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Der Unsinn mit der Pille und dem Schweiß

Über so etwas berichten Medien nur zu gern: Die Antibabypille lässt Frauen auf die falschen Männer fliegen, im schlimmsten Fall drohen sogar Fehlgeburten - angeblich. In der zugehörigen Studie, auf die sich die steile These stützt, fehlt der Beweis dafür.

Von Nina Bublitz

Riecht er gut? Angeblich hängt das davon ab, ob sie verhütet oder nicht

Riecht er gut? Angeblich hängt das davon ab, ob sie verhütet oder nicht

Muss man zu den Nebenwirkungen der Pille eine weitere addieren? Die Hormone sollen dafür sorgen, dass Frauen nicht mehr den Körpergeruch von Männern attraktiv finden, deren Erbgut sich möglichst stark von ihrem eigenen unterscheidet. Angeblich stehen sie der Pille wegen plötzlich auf ihnen genetisch ähnelnde Männer. Das könnte fatale Folgen haben: Genetische Unterschiede sind aus biologischer Sicht wichtig für die Fortpflanzung und den Nachwuchs. "Diese Störung der instinktiven Partnerwahl könne zu einem höheren Risiko von Fehlgeburten, Empfängnisproblemen und längeren Abständen zwischen Schwangerschaften führen", meldete die Deutsche Presse-Agentur. Und es berichten unter anderen Spiegel Online, süddeutsche.de und die Netzeitung.

"Kein signifikanter Unterschied"

Sie beziehen sich alle auf eine Studie, die im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlicht wurde. Das Fachblatt selbst zählt in seiner Pressemitteilung diese dramatischen Folgen auf. Nur - was die Forscher tatsächlich herausgefunden haben, stützt diese Schreckensmeldung kaum.

Craig Roberts und Kollegen ließen für ihren Versuch 97 Frauen an je sechs von Männern getragenen T-Shirts schnüffeln. Drei wurden von ihnen genetisch ähnlichen Männern getragen, drei von möglichst unterschiedlichen. Die Wissenschaftler maßen genetische Ähnlichkeit am so genannten MHC-Komplex, einem Kernstück der menschlichen Körperabwehr. Beim ersten Riech-Termin verhütete keine der Frauen hormonell, vor dem zweiten hatten 37 begonnen, die Pille zu nehmen.

Die Forscher hofften offensichtlich darauf, nach der ersten Sitzung festzustellen, dass sämtliche Frauen den Körpergeruch der ihnen genetisch nicht ähnelnden Männer attraktiver fanden. Dies hatte der Evolutionsbiologe Claus Wedekind bereits in den 90ern nachgewiesen - die Briten übernahmen im Wesentlichen seinen Versuchsaufbau. Nur machten die Frauen Herrn Roberts diesen Gefallen nicht: Sie bevorzugten weder die Düfte der ähnlichen, noch die der genetisch unähnlichen Herren. Auch in Sitzung zwei zeigte sich kein signifikanter Unterschied. "Zu unserer Überraschung", schreiben die Forscher - und an dieser Stelle liest sich ihre Originalstudie leicht verzweifelt: "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es weder eine signifikante Vorliebe von nicht-verhütenden Frauen für MHC-Unterschiedlichkeit gibt, noch eine für MHC-Ähnlichkeit bei Frauen, die die Pille nehmen." Der Geruch der genetisch unterschiedlichen Männer erinnerte die Damen auch nicht an ihren Partner oder ihre Ex-Freunde - auch dies war in Wedekinds Studie der Fall gewesen.

Der Statistik-Trick

Die britischen Mediziner konnten also ihre Grundannahme nicht bestätigen, aber davon ließen sie sich nicht entmutigen. Schließlich wollten sie ja ermitteln, ob sich die Duftvorliebe durch die Pille verändert, und das wäre ja immer noch möglich. Doch - sie können einem fast leid tun - mit Blick auf die Gesamtmenge ihrer Daten fand sich auch hier kein signifikanter Effekt. Aber wozu gibt es Statistik? Genau: zum Tricksen! Die Wissenschaftler definierten kurzerhand einen Kerndatensatz, in den nur die Ergebnisse von Probanden einflossen, die weiß und gebürtige Briten waren, zudem schlossen sie nun T-Shirt-Proben aus, die die Schnüfflerinnen an Tabak oder Parfums erinnerten. Jetzt fand sich endlich der Effekt, dass die Frauen mit Beginn der Hormoneinnahme ihre Duftvorliebe veränderten und weniger stark den Geruch von genetisch unterschiedlichen Männern bevorzugten. In der Kontrollgruppe, deren Frauen bei beiden Sitzungen nicht hormonell verhüteten, nahm dagegen die Vorliebe für den Duft der Männer, die sich stark von ihnen unterscheiden, leicht zu.

Was sagt uns das? Roberts und Kollegen fassen es selbst gut zusammen: "Wir wissen nicht, ob sich in Bezug auf die Pilleneinnahme Vorlieben stark genug verändern, um die Partnerwahl zu beeinflussen. Aber es könnte so sein, falls der Geruch eine bedeutende Rolle bei der menschlichen Partnerwahl spielt." Vielleicht auch nicht.

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