungenkrebs, fühlten alle, die ihn kannten, dass sich diese Krankheit nie so geirrt hat, wie mit dieser Strafe."

Nein, ich unterstelle dem Schreiber der "Süddeutschen Zeitung" keine böse Absicht, unterstelle ihm nichts als tiefe Sympathie für Schlingensief, nichts als Trauer und den Wunsch, es wäre nicht so gekommen, wie es am Ende gegen alle Hoffnung gekommen ist. Es ist also kein persönlicher Angriff, den ich hier formulieren möchte. Es ist vielmehr ein Appell an uns alle, unsere Sätze sorgfältig zu wählen und zuvor zu bedenken, wenn wir auf das Unvermeidliche reagieren. Vor allem dann, wenn wir öffentlich reagieren und keinen Einfluss mehr darauf haben, wer mit diesen Sätzen fertig werden muss.

Rund 400.000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Krebs. Frauen, Männer, Kinder, Junge, Alte, Prominente und Unbekannte, Beliebte und Alleinstehende. Wie lesen solche Menschen einen solchen Satz? Hat sich die Krankheit bei ihnen auch "geirrt" oder vielleicht auch nicht? Und empfinden sie ihre Leiden zwischen Kernspin und Chemotherapie als Strafe? Als gerechte Strafe womöglich? Was denken ihre Angehörigen? Was die Eltern jener Kinder, die auf der Krebsstation das Hoffen nicht aufgeben, auch wenn die Kräfte schwinden?

Menschen suchen überall einen Sinn

Nicht der Zensur will ich hier das Wort reden, sondern der Sorgfalt und der Wachsamkeit gegenüber den eigenen Vorurteilen und inneren Verlockungen. Menschen sind so, dass sie überall einen Sinn suchen, überall Wirkung und Ursache verbinden möchten, damit die Welt verständlich wird und in ihrer Entwicklung vorhersagbar. Und so passt es uns gut ins Weltbild, wenn einer an Lungenkrebs erkrankt, der geraucht hat oder wenn bei einem, der zu viel gesoffen hat, vielleicht die Leber wuchert. Doch wer das Leiden als Strafe versteht, muss auch sagen, wer die Strafe verhängt. Gott? Ist der Publizist und Atheist Christopher Hitchens wohlmöglich deshalb am Speiseröhrenkrebs erkrankt, weil er Gott weltweit und in Millionenauflagen geleugnet hat?

Wahrscheinlicher als ein himmlisches Strafgericht ist, dass wir selbst es sind, die sich das Drohende, Schreckliche, Unfassbare, Leid und Tod vom Halse schaffen wollen, indem wir den Kranken wenigstens indirekt zum Schuldigen stempeln - und uns selbst im selben Atemzug freisprechen. Trifft es dann aber einen, der so sympathisch ist wie Schlingensief oder unserem Herzen so nah ist wie Partner, Eltern oder die eigenen Kinder, dann muss sich die Krankheit doch wohl "geirrt" haben, oder nicht? Wen aber trifft es dann zu Recht?

Frank Ochmann
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools