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Auf dem Weg

Zu viel Arbeit, zu wenig Miteinander: Beinahe hätten sich die Ochsenkühns verloren. Beim Pilgern fand das Paar wieder zusammen.

Von Felix Zimmermann

Irgendwann an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag im Garten der Ochsenkühns sagt Anton Ochsenkühn: "Du sitzt wie in einem Schifferl mit Loch und versuchst, das Wasser herauszuschöpfen, aber es kommt immer wieder Wasser nach. So fühlten wir uns." Und wenn "Schifferl" niedlich klingt, dann liegt das allein am bayerischen Idiom, in dem Anton Ochsenkühn redet. Niedlich war zu der Zeit gar nichts in seinem Leben und dem seiner Frau Simone. Es war bedrohlich. Nicht gesundheitlich, sondern für ihre Partnerschaft. Sie drohte zerrieben zu werden in einem Leben aus zu viel Arbeit und zu wenig Zeit füreinander.

Um im Bild mit dem Schifferl zu bleiben: Sie haben es dann doch geschafft, das Wasser hinauszuschöpfen und das Boot vor dem Kentern zu bewahren. Das war anstrengend, auch körperlich. Denn der 43-Jährige und seine 39-jährige Frau begaben sich auf eine Reise, die ihnen half, sich neu zu entdecken und ihre Beziehung zu justieren. Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wie sie im Hochsommer 2008 den Franziskusweg liefen*, seinen südlichen Teil, von Assisi nach Rom, und irgendwo dort wieder zu sich zurückfanden; und wie sie an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gerieten, als sie in glühender Hitze die rund 250 Kilometer mit teilweise heftigen Steigungen innerhalb von 15 Tagen bewältigten.

Sie waren oft getrennt

Die Ochsenkühns scheinen genau das gesucht zu haben. Und: Sie haben es geschafft. Sonst säßen sie in diesem Moment nicht in ihrem Garten, hätten nicht kurz vorher in liebevoller Eintracht Eier von den eigenen Hühnern für einen ordentlichen Kaiserschmarren gesucht, den Simone zubereitet hat, während Anton den Tisch im Garten bereitete. Die reinste Idylle - vor einigen Jahren sah das noch ganz anders aus.

Da arbeiteten sie beide zu viel und sahen sich oft nur an den Wochenenden. "Wir waren beide viel unterwegs", sagt sie, und er findet dafür ein treffendes Bild, das in seiner Doppeldeutigkeit viel über den Zustand ihrer Beziehung erzählt: "Wir saßen oft in Zügen, die in entgegengesetzte Richtungen fuhren." Es sei ihnen vertrauter gewesen, am Telefon miteinander zu reden als zu Hause, wenn sie sich dort sahen. "Das machte mich stutzig", sagt Simone, "dieser Abstand zwischen uns."

"Es ging nicht mehr weiter"

Der war gewachsen in einem Leben, das Partnerschaft und Beruf unter einen Hut bringen sollte, ein Leben zwischen Computerschulungen und Kursen für Umschüler. Und dann, 2006: der eigene Buchverlag mit Büchern über die neuesten Computerprogramme. Er schrieb, sie - gelernte Grafikerin - layoutete. Das muss eine ziemliche Hatz gewesen sein, die Programme werden ja ständig aktualisiert, die Bücher müssen schnell hinterherkommen, Anwender wollen nicht lange warten. "Toni", sagt sie, sei sehr angespannt gewesen: "Er wartete wie ein verbissener Hund, der am Hosenbein zerrt und nicht mehr loslässt, auf jedes neue Apple-Programm." Und wenn es auf dem Markt war, musste drei Wochen später das Buch fertig sein. "Über 600 Seiten in drei Wochen", sagt er, "der frühe Vogel fängt den Wurm."

Das war die Zeit, als ein Mann ins Leben der Ochsenkühns kam, den sie nur den S. nennen. Das heißt: vorerst nur ins Leben von Simone Ochsenkühn. Ein gemeinsamer Bekannter, mit dem sie nun mehr und mehr Zeit teilte. "Es passte in die Situation: Toni und ich hatten uns aus den Augen verloren, und der S. war immer da", sagt Simone. Der sei "ein mental unheimlich forscher Mann, der wollte mich unbedingt haben". Und sie? Sagte nicht Nein. Ein väterlicher Typ, der Zeit hatte, wenn Anton, der ja irgendwie zur Telefonbekanntschaft geworden war, weit weg war. "Ich habe es verheimlicht, ich hätte es sofort sagen müssen", sagt Simone. Sie wollte ihn aber nicht verlieren und das Leben mit Anton auch nicht wegwerfen. Einige Monate lief es so, bis zum Februar 2008, da sagte Simone es Anton: "Es ging nicht mehr weiter."

Was folgte, war der Wendepunkt im Leben der Ochsenkühns. Nur zehn Minuten dauerte er, aber so haben das Wendepunkte an sich: Sie sind kurz und entscheidend. Der S. kam zu ihnen, Anton sagte ihm ins Gesicht, dass er der einzige Mann für Simone sei und dass er kämpfen werde. Eine Szene wie in einem Film. Aber wahr.

Der erste Schritt in ein anderes Leben

"Toni ist durch den Besuch vom S. aufgewacht", sagt Simone. Als wäre er gelandet. Der erste Schritt in ein anderes Leben, langsamer, weniger auf den Beruf fixiert, zweisamer. Plötzlich gab es Reisen, die sie beruflich unternehmen musste, und Anton kam mit. Einfach so, um mehr Zeit mit ihr zu verbringen.

Aber das konnte noch nicht alles sein. "Wir brauchten einen Schnitt", sagt sie, und er nickt. Sie lebten im selben Umfeld wie zuvor, im selben Haus; sie mussten da raus, wenigstens für kurze Zeit. Anton erinnerte sich an Assisi, da waren sie Jahre zuvor mit dem Wohnmobil gewesen. Seither wollte er dort immer mal wandern. In einer Buchhandlung fielen ihm Bücher über den Franziskusweg in die Hand, "da ging eine Tür auf", sagt er. Und dann ging alles schnell: Ende Juli 2008 packten sie Wandersachen - körperlich fühlten sie sich fit - und setzten sich in den Zug. Obergriesbach bei Augsburg-München-Bologna-Assisi. Zwei, die einiges zu klären hatten auf dem Weg in, nun ja, eine neue Gemeinsamkeit. Aber das wussten sie da noch nicht. Zweifel blieben: Würde die Beziehung zu retten sein, würde sie bei ihm bleiben, fragte er sich, und in ihrem Kopf spielte der S. noch eine Rolle, wohl auch in ihrem Herzen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Der Franziskusweg war nur der Anfang für die beiden. Man sollte nicht glauben, dass man in zwei, drei Wochen alles richten kann, was über Jahre in einer Beziehung ungeklärt geblieben ist, was es an Zweisamkeit nicht gegeben hat, dafür an gegenseitiger Vernachlässigung und Zwist. Eine Partnerschaftskrise ist eben kein Spaziergang. Und so sagt es Simone Ochsenkühn: "Der Franziskusweg war eine Startbahn für uns, ein Weg, auf dem wir Zweifel abbauen konnten."

Als sie in Assisi ankommen, der Stadt des heiligen Franziskus, schenkt Anton Simone eine Holzfigur mit langer Nase - einen Pinocchio, wie er in der Stadt an jeder Ecke als Souvenir verkauft wird. Den kleinen Holzmann tragen sie von da an als Reisebegleiter bei sich. Als Symbol für Simones Lügen.

Sie haben manches gemerkt auf dieser Wanderung, als würden sie sich neu bestimmen. Simone etwa erkennt schon am zweiten Tag - Anton läuft voraus, sie ist viel langsamer als er -, wie sehr sie mit seiner Rolle hadert. Sie schreibt in ihr Tagebuch: "Manchmal komme ich mir unzulänglich vor: Toni ist perfekt, Toni hat Kondition, Toni rennt den Berg hoch, Toni spielt Fußball, Toni läuft untrainiert einen Halbmarathon, Toni ist ideenreich. Manchmal fühle ich mich unwohl in seinem langen Schatten. Ich möchte ihm immer nacheifern und genauso sein wie er." Sie hat sich in den vergangenen Jahren nicht selten allein gefühlt, zurückgelassen von seinem Drang, seine Arbeit perfekt zu machen. "Darum ist umso verständlicher, was passiert ist."

Mehr ein Miteinander als ein Hinterherrennen

In den Passagen, die Anton verfasst hat, ist zu spüren, wie er erkannt hat, dass der S. in Simones Leben nur das Symptom für ein ganz anderes Leiden war - an seinem Ehrgeiz, der vielen Arbeit, die er zu wichtig nahm, dem Zeitmangel für das Miteinander. Und so ist Antons Denken während der Wanderung geprägt vom Gedanken an ein ganz anderes Leben. Unter dem Eindruck eines der vielen Klöster, die den Weg säumen, stellt er, der Katholik, sich vor, wie es wäre, als einfacher, bescheidener Mönch ein Leben fernab des Leistungsdrucks und beruflichen Erfolgsethos zu leben. Oder als Bauer, der sein Feld bestellt. Rührend naiv klingt das, aber in Antons Situation erscheint es als Ausdruck der Lage, in die er sich und die Beziehung gebracht hat.

Und nach dem Weg, heute? "Der Schatten ist kürzer geworden, es ist mehr ein Miteinander als ein Hinterherrennen", sagt sie. Sie haben ein neues Verhältnis entdeckt. Sie führen nun ein Leben der verschiedenen Rhythmen und profitieren davon. Anton sagt: "Man hat unterschiedliche Tempi, jeder geht anders, aber du kommst nur ans Ziel, wenn du aufeinander aufpasst." Das haben sie gelernt auf dem Weg, weil eine Wanderung ein Leben en miniature sein kann.

Nahe, intensive Momente

Sie haben viel geredet miteinander auf dem Franziskusweg, über die Partnerwahl und wie schwierig es ist, den Richtigen zu finden; wie brüchig eine Beziehung werden kann und in welchem Maße man dazu bereit ist, für diese Beziehung zu kämpfen. Es gibt stille Momente, in denen sie sich - jeder für sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen - einander Treue und Liebe versichern, und es gibt sie wieder, die nahen Momente, die sie gar nicht mehr kannten. "Früher sprachen wir abends noch über das Geschäft", sagt Simone. Auf der Wanderung dann saßen sie nachts unter dem Sternenhimmel, teilten Zeit und erlebten sich so intensiv und wach für-einander wie lange nicht mehr.

Und der S.? Von dem scheint sich Simone irgendwo zwischen Stroncone und Calvi dell'Umbria verabschiedet zu haben. Sie schreibt: "Ich weine. Wir quälen uns steil hinauf zum Kloster Sacro Speco di Sant'Urbano. Toni entscheidet, dass wir entgegen der Beschreibung den Weg nach rechts oben nehmen. Wider meinen Gefühlen folge ich ihm. Jetzt ist er außer Sichtweite. Ich fange an zu weinen und weine und weine, bitter und laut schluchzend. All meine Traurigkeit und das Leid meines Daseins und der letzten Monate strömen aus mir heraus. Ich glaube, nie wieder damit aufhören zu können. Ich glaube, S. nie vergessen zu können. Und plötzlich höre ich auf zu weinen. Es ist auf einmal alles still und friedlich in mir. Ich fühle, alles wird gut." Ja, sagt Simone, das war der Moment, als der S. auf der Strecke blieb. "Es war eine Auseinandersetzung mit mir, und es war gut, dass Toni vorweglief. Wäre er da gewesen, hätte ich meine Wut vielleicht an ihm ausgelassen."

"Jetzt geht es erst richtig los!"

Und Toni? Der hat ganz am Ende geweint, als sie in Rom standen und auf den Zug nach Hause warteten. Da dachte er: Jetzt ist es vorbei. "Ich hatte Angst vor dem Alltag. Wie sollten wir die Intensität dieser zwei Wochen erhalten?" Bis Simone sagte: "Es ist doch nicht vorbei, jetzt geht es erst richtig los!" Die Bereitschaft, es miteinander zu probieren, an Rückschlägen zu arbeiten, ist auf dem Weg gefestigt worden, sagen sie beide. Und als sie wieder in Obergriesbach waren, haben sie sich "von der Hälfte ihrer Klamotten getrennt, Simone hat ihren BMW verkauft", sagt Anton. Ihr Leben ist einfacher geworden, bescheidener. Sie wollten mehr Zeit füreinander haben, Besitz und die Gier nach mehr kann da nur stören.

Den Pinocchio bewahren sie in einem Kasten voller Erinnerungen auf. Er ist zu einem Souvenir geworden, das eine besondere Geschichte birgt.

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