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Soll am Supervirus weiter geforscht werden?

Ein Jahr ruhte die Forschung am gefährlichen Vogelgrippe-Virus. Nun soll das Moratorium aufgehoben werden. Eine gute Idee? Ja, meint Lea Wolz, unverantwortlich Gernot Kramper.

  Der Nutzen überwiegt

Der Nutzen überwiegt

Der Nutzen überwiegt

Superkiller! Anleitung zum Bau für Biowaffen! Gefahr aus dem Labor! Was für Befürchtungen gab es nicht alle, nachdem bekannt wurde, dass Forscher um Ron Fouchier von der Erasmus-Universität in Rotterdam das Vogelgrippevirus angeblich so verändert haben, dass es nicht nur extrem gefährlich, sondern auch hoch ansteckend ist. Fouchier ruderte selbst zwar nach einiger Zeit zurück: Der im Labor entstandene Erreger sei gar nicht so aggressiv. Doch die Frage blieb: War das verantwortungslos? Dürfen Forscher das? Und ist gefährliches Wissen, einmal gedacht, unter Verschluss zu halten?

Ein Jahr ruhte die Forschung, nun berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", dass die Wissenschaftler ihre Experimente wieder aufnehmen wollen. Ein Ende des Moratoriums soll in den nächsten Tagen verkündet werden. Und das ist gut so.

Denn tödliche Grippeviren können jederzeit auf natürlichem Weg entstehen - nicht nur im Labor. Viren sind wahre Wandlungskünstler, sie tauschen ihr Erbgut aus und erwerben so neue Fähigkeiten. Um herauszufinden, welche Gefahr von den Winzlingen ausgeht, haben Fouchier und seine Kollegen die Experimente mit H5N1-Viren durchgeführt. Das ist sinnvoll: Nur so lässt sich das Prinzip, wie ein todbringendes und sich epidemiartig verbreitendes Supervirus entstehen könnte, verstehen.

Unberechenbare Natur

Denn die Natur ist unberechenbarer als ein Biobastler im Labor. Was passiert, wenn ein solcher Erreger plötzlich auftaucht? Und niemand weiß, wie er darauf reagieren soll? Wenn es kein Gegenmittel gibt und Impfstoffe nicht ausreichend schnell zur Verfügung stehen. Wäre das nicht ein größeres Problem?

Nur wer vorbereitet ist, kann sich im Ernstfall schützen. Solche todbringenden Viren zu schaffen, ist zwar brisant, der Nutzen überwiegt aber den möglichen Schaden. Allerdings braucht es verbindliche Richtlinien, wie mit solcher Forschung umgegangen wird. Welche Wissenschaftler dürfen mit solchen Viren experimentieren? Wie sind die Sicherheitsstandards in den Laboratorien? Und sollen die Ergebnisse im Nachhinein öffentlich publiziert werden oder nur solchen Forschern zur Verfügung stehen, die an ähnlichen Projekten arbeiten?

Nicht zuletzt muss die Kommunikation angemessen sein: "Killer-Viren", die "Millionen Menschen dahinraffen" und die ein "Frankenstein im Labor" erschafft, sind falsche Begrifflichkeiten. Solche Horrorszenarien an die Wand zu malen, sorgt in erster Linie für Angst und Verunsicherung. Und sie gehen an der Wirklichkeit vorbei. Der Erreger den Fouchier und Kollegen im Labor gebastelt haben, ist zwar leicht über die Luft übertragbar, doch die Erkrankungen damit verliefen mild. Von Superkiller keine Spur.

Noch weiß zudem niemand, ob die Ergebnisse, die in den Experimenten mit Frettchen gewonnen wurden, eins zu eins auf den Menschen zu übertragen sind. Und ob ein solch todbringendes Virus sich überhaupt lange ausbreiten könnte, ist ebenfalls unklar. Denn indem es die Menschen tötet, beraubt es sich seiner eigenen Wirte - und schafft sich damit selbst schlechte Überlebenschancen. Würde eine solche Pandemie daher nicht nach einiger Zeit von selbst gestoppt? Auch dies zeigt: Weitere verantwortungsvolle Forschung ist nötig - nicht blanke Panikmache.

  Finger weg von meinem Kühlschrank

Keine Pest aus der Retorte

Keine Pest aus der Retorte

Wissenschaftler sollen Gegenmittel zu gefährlichen Krankheiten erforschen dürfen. Das ist keine Frage, aber in der Freigabe der Forschung am Turbovirus geht es um etwas fundamental anderes. Den Erreger gibt es in dieser Form noch gar nicht. Man weiß nicht einmal, ob es ihn überhaupt jemals geben würde, wenn man nicht im Labor nachhelfen würde.

Also soll die Krankheit geschaffen beziehungsweise optimiert werden, um danach ein Gegenmittel zu suchen. Eine Arznei, die man vielleicht nie gebraucht hätte, wenn nicht zuerst das Supervirus entstanden wäre. Der Zirkel ist verwirrend, doch zumindest die Reihenfolge ist klar: Zuerst kommt das Todesvirus, danach alles andere.

Sicher, der getunte Erreger der Vogelgrippe, an dem sich die aktuelle Diskussion entzündet hat, war gar kein Megakiller, sondern erwies sich als relativ harmlos. Nur: Das ist ein Zufall und muss nicht so bleiben. Es geht ums Prinzip und nicht nur um den konkreten Fall des mittels Bio-Engineering erschaffenen H5N1-Virus.

Was geschieht, wenn eine gefährlicheres Virus aus dem Labor entweicht? Die Antwort der Befürworter ist einfach: Nichts, weil dieser Fall nicht eintreten werde. So, als ob es keine Laborunfälle gäbe. Das hört sich an wie Christian Morgensterns berühmte Formulierung, "schließt er messerscharf, das nicht sein kann, was nicht darf". Ein Versprechen, das die Betreiber auch für die Atomkraft abgegeben haben, um sich gleichzeitig von der Haftung für den GAU freizumachen. Natürlich werden die Viren nicht in einer Hexenküche sondern in einem Sicherheitslabor zusammengebraut. Aber kann das Labor 100 prozentige Sicherheit garantieren? Kaum vorstellbar, dass die jeweilige Forschungseinrichtung für ein Malheur geradestehen könnte. Wie auch? Denn sollte es dazu kommen, hätte man eine Pandemie ausgelöst. Ist das Virus entsprechend potent, hätte ein Ausbruch Folgen wie die Pest im Mittelalter.

Wer schützt vor Missbrauch?

Eine militärische oder terroristische Nutzung kann bei einer Freigabe der Forschung kaum ausgeschlossen werden. Wenn normale Universitäten eine Virengiftküche unterhalten, haben die Regierungen Zugriff auf die Ergebnisse. In Holland mag das keine große Gefahr sein, aber wer will verhindern, dass die Wissenschaftler in Staaten mit zweifelhaften Regierungen sich mit Hingabe dieser Forschung widmen?

Anders als in den alten Giftküchen des Militärs sind die Sicherheitsanforderungen bei Zivilisten niedriger. Auch wenn die technischen Sicherheitsstandards eingehalten werden, sind es keine Labors, die isoliert in der Einöde liegen. Auch lebt das Uni-Personal nicht im Lager unter Beobachtung. Die neuen Frankensteine der Virenforschung wollen abends normal mit der U-Bahn von der Uni nach Hause zu ihren Familien fahren. Wie Personal und Einrichtungen vor terroristischen Angriffen geschützt werden sollen, ist ungeklärt.

Auch ist der Forscherdrang weitaus umfassender als der des Militärs. Die Armee musste einst nur eine begrenzte Anzahl von Virenstämmen verfolgen, um daraus eine Handvoll vielversprechender Waffen zu schaffen. War das geschehen, konnte das Programm eingefroren werden. Die Wissenschaft könnte eine unendliche Anzahl veränderter Viren erforschen - das ist eine andere Dimension und eine niemals endende Aufgabe. Sicher wird auch an bereits existierenden Viren geforscht und auch das ist gefährlich. Diese Arbeit ist jedoch kaum zu vermeiden, weil diese Erreger bereits in der Welt sind und bekämpft werden müssen.

Angeblich soll die Menschheit mit einem Arsenal an Superviren und Gegenmitteln besser auf das Auftauchen neuer Krankheiten vorbereitet sein. Denkbar ist das schon, sicher allerdings nicht. Ein vages Versprechen kann kaum die konkrete Gefährdung der Menschheit aufwiegen. Die Frage ist also: Geht die Freiheit des einzelnen Wissenschaftlers so weit, die Macht zu besitzen, einen Dritten Weltkrieg mit bakteriologischen Waffen zu entfachen? Oder wiegt das Recht auf Leben von Milliarden von Menschen doch mehr als der Wissensdurst einer Labormannschaft?

Und selbst wenn man diese Forschung im Prinzip erlauben wollte, bleibt die Frage, wer legt fest, welches Risiko zumutbar ist. Der einzelne Forscher und sein Institut können diese Entscheidung nicht selbstherrlich für den Rest von uns vornehmen.

Gernot Kramper und Lea Wolz

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