Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

"Gott existiert mit großer Wahrscheinlichkeit nicht"

Für seine provozierenden Thesen erhält Richard Dawkins Hassbriefe von radikalen Christen. Im stern-Gespräch erläutert er seine Skepsis gegenüber jeder Form der Religion.

Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden“, hat der französische Philosoph Voltaire gesagt.

Vielleicht hat er recht. Es scheint tatsächlich so, als kämen viele Menschen ohne Gott nicht aus. Die spannende Frage aber lautet, ob wir wirklich alle einen Gott brauchen. Ich glaube, nicht.

Wozu brauchen aber so viele einen Gott?

Als Erklärung für ihre Existenz, auch wenn die durch Gott natürlich nicht erklärt wird. Als Trost für Menschen, die einen anderen verloren haben und nach dem Sinn des Ganzen suchen. Als Hilfe für die Ängstlichen, als Stütze für die Einsamen. Es ist nicht ganz und gar lächerlich, sich einen Freund herbeizufantasieren, der einem hilft. Vielleicht hilft er nicht so sehr wie ein echter. Aber ein eingebildeter Freund kann besser sein als gar nichts.

Warum wehren Sie sich dann gegen das gesamte Konzept von Religion und Gottesglauben?

Dagegen habe ich überhaupt nichts. Mich interessiert etwas anderes: die Wahrheit. Ich möchte gerne wissen, was wirklich ist. Und an einen Gott zu glauben, der Trost spendet, sagt nichts darüber aus, ob er tatsächlich existiert. Gibt es Gott überhaupt, lautet meine Frage. Denn falls er nicht existiert, ist der Trost, der von ihm ausgeht, eine ziemlich leere Angelegenheit.

Mit Ihrem Buch aber, so schreiben Sie selbst, wollen Sie andere davon überzeugen, dass Gott nicht existiert.

Das war mein ursprünglicher Ehrgeiz, vielleicht war ich da ein bisschen zu kühn. Das Buch läuft hervorragend, mehr als eine Million Exemplare der englischsprachigen Ausgabe wurden binnen eines Jahres verkauft. Aber ich habe den Verdacht, dass es nicht viele bekehren wird. Menschen, die an Gott zweifeln, scheint es immerhin zu bewegen, sich zu ihren Zweifeln zu bekennen oder sogar zu ihrem Unglauben, vor allem in den USA.

Eine Art Coming-out-Erlebnis?

Ja, Leute fühlen sich dort ermutigt, ihren Atheismus öffentlich einzugestehen. Anders als in Europa, wo das Thema keine so große Bedeutung hat, obwohl Religion auch bei uns nicht ohne Einfluss ist.

Inwiefern?

Man denke nur an die Parteien, die sich mit dem Etikett „christlich“ schmücken. An die Lehren von Intelligent Design statt des Darwinismus in den Niederlanden. Oder den Streit um Abtreibung oder Stammzellenforschung, bei dem die Kirche großen Einfluss nimmt. Selbst wenn die Mehrheit der Europäer womöglich längst nicht mehr zur Kirche geht, glauben die meisten wahrscheinlich weiter an ein übernatürliches Wesen.

Wenn wir Ihr Buch richtig verstanden haben, wettern Sie auch gegen diesen diffusen Glauben und gegen das Unheil, das die Menschen in seinem Namen angerichtet haben.

Mein größtes Anliegen ist die Wahrheit. Ich will wissen, ob es Gott gibt oder nicht. Diese Frage will ich mit meinen Lesern erörtern. Weniger, was die Leute mit dem Verweis auf Religion tun, auch wenn ich in ein paar Kapiteln darauf eingehe.

Wenn man den Anfang Ihres Buches liest, klingt das nicht so milde. Dort zählen Sie auf, welche Kriege, welches Unglück über die Welt gekommen sind, für die Religion als Rechtfertigung herhalten musste.

Ich hoffe, Sie haben ein bisschen mehr als das Vorwort gelesen. Das wichtigste Kapitel ist nämlich das vierte. Es heißt „Warum es mit ziemlicher Sicherheit keinen Gott gibt“.

Wie sicher sind Sie sich denn?

Ich bin Agnostiker. Üblicherweise sind Agnostiker Leute, die eine 50 : 50-Wette über die Existenz Gottes eingehen: Kann sein, dass es ihn gibt, kann auch sein, dass es ihn nicht gibt. Das finde ich zu wenig. Auf der anderen Seite stehen die Atheisten. Atheismus in purer Form heißt: Gott gibt es mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht. Auch diese Position teile ich nicht. Ein Wissenschaftler sollte sich nie hundertprozentig sicher sein. Aber es geht um mehr als 50 : 50. Vermutlich glauben Sie ebenso wenig wie ich an die Existenz von Feen oder von unsichtbaren Wesen in rosa Uniformen. In diesem Sinne sind wir fast alle Agnostiker. Genau darum geht es auch bei der Existenz Gottes.

Und weil niemand bewiesen hat, dass es Feen oder einen Gott gibt, haben wir auch keinen Grund zu glauben, dass es sie gibt?

Richtig.

Aber es hat auch noch niemand bewiesen, dass Gott nicht existiert.

Auch richtig. Ich fälle ein Urteil über die Wahrscheinlichkeit seiner Existenz. Und die liegt unter 50 Prozent, ich glaube sogar, sie ist äußerst gering. Mir geht es dabei nicht nur um den alten Mann mit dem Vollbart, sondern um jede Form eines übernatürlichen Wesens oder Schöpfers.

Sie aber verwenden viele Seiten darauf, gegen den Gott des Alten Testaments zu wettern.

Das berührt eine andere Frage als die nach der Existenz Gottes. In jenen Kapiteln geht es um die Frage: Brauchen wir Gott, um unsere Moralvorstellungen zu entwickeln? Ganz offensichtlich benötigen wir das göttliche Monster des Alten Testaments und seine Werte dazu nicht. Schließlich sind wir nicht mehr Anhänger der Sklaverei oder der Diskriminierung von Frauen. Wir steinigen heute keine Ehebrecherinnen mehr. Unsere Moral hat offensichtlich nichts mit der Bibel zu tun.

Woher wissen wir dann, was erlaubt und was verboten ist?

Es liegt durchaus noch im Dunkeln, woher wir wissen, was wir dürfen oder auch nicht. Es scheint einen Mechanismus dafür in uns zu geben, der sich entlang einem sich verändernden Zeitgeist bewegt. Unsere Moral heute unterscheidet sich sehr von jenen Vorstellungen vor 50 oder gar vor 100 Jahren.

Welche Belege haben Sie, dass es ethisches Verhalten gegeben hat, bevor es Religionen und die Bibel gab?

Eine Reihe sehr interessanter Experimente des Biologen Marc Hauser von der Harvard University belegen das. Hauser hat dafür eine ganze Anzahl ethischer Zwickmühlen konstruiert und untersucht, wie Leute diese Probleme lösen würden. Immer wieder geht es darum, einen Menschen zu retten und einen oder mehrere andere dafür zu opfern. Im einfachsten Fall rast ein herrenloser Waggon über ein Gleis, auf dem fünf Menschen stehen. Durch das Umlegen einer Weiche lässt er sich auf ein anderes Gleis umleiten, auf dem nur ein Mensch steht. Dieses Beispiel lässt sich beliebig verkomplizieren. Was ist, wenn man den Waggon nur zum Stillstand bringt, indem man einen Stein von einer Brücke vor ihn auf die Schienen wirft, um ihn zu stoppen? Und was, wenn dieser Brocken ein übergewichtiger Mensch ist? Ganz gleich, welchen kulturellen Hintergrund die Befragten haben, ob Mitglied eines Indianerstammes im Amazonas-Regenwald oder Einwohner der USA – es entscheiden sich in den unterschiedlichsten Szenarien genauso viele für oder gegen eine bestimmte Option. Unsere Moralvorstellungen scheinen universal zu sein.

Gibt es weitere Beweise?

Wenn man sich das Verhalten von Tieren ansieht, wird man Ähnliches finden. Nach der darwinistischen Theorie der Evolution gibt es gute Gründe zu der Annahme, dass sich bei verschiedensten Arten eine Form von begrenztem Altruismus durchgesetzt hat. Unter bestimmten Bedingungen überleben Gene, die moralisches Verhalten fördern. Solche Bedingungen haben in der Frühzeit des Menschen bestanden, als unsere Vorfahren – Schimpansen oder Pavianen ähnlich – in Gruppen lebten und umherzogen und selten von einer in die andere wechselten. Sie waren mit großer Wahrscheinlichkeit von genetischen Verwandten umgeben. Begrenzter Altruismus, also rücksichtsvoll gegenüber dem anderen zu sein, bietet in dieser Situation die größte Chance, sich und seine Gene weiterzuvererben. Auf diese Weise entsteht so etwas wie eine Lust, gut zu sein, einer sexuellen Lust durchaus ähnlich.

Wenn sich für Sie das Leben und seine Wandlungen darwinistisch erklären lassen und sogar die Moral darin Platz findet, fragt man sich, weshalb aus einer darwinistischen Perspektive Religion so hartnäckig überlebt. Sie ist doch nach Ihrer Ansicht gar nicht nötig.

Guter Einwand. Religion hilft wahrscheinlich beim Überlebenskampf. Dafür gibt es ein paar medizinische Belege. Religiöse Menschen scheinen weniger stressanfällig zu sein als ungläubige. Aber das reicht mir nicht als Erklärung. Religion an sich hat keinen biologischen Vorteil, aber die Mentalität, die sich als Religiosität darstellt. Der Respekt vor Autorität; die Bereitschaft, Befehlen zu gehorchen; zu glauben, was die Eltern einem sagen – all diese Eigenschaften könnten für das Überleben eines Kindes von Vorteil sein. Sie werden im Gehirn eines Kindes auf dem Wege der natürlichen Selektion einprogrammiert.

Und Gott ist dann so etwas wie die ultimative Autorität?

So ähnlich. Oder um es weniger grandios auszudrücken: Wenn jemand oder etwas die Idee von Gott im Hirn eines Kindes verankert, dann kann dieses Hirn zwischen der Regel „Glaube deinen Eltern“ oder „Glaube an eine höhere Autorität, die Gott genannt wird“ nicht unterscheiden.

Sie schreiben an anderer Stelle in Ihrem Buch, dass unsere Bereitschaft, religiöse Gefühle zu entwickeln, auch eng mit unserer Fähigkeit zusammenhängt zu lieben.

Sich zu verlieben ist eine Art von Wahn. Denn unter all den Partnern des anderen Geschlechts mag es einen geben, der am besten zu uns passt. Aber niemals ist er hundertmal geeigneter als alle anderen. Dennoch blasen wir den Wert des einen über jedes Maß auf, wenn wir uns verlieben. Dafür gibt es aus einer darwinistischen Perspektive gute Gründe. Denn in einer monogamen Art ist es für das Überleben in der Wildnis unverzichtbar, so lange zusammenzubleiben, bis die Nachkommen unabhängig geworden sind. Dazu trägt diese verrückte Art der Liebe bei. Und womöglich nutzt Religion genau dieses Gefühl aus.

Wäre die Welt nicht ärmer, wenn es die Religion und die von ihr ausgelösten Gefühle nicht gäbe? Keine Kantaten von Bach, keine Messen von Mozart, keine Kathedralen in Köln oder Canterbury?

Da ist eine Menge dran. Ob Musik, ob Kirchenfenster oder die Sixtinische Kapelle von Michelangelo – einige der größten Kunstwerke der Menschheit wurden durch die Religion inspiriert. Aber das bedeutet erstens immer noch nicht, dass Gott existiert. Und zweitens geht die Kunst dahin, wo das Geld ist. Zu Michelangelos Zeiten war das die Kirche. Bach wurde von der Kirche als Organist bezahlt. Aber stellen Sie sich doch mal vor, Beethoven hätte statt einer Messe ein Werk über Dinosaurier geschrieben? Wer weiß, was wir statt Kirchenmusik alles bekommen hätten.

Bei Ihren Versuchen, Religion und Gottesglauben ad absurdum zu führen, bleiben auch bei Ihnen die großen Fragen: Warum leben wir? Warum sterben wir? Welchen Sinn hat unsere Existenz?

Diese Fragen haben mich ein Leben lang fasziniert und sind der Grund für meine Arbeit und meine Bücher. Darum bin ich Wissenschaftler geworden, darum habe ich Biologie studiert. Diese Fragen hat die Religion immer zu beantworten versucht. Den Versuch der Religion, ein tieferes Verständnis des Lebens zu finden, habe ich immer respektiert. Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, das ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen.

Der von Ihnen favorisierte naturwissenschaftliche Ansatz, die Welt zu verstehen, hilft Ihnen dabei aber womöglich nicht weiter. Vielleicht geht es Ihnen beim Anblick des Sternenhimmels so wie dem Biochemiker Reinhard Horowski bei der Suche nach den Botenstoffen der Angst in unserem Körper. Wenn er alle Moleküle kennt, weiß er, wie Angst entsteht, aber nicht, was Angst ist. Über die Begrenztheit seiner Forschung hat er gesagt: "Vielleicht untersuche ich ein Klavier, um herauszufinden, was eine Fuge von Bach ist."

Könnte sein, dass das richtig ist. Kann sein, dass wir die Musik des Universums nie verstehen werden. Aber wenn es der Naturwissenschaft nicht gelingt, welchen Grund gibt es anzunehmen, dass die Religion das schafft? Selbst wenn Wissenschaft für alle Ewigkeiten an Grenzen stößt, heißt das nicht, die Religion könnte sie überwinden.

Wäre die Welt besser dran, wenn sie ohne Religion auskäme?

Ja. Aber selbst wenn es nicht so wäre, könnte ich noch immer nicht glauben, dass Religion recht hat. Ganz sicher sind einige der besten Menschen auf der Welt religiös, einige der schlimmsten ebenso. Wäre die Welt ein besserer Platz, wenn es keine Gläubigen mehr gäbe? Keine Ahnung.

Interview: Hans-Hermann Klare, Peter Meroth

print
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools