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"Dies könnte wirklich das Grabtuch Jesu sein"

Erstmals nach jahrelangen Konservierungsarbeiten wird nach Ostern das Turiner Grabtuch ausgestellt. stern.de sprach mit dem Direktor des Forschungszentrum über die Legende aus Leinen.

Herr Professor Barberis, was wissen wir heute mit Sicherheit über dieses geheimnisvolle Tuch?
Zunächst einmal, dass wir auf diesem Leinen das Bildnis eines Leichnams sehen und auch Spuren von Blut finden konnten. Beide müssen unterschiedlichen Ursprungs sein. Denn das Bild des Mannes ist ein Negativ, die Blutspuren aber sind positiv, um in der Fotosprache zu bleiben. Ferner sind auf dem Bild der Leiche eine Vielzahl von Elementen zu entdecken, die ganz und gar zu einem Menschen passen, der schwere Verletzungen verschiedener Art davongetragen hat. Außerdem passen diese Verwundungen perfekt zu dem, was in den Evangelien über die Folterungen und die Kreuzigung berichtet wird, die Jesus von Nazareth erlitten hat.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Nun, ich halte es aus rein historischer Sicht für gut möglich, dass dieses Tuch wirklich jenes Tuch ist, in das Jesus nach seiner Hinrichtung gelegt wurde.

Und dass es demnach sein Blut ist, das wir heute noch darauf sehen können?
Jedenfalls wissen wir, dass diese Spuren von echtem Blut stammen, von menschlichem Blut auch. Sogar die Blutgruppe kennen wir seit den 1980er Jahren: AB. Wir können auch beobachten, dass das Blut durch alle Fasern gedrungen und darum nun auch auf der Rückseite des Tuches zu sehen ist. Nicht so das Bildnis des Mannes, das nur auf einer Seite und da auch nur auf der Oberfläche der Leinenfasern zu sehen ist.

Wie tief reicht das Bild?
Nur einige Zehntel Mikrometer. Wir wissen bis heute nicht, wie es entstanden ist, obwohl es viele Experimente gibt und auch viele Theorien. Doch keinem ist es bislang gelungen, das Bild auf diesem Stoff mit allen physikalischen und chemischen Details, die wir kennen, zu reproduzieren. Alle Versuche sind gescheitert, weil irgendeine Eigenschaft fehlte oder aber falsch wiedergegeben wurde.

Nun hat vor einigen Monaten Chemie-Professor Luigi Garlaschelli aus Pavia behauptet, er habe eine perfekte Kopie des Tuches mit den Mitteln des Mittelalters geschaffen. Wie schätzen Sie das ein?
Garlaschelli hat Eisenoxid für die Rotfärbung verwendet. Auf dem Tuch aber finden wir kein Eisenoxid. Außer da, wo das Blut ist und damit auch der rote Blutfarbstoff.

Könnte es nicht abgewaschen worden sein?
Nein, nein! Denn dann würden wir es ja auch nicht mehr in den Blutflecken finden. Da aber finden wir das Eisen aus dem Hämoglobin.

Aber könnte es nicht so gewesen sein, dass ein Fälscher erst das Bild aufmalt, dann das Eisenoxid abwäscht, so dass nur noch schwache Spuren bleiben, wie wir sie heute noch sehen. Und dann nimmt der das Tuch und trägt an den zur Bibel passenden Stellen menschliches Blut auf. Ist das denkbar?
Nein, denn wir kennen die zeitliche Reihenfolge der Spuren. Erst war das Blut da, dann kam das Bild auf das Tuch.

Woher wissen Sie das?
Weil es Stellen auf dem Tuch gibt, wo Partikel des eingetrockneten Blutes im Bereich des Bildnisses abgeplatzt sind im Laufe der Jahrhunderte. Und an diesen Stellen sehen wir, dass nicht nur das Blut fehlt, sondern auch das Bild unterbrochen wurde. Also liegt dieses Abbild eines Toten über dem Blut und nicht darunter. Und noch etwas spricht gegen Garlaschellis angebliche Kopie: Die Tiefe, mit der sein Bild in die Fasern eingedrungen ist, entspricht nicht der des Turiner Grabtuchs.

Die Datierungen nach der Kohlenstoff-14-Methode, die 1988 durchgeführt wurden, ergaben eine Ursprungszeit etwa aus dem 14. Jahrhundert. Ist das nicht genug Beweis für eine Fälschung, wenn auch eine ziemlich alte?
Keineswegs. Sie müssen bedenken, dass dieses Tuch über Jahrhunderte jeder Form von Verschmutzung ausgesetzt war. Und Vergleichsuntersuchungen zeigen, wie fraglich dann eine C-14-Datierung werden kann. So können Mikroorganismen Kohlenstoff ablagern, der in die Messung mit eingeht und das Resultat verfälscht. Es reicht sogar schon, ein solches Material für längere Zeit in einer Kohlendioxid-reichen Atmosphäre zu lagern. Auch das führt zu falschen Datierungen. Die Proben wurden damals an der am wenigsten geeigneten Stelle überhaupt genommen. Aber leider wurde nur das erlaubt.

Sollte die Datierung wiederholt werden?
Ja sicher. Da das Tuch nicht homogen ist, sollten Proben von ganz unterschiedlichen Stellen genommen und verglichen werden. Nur so ist eine einigermaßen genaue Datierung möglich. Allerdings haben wir derzeit noch nicht genügend Kenntnisse über das Tuch, um die Stellen bestimmen zu können, die uns mit einiger Sicherheit eine Altersbestimmung des ursprünglichen Gewebes erlauben. Der chemische Befund muss noch deutlich verbessert werden. Und erst, wenn das erreicht ist, scheint mir eine neue Datierung auch sinnvoll und vom Ergebnis her über jeden Zweifel erhaben zu sein.

Wann wird das möglich sein?
Das ist keine leichte Aufgabe, da man das Tuch nicht ins Labor bringen kann, sondern immer ein Labor zum Tuch bringen muss. Jedenfalls haben wir bereits einen Plan beim Vatikan eingereicht und hoffen, dass schon kommendes Jahr neue Arbeiten beginnen können, wenn wir Glück haben. Länger als drei Jahre werden wir aber wohl nicht warten müssen.

Fürchten Sie, die Kirche könnte eine weitere Analyse zu verhindern versuchen?
Nein, das glaube ich nicht. Wir mussten uns in den vergangenen Jahren nur sehr darauf konzentrieren, das Tuch zu konservieren. Das war dringend erforderlich, und auch dabei haben wir schon etliche neue Einsichten gewonnen. Jetzt aber können wir unseren Blick wieder ganz auf die Erforschung richten. Doch das Grabtuch gehört dem Heiligen Stuhl. Und darum wird dort auch der Fortgang der Arbeiten entschieden.

Frank Ochmann

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