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Hoffnungsvoll dem Abgrund entgegen

Während Europa eine weitere schwere Finanzkrise abzuwenden versucht, haben Forscher herausgefunden, warum es dazu überhaupt hat kommen können: Unser Bild von der Zukunft ist von Natur aus schief.

Von Frank Ochmann

  Ist Europa auf dem richtigen Weg? Oder lauert schon der Abgrund?

Ist Europa auf dem richtigen Weg? Oder lauert schon der Abgrund?

Manchmal treffen Wirklichkeit und Wissenschaft auf beinahe komische Weise aufeinander. Diese Woche war das auch wieder so. Da stopft Euro-Europa im Akkord alte und neue Löcher, um sich einer Schuldenflut zu erwehren, die unkontrollierbar zu werden droht. Und selbstverständlich begleitet die Politikerriege - wo viele hoffen, dass die Maßnahmen helfen, aber es keiner wirklich glaubt - die Erste-Hilfe-Aktionen mit warmen Worten der Beruhigung. Jetzt sind wir endlich auf dem richtigen Weg und werden bald schon das rettende Ufer erreicht haben. Ganz bestimmt kommt es so. Haltet nur durch. Glaubt uns!

Und wir? Tief in unserem Inneren glauben wir doch tatsächlich, dass es auch diesmal wieder gut gehen wird. Klar, mit Schrammen und Ächzen und bestimmt nicht ohne schwere Verluste. Aber Ende gut, alles gut. Oder nicht? Dächten wir anders, müssten wir angesichts der Zahlen, die uns Tag für Tag um die Ohren fliegen, doch längst mit angstgeweiteten Augen schreiend durch die Straßen laufen. Doch bis auf ein paar Demos und gewalttätige Geplänkel hier und da ist alles noch überraschend ruhig in Europa. Gut, die Griechen ... Aber sonst? Das Summieren der Schuldenmilliarden wirkt inzwischen offenbar wie Schäfchenzählen.

Wir sind nicht richtig im Kopf

In diese Situation hinein trifft nun eine Forschungsarbeit, die uns erklären kann, warum wir noch so gute Laune haben. Die Antwort mag der eine oder andere aufmerksame Beobachter geahnt haben: Wir sind offenbar nicht ganz richtig im Kopf.

Zwar gibt es auch theoretischen Zweifel am schon länger in der Psychologie bekannten Phänomen des übertriebenen, unrealistischen Optimismus unserer Art. Kürzlich warnten Wissenschaftler zum Beispiel, der Effekt ließe sich womöglich auf eine bestimmte statistische Auswertung der Daten zurückführen und sei womöglich nicht real. Doch ein Blick ins wahre Leben vermittelt ein anderes Bild: Alle rechnen sich Chancen aus, den nächsten Lotto-Jackpot zu knacken, halten eine baldige Krebserkrankung aber für höchst unwahrscheinlich. So sind wir.

Dass dieser Effekt echt ist und nicht nur ein Rechenfehler, zeigen jetzt Untersuchungen einer britischen Forschergruppe angeführt von der Psychologin Tali Sharot. Denn in dieser Studie wurde nicht nur gefragt, wie es den Probanden ging. Es wurde auch in ihre Köpfe geschaut, um aus den Hirnaktivitäten zu verstehen, warum die - ansonsten ganz "normalen" - Versuchsteilnehmer so rosige Erwartungen an die Zukunft hatten. Dabei zeigte sich ein Ungleichgewicht im Stirnlappen, dem präfrontalen Cortex. Dieser Teil des Gehirns ist für Bewertungen, Planungen, Abwägungen zuständig, kommt aber natürlich nicht isoliert zu Urteilen, sondern zieht zum Beispiel eher gefühlige Regionen wie das limbische System in der Mitte mit ein. Überhaupt gibt es im Kopf keine nackten Fakten, keine pure Vernunft. Und kann man es uns verübeln, dass wir eher zum Angenehmen neigen als zu allem, was uns lästig wird oder gar schmerzt?

Lust am Vergnügen

Die Folge dieser Lust am Vergnügen ist offenbar ein von Mensch zu Mensch zwar unterschiedlich stark ausgeprägter, aber insgesamt und im Mittel doch deutlich zu starker, weil unrealistischer Optimismus. Die Probanden in der Scannerröhre des University College London behandelten negativ aufgeladene Informationen jedenfalls anders als erfreuliche. Ihr Frontalhirn tat das, um genau zu sein, aber im Ergebnis kommt das auf das Selbe heraus.

Womit wir wieder beim Euro sind, bei Schuldenbergen und bei schlingernden Banken. Die Lehman Brothers oder die Anleger von Bernard Madoff und Konsorten können wir gleich noch dazunehmen. Wenn es meist die Gier war, die den Verursachern der Finanzkrise 2008 nachträglich - und sicher zu Recht - zur Last gelegt wurde, so kommt ein weiterer Aspekt dazu: überzogener Optimismus.

Natürlich ist eine gehobene Stimmung gut für unseren Blutdruck und sogar die Lebenserwartung. Für die Einschätzung von Finanzrisiken aber scheint sie gefährlich zu sein. Denn was die Gier als erstrebenswert vorgaukelte, das hat der Optimismus in erreichbare Nähe geschoben. Dass darunter der Abgrund lauerte, wurde schlicht übersehen. Nur gut, dass in der jetzigen Krise alles ganz anders ist. Bestimmt. Wir müssen es nur glauben.

Literatur:

  • Carver, C. S. et al. 2010: Optimism. Clinical Psychology Review 30, 879-889
  • Harris, A. J. L. & Hahn 2011: Theoretical Note: Unrealistic Optimism About Future Life Events: A Cautionary Note. Psychological Review 118, 135-154
  • Massey, C. et al. 2011: Hope Over Experience: Desirability and the Persistence of Optimism. Psychological Science 22, 274-281
  • Sharot, T. et al. 2011: How unrealistic optimism is maintained in the face of reality. Nature Neuroscience (im Druck, online: doi:10.1038/nn.2949)
  • Sharot, T. 2011: The Optimism Bias. New York: Pantheon
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