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Leben nach dem Takt des Erdtrabanten

Mondkalender sind beliebt. Sie versprechen Antworten auf typische Alltagsfragen - etwa, welche Tage für Flirts geeignet sind und welche für den Friseurbesuch. Aber was ist eigentlich dran an diesen Tipps?

An welchen Tagen lässt es sich am besten flirten? Wann sollte man Flecken aus der Kleidung entfernen? Und zu welchem Zeitpunkt ist eine Botox-Behandlung zur Faltenglättung am effektivsten? Antworten auf solche Fragen versprechen sogenannte Mondkalender, die zum Jahreswechsel im Buchhandel reißenden Absatz finden. Auch im Internet bieten Mondkalender Handlungsanleitungen und Hilfe bei Alltagsproblemen. Die Grundthese dahinter: Der Zyklus des zu- und abnehmenden Mondes beeinflusst den Erfolg oder Misserfolg menschlicher Handlungen.

"Die typischen Mondkalender berufen sich darauf, alte Bauernweisheiten wiederzugeben", sagt Helmut Groschwitz, Volkskundler an der Universität Regensburg. Vor allem in den 90er Jahren habe es einen Mondkalender-Boom gegeben, allen voran wegen der Kalender der Autoren Johanna Paungger und Thomas Poppe.

Bauernregeln und Astrologie

Johanna Paungger betont, ihre Erkenntnisse basierten auf überliefertem Bauernwissen, welches sie von ihrem Großvater vermittelt bekommen habe. Forscher Groschwitz sieht eine andere Tradition: Statt auf Bauernwissen gingen die Mondregeln "auf das elitäre, mittelalterliche Wissen der Astrologie und der Medizin zurück". So seien bereits im 15. und 16. Jahrhundert Aderlasskalender bei der Behandlung von Krankheiten verwendet worden, in denen der Mondstand aufgeführt gewesen sei. Die mittelalterlichen Ärzte hätten den wichtigsten Adern einzelner Körperregionen Tierkreiszeichen zugeordnet: Stand der Mond in einem bestimmten Tierkreiszeichen, sollte das zugeordnete Körperglied nicht zur Ader gelassen werden.

Laut Groschwitz wurde in sogenannten Planetenbüchlein, die zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert populär gewesen seien, aufgezeichnet, wann der Mond in welchem Tierkreiszeichen stand. Daraus seien dann Ratschläge abgeleitet worden: "So lautet eine Aussage, dass man beim Stand des Mondes im Tierkreiszeichen des Stiers - also im Frühjahr - alle langwierigen Dinge anfangen soll." Konkret werden das Bäumepflanzen und auch das Mit-Frauen-Reden genannt.

Aus diesen Planetenbüchlein wurden laut Groschwitz viele Tipps abgeschrieben und für die heute bekannten Mondkalender verwendet. "Dabei wurden auch Fehler abgeschrieben, die sich beim Vergleich unterschiedlicher Mondkalender zurückverfolgen lassen", berichtet der Volkskundler.

Wie Pflanzen dank Mondkalender besser gedeihen

Die Mondkalender, wie wir sie heute kennen, sind gar nicht so alt. "Erstmals wurde in den 1930er Jahren ein Kalender als Mondkalender bezeichnet", sagt Groschwitz. Darin habe beispielsweise gestanden, bei welchem Mondstand Pflanzen wie gepflegt werden müssten. Mondkalenderfans stellen mitunter tatsächlich ein besseres Pflanzenwachstum fest: "Das kann daran liegen, dass die Pflanzen mit Hilfe des Mondkalenders einfach regelmäßiger gegossen werden", vermutet Groschwitz.

Ob der Mond das Pflanzenwachstum nicht nur mit seinem Licht und der Gravitation, sondern auch noch auf andere Weise beeinflusst, konnte laut Groschwitz empirisch in vielen Studien nicht bewiesen werden. Gerne wird nach Angaben des Volkskundlers dem Mond nachgesagt, dass er die Zahl von Unfällen, von Verbrechen, Suiziden oder die Häufigkeit von Geburten verändern kann. Zahlreiche Untersuchungen hätten aber keinen der behaupteten Einflüsse nachweisen können.

Ein Ratschlag für die Hühneraugen-Entfernung

Häufig gehen Mondkalender nach dem Muster vor, dass bei abnehmendem Mond eine Handlung vorgenommen werden soll, bei der etwas weggenommen wird, wie etwa Haareschneiden. Bei zunehmendem Mond werden umgekehrt Dinge wie das Wachsenlassen empfohlen. Die Internetseite mondkalender-online.de geht sogar soweit, dass dort günstige Tage für Botox-Behandlungen zur Glättung von Falten berechnet werden. Eine Operation an den Geschlechtsorganen ist demnach vom Mondstand her am 2. Februar 2010 besonders ratsam, die Entfernung von Hühneraugen am 6. Januar. Viele Mondfans schätzen es laut Groschwitz, dass ein Leben nach dem Mondzyklus den Tagesablauf besser strukturiert und ihnen Halt gibt. Auch die Sehnsucht, mit der Natur im Einklang zu leben, werde oft für ein Leben nach dem Mondkalender angegeben. Ob allerdings gerade eine Botox-Behandlung im Einklang mit der Natur steht?

Frank Leth/APD/APD
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