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Geschwister als Ersatzteil-Lieferanten

Eltern mit einem schwerkranken Kind können per künstlicher Befruchtung ein Geschwisterkind zeugen und auswählen, das sich als Zell- und Organspender eignet. Dafür stimmten die britischen Abgeordneten nach einer hitzigen Debatte im Parlament. Glück für die Kranken - oder eine Horrorvision?

Von Nina Bublitz

  Gesundheit fürs Geschwisterkind: An "Retter-Babys" werden hohe Ansprüche gestellt

Gesundheit fürs Geschwisterkind: An "Retter-Babys" werden hohe Ansprüche gestellt

Stellen Sie sich vor, ein krankes Kind braucht dringend eine Stammzellspende. Doch den passenden Spender zu finden ist extrem schwierig, die Eltern selbst eignen sich fast nie. Geschwister könnten dagegen helfen, wenn denn ihr Erbgut dem des Kranken in einigen Punkten genug ähnelt. Und jetzt stellen sie sich vor, dass die Eltern dieses Geschwisterkind gezielt durch eine künstliche Befruchtung erzeugen - den perfekte Spender einfach aus einer Reihe Embryonen auswählen. Ein Wunder für die Eltern und das kranke Kind? Oder ein Albraum für die Gesellschaft, weil der jüngere Nachwuchs nicht um seiner selbst willen, sondern zum Spenderzweck gezeugt wird?

Die britischen Abgeordneten sehen dieses Verfahren offensichtlich als Chance: Am 19. Mai stimmte das Unterhaus dafür, dass das bisher bestehende Verbot zum Erzeugen von Retter-Kindern aufgehoben wird. Wenn das neue Gesetz über Embryonen und künstliche Befruchtung ("Human Fertilisation and Embryology Bill") Anfang 2009 in dieser Form in Kraft treten sollte, können Mediziner also auf Wunsch der Eltern Embryonen selektieren.

Vom Nabelschnurblut bis zur Niere?

Es ist ein erster Schritt zum Designerbaby, zum gezielt gewählten Nachwuchs. Nur dass das Kind nicht, was heutzutage zum Glück auch unmöglich ist, nach Intelligenz, Schönheit oder anderen Kriterien gewählt wird, sondern nach der Passform des Geschwisterkindes (siehe Kasten). In vielen Ländern ist diese Auswahl-Technik, die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID), verboten auch in Deutschland.

Befürworter der "Retter-Kinder" sehen einen Nutzen für alle Beteiligten: Die Eltern, die - so nimmt man an - sowieso noch ein Kind mehr möchten - bekommen dieses. Das kranke Kind wird geheilt. Und das "Retter-Kind" - nun ja - das nimmt zumindest keinen Schaden. Zunächst einmal. Denn die Verwendung von ein wenig Nabelschnurblut, aus dem Stammzellen gewonnen werden, tut niemandem weh, auch nicht dem Spender.

Die Frage ist allerdings, ob es dabei bleibt. Im Gesetzesentwurf ist nämlich nicht nur von Nabelschnurblut-Stammzellen und Knochenmark die Rede, es steht da auch die zwei Wörter "other tissue": anderes Gewebe. Werden in Zukunft also jüngere Geschwister den Älteren eine ihrer Nieren überlassen müssen? Und was passiert, wenn sich ein Kind weigert?

Da beruhigt es kaum, wenn Mediziner, Forscher und Betroffene betonen, dass die Eltern das "Retter-Kind" selbstverständlich ebenso lieben wie das andere. Und auch wenn man der Familie Whitaker, deren älterer Sohn durch eine Spende seines "Retter"-Bruders geheilt wurde, ihr Glück von ganzem Herzen gönnt: Es bleibt die Frage, worauf das noch hinausläuft.

Bloß die Chancen verbessert?

Eltern mit einem erkrankten Kind, schrieb ein Medizin-Ethiker Jahr 2004 im Fachblatt "Jama" hätten schon vorher Kinder in der Hoffnung gezeugt, einen kleinen Stammzellspender auf die Welt zu bringen. Die Chance dafür liegt bei Geschwistern allerdings nur bei eins zu vier. Per Präimplantationsdiagnostik steigt sie immerhin weit über 90 Prozent. In Chicago behandelten Mediziner zwischen 2002 und 2003 neun Paare, die ein "Retter-Kind" haben wollten. In dieser Zeit erzeugten sie 199 Embryonen, von denen etwa ein Viertel dem kranken Geschwisterkind genetisch ausreichend ähnelten. 28 Embryonen wurden den Frauen eingepflanzt und schließlich fünf Kinder geboren. Man benötigt also genug Embryonen, aus denen die Mediziner auswählen. Und was passiert mit den aussortierten? Sie werden im Zweifelsfall auf Eis gelagert. Oder gleich zerstört.

Nach dem Gesetzentwurf soll die Präimplantationsdiagnostik nicht nur genutzt werden, um Retter-Kinder auszuwählen, sondern auch, um Embryonen, bei denen schwere genetische Defekte erkennbar sind, auszusortieren. Auch hier regt sich Protest: So kündigten beispielsweise taube Paare bereits an, dass sie dann auch die Möglichkeit haben sollten, den Embryo zu wählen, aus dem ein ebenfalls taubes Kind heranwachsen kann. Diese Desginerbabys soll das neue Gesetz allerdings verbieten.

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