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Das Schweigen der Kinder

Sie reden nur mit ihren engsten Verwandten, ansonsten gar nicht - und ihre Umwelt reagiert fassungslos. stern TV berichtet über Kinder, die an Mutismus leiden.

Kein Mucks, kein Laut, kein Wort - zu niemandem. So verhalten sich mutistische Kinder. Ihr soziales Umfeld reagiert oft mit Unverständnis. Ein landläufiges Vorurteil lautet, diese Kinder seien doch nur schüchtern. Doch wer versucht, sie einfach anzusprechen und aufzumuntern, produziert nur noch mehr Abwehr. "Je mehr man sie zum Sprechen auffordert, desto mehr machen sie zu", sagt die Therapeutin Kerstin Bahrfeck-Wichitill.

Drei von 1000 Kindern leiden an der Krankheit Mutismus, die oft zu spät oder überhaupt nicht erkannt wird.

Was bezeichnet Mutismus?

Mutismus bezeichnet das beharrliche Nichtsprechen von Menschen trotz physisch gesunder Sprech- und Hörfunktionen. Der Begriff ist aus dem Lateinischen abgeleitet (mutus = stumm). Unterschieden wird zwischen totalem und selektivem Mutismus. Bei der ersten Variante liegt eine vollkommene Sprechverweigerung vor. Selektiv mutistische Menschen zeigen ausgewählten Personen gegenüber, meist in der Familie und bei engen Freunden, ein verhältnismäßig normales Kommunikationsverhalten; gegenüber Fremden aber schweigen sie eisern.

Was sind die Ursachen?

Was genau Mutismus auslöst, ist nicht hinreichend geklärt. Klar ist offenbar, dass psychische Ursachen vorliegen und keine organischen Schäden. Im allgemeinen geht man in der Fachwelt von ausgeprägter Sozialangst aus. Gründe dafür können eine genetisch bedingte Schüchternheit, innerfamiliäre Probleme oder in seltenen Fällen auch Traumata wie z.B. sexueller Missbrauch sein.

Wie verhalten sich mutistische Kinder?

Beharrliches Schweigen, vor allem Fremden gegenüber, ist das zentrale Kennzeichen von mutistischen Kindern. Werden sie direkt angesprochen, geht der Blick zu Boden, fällt die Gestik in sich zusammen. Geheilte Patienten haben berichtet, dass sie durchaus gerne sprechen wollten, jedoch das Gefühl bekamen, dass ihnen der Hals abgeschnürt wurde und die Worte einfach nicht über die Lippen kamen.

Warum wird die Krankheit oft nicht richtig erkannt?

Das auffällige Verhalten mutistischer Kinder wird jedoch häufig nicht als ernstzunehmende Störung aufgefasst, sondern zunächst mit extremer Schüchternheit verwechselt. Vor allem selektiver Mutismus wird häufig nicht rechtzeitig erkannt. Auf dem Gebiet unerfahrene Hausärzte glauben oft an eine altersbedingte Introvertiertheit, die sich mit der Zeit von allein erledigt. Denn in der Familie verhalten sich die Kinder scheinbar normal: Sie sprechen und spielen wie andere gleichaltrige Kinder auch. Manchmal ordnen Ärzte oder gar Psychologen das Verhalten auch als "Trotzreaktion" ein.

Was sind die diagnostischen Kriterien, die auf Mutismus hinweisen?

Wenn das Kind schweigt und dieses Verhalten in bestimmten Situationen (z.B. Besuch von Fremden) immer wieder in gleicher Weise zeigt, sollten zur Diagnostik folgende Fragen gestellt werden. Können sie alle eindeutig mit Ja beantwortet werden, liegt womöglich Mutismus vor.

- Liegt eine abgeschlossene Sprachentwicklung im Sinne einer kommunikativen Grundfähigkeit vor?

- Ist das Sprachverständnis altersgerecht?

- Lässt sich ein Unterschied im kommunikativen Verhalten feststellen: hier der Schweigende, dort der Redselige?

- Gibt es eine Voraussagbarkeit dieses unterschiedlichen Kommunikationsverhaltens, können Sie Situation vorab nennen, in denen geschwiegen wird?

Wie sehen Therapieansätze aus?

Gefragt sind Sprachtherapeuten und Kinder- und Jugendpsychologen. Bei Verdacht auf Mutismus stellt ist die "Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V." eine erste Anlaufstelle für weitere Informationen dar: www.mutismus.de.

Weitere Informationen, Kontakte zu Therapeuten und Selbsthilfegruppen

Viele weitere Informationen inklusive Kontakte zu spezialisierten Therapeuten bietet die "Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V.": www.mutismus.de

Homepage vom Kölner Sprachtherapeuten Dr. Boris Hartmann:
www.boris-hartmann.de

Sprachtherapeutisches Ambulatorium der Universität Dortmund, an dem Sprachtherapeutin Kerstin Bahrfeck-Wichitill arbeitet:
www.fk-reha.uni-dortmund.de

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