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Macht kennt keine Regeln

Bei der Affäre um den IWF-Chef geht es nur auf den ersten Blick um Sex. Dahinter steht die Frage, was mächtige Menschen sich herausnehmen dürfen.

Von Frank Ochmann

IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wird verdächtigt, ein Zimmermädchen sexuell belästigt zu haben

IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wird verdächtigt, ein Zimmermädchen sexuell belästigt zu haben

Macht sei das stärkste Aphrodisiakum, hat der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger einmal gesagt, als er vor fast vierzig Jahren selbst zu den Mächtigsten der Weltpolitik zählte. Ob die aktuelle Affäre um den in den USA unter dem Vorwurf versuchter Vergewaltigung verhafteten Präsidenten des Weltwährungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, diesen Satz stützt, wird sich erst noch zeigen müssen. Der Ausgang dieser Affäre ändert aber nichts daran, dass bei der Verknüpfung von Macht und Sex die Macht der weitaus spannendere Teil ist. Wir werden gleich sehen, dass es auf den Sex - in diesem Zusammenhang und unabhängig vom Leid der Opfer - wirklich nur am Rande ankommt.

Mitte der 1990er Jahre konnte ein Team um den amerikanischen Psychologen John Bargh experimentell zeigen, dass es bei bestimmten Männern im Kopf offenbar eine direkte Verbindung gibt, die vom Gefühl eigener Macht zum Bedürfnis nach Sex führt. Zwar gehörte zumindest zum damaligen feministischen Glaubensbekenntnis die Überzeugung, so seien schlichtweg alle Männer gestrickt. Der differenzierte wissenschaftliche Blick konnte das aber ganz so nicht bestätigen. Es gab durchaus Unterschiede.

Ein "blinder Fleck"

Besonders stark war diese Verbindung von der einen Potenz zur anderen demnach bei Männern, die ohnehin eine aggressivere Variante beim Sex bevorzugten oder davon beispielweise beim Betrachten eines entsprechenden Videos erregt wurden. Diese Reaktion wird nicht etwa erfragt, sondern untrüglich am passenden männlichen Körperteil gemessen. Die Gedanken solcher eher aggressiv gestimmten Probanden wanderten ganz von allein - "automatisch", wie Psychologen in einem solchen Fall sagen - von der Macht zum Sex.

Es reichte dann ein gedankliches Durchspielen verschiedener Situationen und Machtverhältnisse, um die Folgen zu offenbaren: Versetzten sich diese Teilnehmer unter experimenteller Anleitung nämlich in eine Situation, in der sie Macht über andere Menschen spürten, wuchs mit dem eigenen Einfluss auch die Bereitschaft, sich notfalls mit Gewalt zu nehmen, was den "Ermächtigten" ihrer Meinung nach zur sexuellen Befriedigung zustand.

Die letzte Formulierung ist mit Bedacht gewählt. Denn tatsächlich schienen diese Männer in vielen Fällen davon überzeugt zu sein, dass ihnen ihr Verhalten zustand. Entsprechend erstaunt reagierten sie, wenn sie erfahren mussten, dass der Rest der Welt davon keineswegs überzeugt war. Bargh spricht von einem "blinden Fleck", den er und seine Kollegen bei der Selbstwahrnehmung der Mächtigen fanden. Und eben an dieser Stelle zeigt sich, dass die sexuelle Regelüberschreitung vor allem das ist: ein Brechen von sozialen Regeln, ohne dass dies auch so erkannt wird.

Mächtige nehmen sich mehr heraus

Diese Einsicht ist deswegen so spannend, weil sie sich nicht allein auf den Sex beschränkt. Viele Studien konnten zeigen, dass Mächtige oder auch nur Eigenmächtige sich auch in ganz alltäglichen Situationen bei weitem mehr herausnehmen als Menschen, die sich eher zum Mittelfeld oder gar zum Bodensatz der Gesellschaft gehörig fühlen. Das kann sich beim Verstoß gegen die akademischen Regeln eines Promotionsverfahrens ebenso zeigen wie beim Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn, beim Kassieren von unfeinen Nebenverdiensten, beim Postengeschacher oder bei der schlichten Frage, ob sich einer in einem überfüllten Saal traut, nach eigenem Gutdünken das Fenster zu öffnen. Machtmenschen sind zielgerichteter, sagen Psychologen. Das primäre Ziel ist aber eben oft, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen. Wer die Macht hat, kennt offenbar spätestens dann keine Regeln und keine konkurrierenden Interessen anderer mehr.

Und das macht auf uns auch mächtig Eindruck. Denn, wie kürzlich eine Arbeitsgruppe der Universität Amsterdam zeigen konnte, wer sich nicht an die Regeln hält, die für alle gelten, wird von Beobachtern seines Verhaltens für mächtig gehalten. Wie sonst könnte einer rauchen, wo es verboten ist? Wie sonst könnte einer im Gespräch mit anderen fraglos die Füße auf den Tisch legen oder sich Kaffee aus einer fremden Kanne nehmen?

Bilder mit Symbolkraft

Die Folgen sind gefährlich. Denn Macht und die Missachtung geltender Verhaltensregeln schaukeln sich durch den Eindruck auf die "Zuschauer" gegenseitig hoch: Wer Macht hat, bricht Regeln. Wer Regeln bricht, wird für mächtig gehalten. Wer für mächtig gehalten wird, fühlt sich noch mächtiger. Wer sich mächtiger fühlt, ist leichter bereit, Regeln zu brechen. Und so weiter.

An dieser Stelle kommen wir zurück auf Dominique Strauss-Kahn und die bislang unentschiedenen Vorwürfe gegen ihn. Es konnte schon ein befremdliches Gefühl hervorrufen, diesen mächtigen Menschen von Beamten mit regungsloser Miene in Handschellen vorgeführt zu sehen. Musste das sein? Auch noch im Fernsehen? Es ist kein Zufall, dass solche Bilder in den USA inzwischen fast zum Ritual solcher Prozesse gehören. Kein Prominenter, kein Mächtiger, gegen den schwere Vorwürfe erhoben werden, kann sich davor schützen.

Erinnern wir uns an die Studie aus Amsterdam, wird sofort klar, warum solche Bilder so wichtig sind. Denn sie signalisieren auf eindringliche Art: Es gibt Regeln, die sind mächtiger als selbst die Mächtigsten! Dass aber für alle geltende Regeln tatsächlich für alle gelten, ist für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft von immenser Bedeutung. Und darum braucht es tatsächlich immer wieder solche Bilder wie jene, die Richterin Melissa Jackson jetzt in Manhattan zuließ: Strauss-Kahn - schuldig oder nicht - als ein Beschuldigter unter vielen anderen. Diese Demonstration von Rechtsstaatlichkeit zuzulassen, war eine kluge Entscheidung.

Literatur

  • Bargh, J. A. et al. 1995: Attractiveness of the Underling: An Automatic Power → Sex Association and its Consequences for Sexual Harassment and Aggression. Journal of Personality and Social Psychology 68, 768-781
  • Kipnis, D. 1972: Does Power Corrupt? Journal of Personality and Social Psychology 24, 33-41
  • Todorov, A. & Bargh, J. A. 2002: Automatic sources of aggression. Aggression and Violent Behavior 7, 53-68
  • Van Kleef, G. A. et al. 2011: Breaking the Rules to Rise to Power: How Norm Violators Gain Power in the Eyes of Others. (im Druck, doi:10.1177/1948550611398416)

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