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"Malte ist clean"

Ärzte diagnostizieren bei immer mehr Kindern ADHS - und verschreiben schnell Medikamente wie Ritalin. Lehnen Eltern das ab, kann das die Familie belasten. Einblick in ein etwas anderes Kinderleben.

Von Katja Reith

  Malte liebte das Leben und war immer in Bewegung - bis der Arzt ihm die Betäubungsmittel verschrieb.

Malte liebte das Leben und war immer in Bewegung - bis der Arzt ihm die Betäubungsmittel verschrieb.

  • Katja Reith

Morgens, 9.00 Uhr. Der Radio-Wecker klingelt. Malte wacht auf, dreht die Lautstärke etwas hoch. Eigentlich ist es noch nicht seine Zeit, viel zu früh für einen Sonntag. Aber er hat sich den Wecker extra gestellt.

Er will ein Interview mit Helmut Bonney hören. Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut spricht über Maltes Krankheit, über die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS, und ihre Behandlung. "Das Medikament kann Kinder krank machen. Es ist keine Lösung für eine Krankheit, die es so vielleicht gar nicht gibt. Überlegen Sie es sich zweimal, bevor Sie Ihrem Kind diese Tabletten geben." So oder so ähnlich muss es der Experte gesagt haben, erinnert sich Malte.

Der Junge ist plötzlich wach, rennt zu seinen Eltern ans Bett, sie schlafen noch halb. "Mama, Papa, ich will die Tabletten nicht mehr nehmen." Seit diesem Tag nimmt Malte keine Tabletten mehr. Sofort ist Schluss mit den Medikamenten, mit Medikinet (enthält den unter das Betäubungsmittelgesetz fallenden Wirkstoff Methylphenidat) und mit Straterra (enthält den Wirkstoff Atomoxetin). Von einem auf den anderen Tag ändert sich das Leben der ganzen Familie. Das war 2007.

Ein Dreivierteljahr zuvor bekommt Malte die Diagnose ADHS - und das Strattera-Rezept gleich mit. Er nimmt die Tabletten, ohne merkbare Besserungen. Dagegen verändert sich einiges andere: Malte kann nicht mehr schlafen, will nichts mehr essen und hat einfach keine Lust mehr - zu nichts.

Nichts Außergewöhnliches. Schlafprobleme, Lethargie und verminderter Appetit zählen unter anderem zu den häufigen Nebenwirkungen der Tabletten.

Aber Kinder sollen doch das Leben lieben und immer in Bewegung sein, sie sollen aufbegehren und Grenzen ausreizen. So wie Malte. Bevor er die Tabletten nahm.

Heute ist Malte 15 Jahre alt und geht in die zehnte Klasse einer integrierten Gesamtschule in Worms. Seit drei Jahren ist er dort; eine Konstanz, die es vorher in seinem Leben nicht gab. Insgesamt zwei Jahre ging Malte nicht in die Schule, weil er sich nicht anpassen konnte und von Schulleitungen als "unbeschulbar" eingestuft wurde. Bis zur neunten Klasse hat er sechs verschiedene Schulen besucht: angefangen in seinem Heimatdorf Laumersheim wechselt er noch in der Grundschulzeit in einen Nachbarort; es folgen eine Schule für Hochbegabte in Offenbach, dann Wiesbaden, Bonn und schlussendlich Worms. Eine Odyssee.

Es wird auch dort nicht funktionieren, befürchtete die Familie. Auch die Schulleiterin der neuen Gesamtschule ist unsicher, ob sie und ihre Kollegen sich dieser Aufgabe stellen sollen: Ja, sie sind eine integrierte Gesamtschule, und ja, sie fangen Kinder auf, die es im Leben schwerer haben als andere. Kinder mit körperlicher und geistiger Behinderung, mit Lernschwächen. Aber ein aggressives Kind, das auf Provokationen unkontrolliert reagiert, das Lehrer beleidigt und mit Stühlen nach ihnen schmeißt?

Neue Schule, neue Klasse - eine Wende

Sie wollen es versuchen. Jeder muss seine persönlichen Eitelkeiten vergessen. Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Immer wieder gibt es Rückschläge. Nach einem Jahr muss Malte die Klasse wechseln, er kommt mit den Mitschülern nicht zurecht. Sie provozieren ihn, weil er anders ist – und er reagiert immer wieder über, rastet aus, fühlt sich ungerecht behandelt.

Vor allem in diesen Momenten stellen sich Maltes Eltern die Frage: War die Entscheidung gegen die Medikamente richtig? Helfen wir Malte oder verbauen wir ihm seine Zukunft? Die Familie ist einsam geworden. Wenige haben Verständnis für eine Entscheidung, die nicht nur die Ehe der Eltern fast zerbrechen lässt. Wie sollen andere Menschen auch verstehen, wie der Alltag mit einem ADHS-Kind ist?

In Deutschland werden immer mehr Kinder mit ADHS diagnostiziert, vor allem die lebhafteren, bewegungsfreudigeren und unangepassten Jungen. Vier Mal häufiger bekommen sie Methylphenidat verschrieben als gleichaltrige Mädchen, legte Anfang 2013 die Barmer GEK in ihrem Arztreport 2013 dar. Die Krankenkasse bestätigt damit einen Trend, den Ärzte und Experten seit Jahren kritisieren: die Diagnose ADHS werde inflationär gebraucht, Kinder und Jugendliche würden immer häufiger viel zu schnell mit Medikamenten behandelt - und ruhiggestellt.

Eine Studie des New Yorker Cohen Children's Medical Center bestätigt: 90 Prozent der US-Ärzte halten sich nicht an die medizinischen Leitlinien. Diese empfehlen Ärzten, erst eine Verhaltenstherapie zu verschreiben, bevor sie in die Medikamentenschublade greifen.

Auch die deutschen Leitlinien für sogenannte hyperkinetische Störungen sehen eine medikamentöse Behandlung erst als letzte Alternative vor. Vorrang haben Familientherapien, Interventionen im Kindergarten oder in der Schule sowie Verhaltenstherapien bei dem Kind. Die Leitlinien werden zurzeit überarbeitet; Ziel ist eine eigenständige Leitlinie für ADHS. Sie soll bis Ende 2013 fertig gestellt werden.

Doch: Auch hierzulande stellen Ärzte und Therapeuten immer häufiger ein kleines gelbes Rezept mit zwei Durchschlägen aus, von einer Bundesstelle ausgegeben und offiziell durchnummeriert. Die Apotheker greifen dann in ihren Safe, in dem sie die Mittel aufbewahren müssen, die in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fallen: verschlossen und verbarrikadiert. Vorsichtsmaßnahmen, um einen Missbrauch zu verhindern. Ein Zeichen, dass die Tabletten nicht ganz harmlos sein können, wie es viele Ärzte, Lehrer und Eltern glauben wollen. Über Langzeitfolgen ist noch nicht viel bekannt.

Entscheidung für Ärger, Stress und Isolation – und gegen Tabletten

Einen Vorteil haben sie aber, diese Medikamente: Die Kinder sind ruhiger, konzentrierter und machen weniger Ärger. Sie schreiben bessere Noten und haben bessere Chancen auf eine erfolgreiche berufliche Zukunft, wenn sie die kleinen lila Tabletten nehmen. Und sie sehen doch auch gar nicht so schädlich aus? Wer entscheidet sich also für Ärger, Stress und schlechte Zeugnisse, wenn er Ruhe und bessere Leistungen bekommen kann?

Manchmal kommt es Maltes Familie so vor, als hätten nur sie sich gegen Tabletten und für Ärger, Stress und Isolation entschieden. "Unsere Ehe und auch die Beziehung zu Malte wurden immer wieder auf die Probe gestellt. Manchmal dachte ich nur noch: Ich muss hier weg. Ich kann nicht mehr", sagt Mutter Susanne.

Diese Momente sind in der neuen Klasse aber eindeutig weniger geworden. Ein Grund dafür: Maltes neue Klassenlehrerin. "Kinder brauchen klare Regeln", sagt Daniela Vogel. Kinder mit ADHS noch viel stärker als andere. "Ich versuche, Malte keinen Sonderstatus einzuräumen. Was er braucht, ist Normalität. Er ist einer von vielen, kein Sonderling." Sie macht sich mittlerweile kaum noch Gedanken um ihr ehemaliges Sorgenkind. Malte sei heute ein Kind wie jedes andere, zuvorkommend und hilfsbereit. "Die meiste Zeit jedenfalls", sagt sie.

Korrektur: In einer ersten Version des Artikels stand, dass die beiden Wirkstoffe Methylphenidat und Atomoxetin unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Das ist nicht korrekt: Lediglich Methylphenidat ist dort enthalten. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

  Malte mit seinen Eltern und den drei Schwestern: Auch in schwierigen Zeiten halten sie zusammen.

Malte mit seinen Eltern und den drei Schwestern: Auch in schwierigen Zeiten halten sie zusammen.

Aufenthalt auf der Alm

Bei Daniela Vogel fühlt Malte sich aufgehoben und angenommen: "Sie nimmt mich ernst und behandelt mich wie alle anderen Schüler auch. Sie ist einfach fair", sagt er. So hat er gelernt, eigene Fehler zu erkennen und verstanden, dass er auch an sich selbst arbeiten muss, sich nicht so schnell provozieren zu lassen.

Ein anderer Baustein, ist sich Maltes Familie sicher, ist auch die Ernährung - heißt: Verzicht auf Zucker. Malte hat wie jedes andere Kind auch ständig Lust auf Cola, Bonbons und alles andere, was ihm zwischen die Finger kommt. Seine Eltern glauben, Zucker mache Malte aktiver und aggressiver.

Eine Meinung, die auch der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther vertritt. 2009 nahm Malte acht Wochen lang an dem Alm-Projekt Hüthers und Christian Rauschenfels - dem Gründer der Sinn-Stiftung - teil. Die beiden sind überzeugt, dass Kinder mit ADHS keine Medikamente brauchen. Sie brauchen Bewegung, Selbstvertrauen und müssen vor allem zuckerhaltige Lebensmittel meiden.

Doch der Zusammenhang zwischen Zucker und Hyperaktivität ist umstritten. Studien konnten keinen Beleg dafür finden. Auch der Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut Michael Schulte-Markwort vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf kann einen Zusammenhang nicht bestätigen: "Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die auf einen Zusammenhang zwischen ADHS und dem Konsum von Zucker deuten lassen. Trotzdem wird das Thema immer wieder diskutiert; von Eltern genauso wie von Ärzten und Therapeuten." Er empfiehlt seinen Patienten und den Eltern, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten: "Und dazu zählt natürlich auch der überlebensnotwendige Zucker - in Maßen. Auf Zusatzstoffe in Lebensmitteln hingegen sollten wir alle - so weit möglich - verzichten."

Malte und seine Eltern sind weiterhin davon überzeugt, dass der Aufenthalt auf der Alm geholfen hat. Die Kinder mussten sich damals selbst versorgen, erlebten die Natur und mussten sich eigenständig um ihre Gemeinschaft kümmern: gemeinsam Probleme lösen, Streitereien schlichten. Ein Meilenstein in seiner Entwicklung, sagt Malte selbst.

Bewegung ist für Malte wichtig

Im Alltag hilft ihm auch der Sport. Sechs Mal in der Woche geht Malte zum Schwimmtraining. Ohne Bewegung geht es kaum. Wo soll er sonst hin mit der ganzen Energie? Woher sollte er Bestätigung bekommen? Woher Selbstvertrauen?

Es funktioniert. Die Medaillen in Maltes Zimmer häufen sich. Auf einer Kordel hat er sie direkt hinter der Zimmertür aufgehängt, damit sie jeder sehen kann. Die Pokale finden kaum noch Platz auf dem Regal und die persönlichen Autogrammkarten seiner Vorbilder Paul Biedermann, Theresa Michalak, Toni Embacher und Daniela Schreiber, alle Schwimmer der deutschen Nationalmannschaft, sehen schon ein bisschen mitgenommen aus. Maltes nächstes Ziel: "2016 will ich an den Olympischen Spielen in Rio teilzunehmen", sagt er – und lässt keinen Zweifel, dass er alles daran setzen wird, dieses Ziel zu erreichen.

Doch trotz seiner Entwicklung: Freunde hat er bisher nicht gefunden. Nicht in der Schule, nicht beim Schwimmen, nicht in der Nachbarschaft. Einen gab es wohl mal, früher. Fast jeden Tag spielten sie miteinander, bis die Mutter seines Freundes ihrem Kind den Umgang verbot: Malte habe schlechten Einfluss auf ihn. Da war die Freundschaft schnell Geschichte.

Aber es geht bergauf: Malte wird ruhiger. Den Rückstand in der Schule, die zwei Jahre, hat er fast aufgeholt. Fachlich ist er besser als manch anderer Schüler. Menschlich dagegen gibt es immer wieder Probleme, er kann sich schwer in einer Gruppe zurecht finden. Aber auch das wird er schaffen. Ohne Tabletten. Aus eigener Kraft. "Denn Malte ist clean", sagt seine Mutter, nicht ohne Stolz. "Und das wird er auch bleiben."

Mehr zum Thema ADHS finden Sie auch im Ratgeber "Kindergesundheit" von stern.de.

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