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Grausame Mutterliebe

Sie geben ihren Kindern nichts zu essen, spritzen ihnen Medikamente, zertrümmern ihre Knochen: Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist eine besonders bizarre Form der Kindesmisshandlung. Was sind das für Mütter, die ihre Kinder heimlich quälen?

Von Sylvie-Sophie Schindler

  Sie machen ihre Kinder krank - und kümmern sich dann liebevoll um sie: Menschen mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom sind psychisch krank

Sie machen ihre Kinder krank - und kümmern sich dann liebevoll um sie: Menschen mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom sind psychisch krank

Die Lehrer hatten im Klassenzimmer eine Campingliege aufgestellt. Wenn Leon (Name geändert), 12 Jahre alt, sich zu schwach fühlte, durfte er sich auf die Liege legen, während des Unterrichts. Leon war ungewöhnlich klein und dünn für sein Alter, Arme und Beine hingen wie Stöckchen an seinem Körper. Ein blasser Junge, oft erkältet. Die Lehrer sagten: "Der arme Kleine." Die Mutter sagte: "Er war schon immer mein Sorgenkind."

Was niemand ahnte: Erst die Mutter hatte ihren Sohn krank gemacht. Sie gab Leon kaum etwas zu essen, und wenn, dann ließ sie ihn Abführmittel schlucken. Jahrelang. Sie schleppte ihn von einem Arzt zum anderen, forderte eine Darmspiegelung und schritt auch dann nicht ein, als seiner Magenschleimhaut Gewebeproben entnommen wurden. Warum eine Mutter so etwas tut? Weil sie selbst krank ist, psychisch krank. Die Psychiater haben einen Namen für diese Störung: Münchhausen-by-proxy-Syndrom, kurz MBPS: Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom.

Ebenso erfinderisch wie grausam

Eine Erkrankung, bei der Mütter ebenso erfinderisch wie grausam sind. Sie scheuen nicht davor zurück, mit Blut manipulierte Urinproben ihrer Kinder abzugeben, Symptome einfach zu erfinden oder mit ihrem Kind einzustudieren, was es dem Arzt sagen soll. Doch es wird nicht nur getrickst und gelogen, die Palette der Torturen ist groß: Sie halten die Kinder nächtelang wach, kratzen Wunden immer wieder auf, spritzen Medikamente, erzeugen Fieber und Erbrechen, zertrümmern Knochen.

Am Institut für Rechtsmedizin der Universität Leipzig laufen Untersuchungen zu dieser besonders seltenen Form von Kindesmisshandlung - weltweit sollen bis zu zwei von 100.000 Kindern unter 16 Jahren betroffen sein. "In Deutschland sprechen wir von Einzelfällen", sagt Rechtsmedizinerin Ulrike Böhm.

Das nimmt den Folgen aber nicht den Schrecken: Zehn bis zwölf Prozent aller betroffenen Kinder sterben durch die übertriebene Fürsorge ihrer Mutter. Fürsorge? Würde man Frauen, die an MBPS leiden, zu ihrer Mutterrolle befragen, so wäre ihr Kommentar tatsächlich: "Ich bin eine sehr fürsorgliche Mutter." Eine Krankheitseinsicht haben MBPS-Kranke laut Ulrike Böhm nicht: "Das macht eine Therapie quasi unmöglich."

Mutter dringt auf schmerzhafte Untersuchungen

Auch beweisen lässt sich die Misshandlung nur schwer. Zwar existieren einige wenige Filmaufnahmen - vor etwa 15 Jahren wurden am Londoner National Heart and Lung Institut Mütter gefilmt, die beispielsweise Nasenlöcher und Mund ihres Säuglings zudrückten, um Atemnot zu erzeugen - doch in Deutschland gilt die heimliche Installation von Videokameras als Verletzung des Persönlichkeitsrechts.

Ärzte tun sich schwer, MBPS-Kranken auf die Spur zu kommen. "Welcher Kinderarzt würde einer Mutter denn unterstellen, dass sie etwas vortäuscht?", sagt Ulrike Böhm. Oft haben die Mütter ihr Kind bereits zu zehn oder mehr Ärzten geschleppt. Meist verheimlichen sie das den Medizinern, und wenn sie doch davon erzählen, dann, so Böhm, "fühlen sich manche erst recht angestachelt". Nach dem Motto: Was die Kollegen nicht schaffen, kriege ich ganz bestimmt hin.

  Untersuchung beim Kinderarzt: "Wer würde einer Mutter unterstellen, dass sie etwas vortäuscht?"

Untersuchung beim Kinderarzt: "Wer würde einer Mutter unterstellen, dass sie etwas vortäuscht?"

Hellhörig sollten Ärzte werden, wenn es dem Kind schlagartig besser geht, sobald die Mutter nicht mehr im Raum ist, oder wenn die Mutter auf Untersuchungen dringt, selbst wenn diese dem Kind Angst einflößen oder Schmerzen verursachen. Wenn sie beispielsweise fordert "Machen Sie eine Darmspiegelung" oder "Machen Sie bei eine Herzkatheter-Untersuchung". "Normalerweise würde eine Mutter ihr Kind schonen wollen", sagt Ulrike Böhm.

Die aufopfernde Mutter und das kranke Kind

Warum MBPS-Kranke - 95 Prozent der Betroffenen sind Frauen - von dieser Normalität abweichen, dafür gibt es unterschiedliche Vermutungen. Unter den Betroffenen finden sich auffällig viele allein erziehende Mütter oder solche, für die ihr Kind zum Lebensmittelpunkt geworden ist. "Diese Frauen haben nichts außer ihr Kind. Was ihnen fehlt, ist Anerkennung", sagt Ulrike Böhm.

Und die finden sie in der Rolle der aufopfernden Mutter, die sich um ihr krankes Kind kümmert. Plötzlich sagen Nachbarn und Freunde: "Toll, wie du das machst." - "Ich bewundere dich für deine Geduld." - "Es sollte mehr Mütter wie dich geben." Endlich ist die Aufmerksamkeit da, nach der sie sich so lange gesehnt haben. In ihrer Kindheit wurden MBPS-Kranke oft selbst vernachlässigt oder sexuell missbraucht, manche litten - oder leiden immer noch - unter Esstörungen, andere unter Depressionen.

Auch eine andere Auffälligkeit gibt es laut Ulrike Böhm: "Die Frauen sind meist überdurchschnittlich intelligent." Um Krankheiten so überlegt und gezielt herbeizuführen, braucht es viel medizinisches Know-how - die Betroffenen kommen meist aus medizinischen oder pflegerischen Berufen.

Vorsicht mit falschen Verdächtigungen

"Wenn das Syndrom einmal bewiesen ist, hilft nur die Trennung von Mutter und Kind, zumindest zeitweise", sagt Ulrike Böhm. Auch Leon und seine Mutter wurden voneinander getrennt. Nach vier langen Jahren, in denen Leon von Arzt zu Arzt gereicht wurde, wurden die ersten endlich stutzig. In der Schule fiel immer häufiger auf, dass Leon seinen Mitschülern Pausenbrote klaute. Als ihm seine Physiotherapeutin eine Banane in die Hand drückte, schlang er diese herunter, auch in der Klinik stürzte er sich regelrecht auf das Essen - obwohl die Mutter weiterhin behauptete, ihr Sohn habe keinen Appetit.

Dass eine Mutter zu solchen Taten fähig ist, wie es die Krankheit MBPS beschreibt, erschreckt einerseits, sollte aber auch nicht zu Panikmache führen. Ulrike Böhm warnt vor falschen Verdächtigungen, die eine ganze Familie traumatisieren könnten: "Eine Mutter ist grundsätzlich eine liebende Mutter."

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