HOME

Wie das Gehirn von Pädophilen funktioniert

Wissenschaftler beschäftigen sich seit Langem mit dem Tabuthema Pädophilie. Sie wollen herausbekommen, wie die Krankheit entsteht – um sie besser zu therapieren und Übergriffe zu verhindern.

Von Verena Kauzleben

Wie lassen sich Übergriffe verhindern? Forscher beschäftigen sich seit Langem mit dem Phänomen Pädophilie.

Wie lassen sich Übergriffe verhindern? Forscher beschäftigen sich seit Langem mit dem Phänomen Pädophilie.

Wissenschaftler verschiedener Forschungsgruppen in ganz Deutschland beschäftigen sich seit Langem mit dem Phänomen Pädophilie. Ihr Ziel: möglichst viele Übergriffe zu verhindern, indem potenzielle Täter besser erkannt und behandelt werden. Dazu wollen sie die Grundlagen der Störung im Gehirn ergründen und die Frage beantworten: Kann man die Krankheit sichtbar machen?

Ein Forscherteam um den Psychologen und Neurowissenschaftler Boris Schiffer von der Universität Duisburg-Essen erzielte dabei bereits Ergebnisse in mehreren Studien an insgesamt 20 Pädophilen. Jetzt sollen diese Untersuchungen in einem größeren Projekt an einer höheren Probandenzahl überprüft werden. Dabei wollen die Wissenschaftler im Magnetresonanztomographen (MRT) darstellen, wie das Gehirn von Männern, die Kinder missbraucht haben, auf sexuelle Reize reagiert. Das Gerät misst die Sauerstoffversorgung sämtlicher Hirnregionen und erstellt daraus anschließend dreidimensionale Bilder.

Das Kontrollzentrum ist abgeschaltet

Dass Männer mit Neigung zu Kindern anders auf sexuelle Stimulation reagieren als Gesunde, konnten Schiffer und seine Kollegen bereits nachweisen: Sie zeigten den einschlägig vorbelasteten Tätern Fotos von Erwachsenen und von Kindern, zunächst angezogen, dann nackt. Deren Hirnscans verglichen die Forscher mit Aufnahmen gesunder Probanden. Das Ergebnis: Die Gehirne Pädophiler funktionieren anders. "Die Aktivität zeigt ein anormales Muster: Areale tief im Innern werden stärker beansprucht als bei Gesunden. Der vordere Teil der Hirnrinde ist dagegen weniger aktiv. Eine Aktivierung des Schweifkerns – einem Kontrollzentrum für Handlungen – fehlt sogar ganz", sagt Schiffer. All das weise auf eine Fehlfunktion von Hirnarealen hin, die zum Belohnungssystem gehören. In vergangenen Studien fand er zudem heraus, dass dort auch die Zahl der Gehirnzellen reduziert ist. "Ähnlich wie bei einer Zwangserkrankung können diese Veränderungen dazu führen, dass die sexuellen Fantasien ungewollt immer wieder ins Bewusstsein kommen. Wie in Dauerschleife drängen sie verstärkt nach Befriedigung."

Pädophilie: Sexuelle Reifung bleibt aus

Wodurch aber entsteht die sexuelle Orientierung gerade hin zu Kindern? Der Spezialist vermutet, dass es Erkrankten nicht möglich sei, erste kindliche Liebesgefühle mit steigendem Alter auf Erwachsene zu übertragen. Ihr Partner wachse quasi nicht mit und Emotionen richteten sich weiterhin auf Kinder. Die Umstellung auf ältere Partner passiert ebenfalls im Belohnungssystem: Durch die Neuverknüpfung von Nervenzellen beim Erwachsenwerden hinterlässt jede Lebenserfahrung ihre Spur im Geflecht der Neuronen und legt so auch die sexuelle Vorliebe fest. Dieses Neuverschalten ist bei Pädophilen aus bislang ungeklärten Gründen gestört. Wahrscheinlich funktioniert dadurch die sexuelle Reifung nicht. Eine auf diese Art festgelegte Neigung bleibt ein Leben lang bestehen.

Ziel: bessere Therapien, weniger Wiederholungstäter

Was versprechen sich Forscher dann von den neuen Erkenntnissen? "Wenn wir die Krankheitsmechanismen besser verstehen, können wir gezieltere Psychotherapien entwickeln und dadurch hoffentlich die Zahl der Wiederholungstaten senken." Die Rückfallrate pädophiler Straftäter liegt bei schätzungsweise 40 bis 50 Prozent und damit doppelt so hoch wie bei Sexualstraftätern allgemein.

Darüber hinaus könnten die Auffälligkeiten im Hirnscan in ferner Zukunft helfen, Pädophile frühzeitig zu erkennen, um dann durch eine Therapie erste Übergriffe zu verhindern. Schiffer betont aber, Männer dürften trotz eines auffälligen MRT-Bildes nicht zu Kriminellen abgestempelt werden. "Bei den untersuchten Tätern ergaben sich nur Hinweise darauf, dass Kontrollzentren lahm gelegt sind und somit Entgleisungen des Verhaltens begünstigen." Aus den Hirnbildern allein lasse sich noch kein Rückschluss auf das Handeln der Menschen ziehen. "Nur weil die Aktivität in bestimmten Regionen ausbleibt oder besonders stark ist, heißt das noch nicht, dass dieser Mann tatsächlich Kinder missbrauchen wird."

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren