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Das Wesen der Zeit

Was ist Zeit? An dieser Frage haben sich nicht nur große Denker schon seit tausenden von Jahren den Kopf zerbrochen. Eines ist aber klar: sie ist unser kostbarstes Lebensgut.

Überall gibt es Leute, die "keine Zeit" haben. Dabei hat der Tag für alle gleichermaßen 24 Stunden. Das Problem ist, dass viele Menschen mit ihnen nicht auskommen - aus welchen Gründen auch immer. Ein ganz anderes, grundsätzliches Problem ist, dass die dem Menschen insgesamt zur Verfügung stehende Zeit individuell ist: Alle Leben sind unterschiedlich lang und niemand weiß, wie lang sein eigenes sein wird.

Der Umgang hiermit von der Antike bis zur Gegenwart ist Hauptthema des neuen Buchs des Philologieprofessors Harald Weinrich (München): "Knappe Zeit. Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens" (Verlag C.H. Beck, 272 S., 22,90 Euro). Jungen Leuten ist die vergehende und immer knapper werdende Zeit kaum bewusst. Aber nach dem 30., spätesten 40. Lebensjahr stellt sich, mehr oder weniger, der Gedanke daran ein.

Zeit als wertvollstes Lebensgut

Die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann veröffentlichte 1952 im Alter von 32 Jahren ihren Gedichtband "Die gestundete Zeit". Das Titelgedicht beginnt: "Es kommen härtere Tage. / Die auf Widerruf gestundete Zeit / Wird sichtbar am Horizont. / Bald musst du den Schuh schnüren..."

Der Römer Lucius Annaeus Seneca sah in der Lebenszeit ein mit dem Geld vergleichbares, aber eindeutig höheres Gut, nämlich das allerwertvollste von allen. Ihm fiel auf, wie achtlos die Menschen es für nichtige Dinge verschleudern, wie die Immer-Geschäftigen ihre Lebenszeit durch die Finger rinnen lassen, so dass das Leben für sie tatsächlich kurz ist, und zwar, weil sie es selber so kurz machen.

Das tief schürfendste Werk der modernen Philosophie über die Zeit ist Martin Heideggers "Sein und Zeit" (1927). Es lenkte das Denken in ganz neue Bahnen. Das gilt auch für das Thema knappe Zeit. Nur wenn die Zeit des Daseins auf ein unentrinnbares Ende, den Tod, zuläuft, ist sie von Grund auf knapp. Alle kleinen und kleinsten Knappheiten, die uns im Alltag mit ihren zu beachtenden Fristen beengen und bedrängen, sind von jener äußersten und "existenziellen" Knappheit der dem Ende entgegeneilenden Zeit abgeleitet.

Das Wesen der Zeit ist noch immer unverstanden

Der 1928 geborene Philosoph Odo Marquard (Gießen) findet es einerseits einleuchtend, dass die Menschen sich mit ihrem Schaffen beeilen, damit sie der Tod nicht "ereilt", ehe sie etwas Ordentliches zuwegegebracht haben. Andererseits scheint ihm manches dafür zu sprechen, einen "Sinn für Langsamkeit" zu entwickeln. Denn wie soll sich alltägliches Rennen und Hasten zeitlich auszahlen, wenn doch gewiss ist, dass der Tod immer noch schneller zur Stelle ist als fast alle gewünschten und geplanten Veränderungen. Erst mit Langsamkeiten gewinnen die Menschen Augenmaß für Veränderungen, die zugleich wünschenswert und erreichbar sind.

Fast alle Publikationen zum Thema Zeit zitieren eine unverändert gültige Äußerung aus dem 4. Jahrhundert: "Was ist also Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht." So finden sich denn diese Worte des Kirchenvaters Aurelius Augustinus auch in einer neuen Darstellung aus physikalischer Sicht: "Am Anfang war die Ewigkeit. Auf der Suche nach dem Ursprung der Zeit" (ebenfalls Verlag Beck, 319 S., 24,90 Euro). Die an der Universität Freiburg lehrenden theoretischen Physiker Thomas Filk und Domenico Giulini machen hier deutlich, dass seit der Antike und auch seit dem Engländer Isaac Newton (1643-1727), dem Begründer der theoretischen Physik, es zwar bedeutsame Erkenntnisfortschritte gegeben hat, es aber immer noch viele offene Fragen gibt, ja dass das "Wesen der Zeit" weiterhin unverstanden ist.

Die Relativitätstheorie änderte alles

Wichtigste neue Erkenntnis ist die Relativitätstheorie Albert Einsteins. Mit ihr erwies sich Newtons Vorstellung von einer absoluten Zeit des Universums, einer Zeit, auf die im Prinzip alle Uhren mit absoluter Gleichzeitigkeit eingestellt werden könnten, als Illusion. Nach Einstein gibt es nur die Eigenzeiten der physikalischen Bezugssysteme. Für sie ist wegen der Endlichkeit jeder Signalübertragung keine absolute Gleichzeitigkeit bestimmbar.

Was den im Buchtitel angesprochenen Aspekt angeht, so wusste man schon in der Antike, dass Zeit und Ewigkeit grundsätzlich verschieden sind. Dass Ewigkeit also nicht "unendlich lange Zeit" ist. Sie bedeutet: kein Werden, kein Vergehen, kein Sein. Als Ursprung der Zeit gilt der so genannte Urknall vor ungefähr 13,7 Milliarden Jahren. Ist es sinnvoll, zu fragen, was "davor" gewesen ist? Die Autoren des Buchs machen darauf aufmerksam, dass es noch keine lückenlose Theorie des eigentlichen dynamischen Geschehens am Urknall gibt. Immerhin gibt es Ansätze zu einer Theorie, mit der sowohl der Urknall selbst als auch das "Davor" und das "Danach" schlüssig beschreibbar wären.

Rudolf Grimm, DPA

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