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Die schmerzhafte Suche nach dem Vater

Die Medizin kann heute viel: Unfruchtbaren Paare ermöglicht sie mitunter den Wunsch nach Nachwuchs - etwa durch Samenspende. Doch wie geht es den Kindern, die so entstanden sind?

Von Nikola Sellmair

  Wer bin ich? Wer ist mein Vater? Wo sind meine Wurzeln? Fragen wie diese stellen sich viele Samenspenderkinder irgendwann einmal.

Wer bin ich? Wer ist mein Vater? Wo sind meine Wurzeln? Fragen wie diese stellen sich viele Samenspenderkinder irgendwann einmal.

Die Reproduktionsmedizin zeugt Hunderttausende Babys. Geboren werden Wunschkinder. Doch irgendwann sind sie erwachsen und stellen Fragen: Wer ist mein Vater? Wer bin ich? Zwei Kinder aus Samenspenden über ihre schmerzhafte Suche nach den eigenen Wurzeln.

Kevin, 24, Musiker, gezeugt in einer Reproduktionspraxis in Essen

"Ich fragte: Komme ich auch in den Himmel, wenn ich künstlich bin?"

"Ich habe oft in den Spiegel geschaut und versucht, mir sein Gesicht vorzustellen. Aber ich konnte es nicht. Habe ich seine Augen, seinen Mund? Ich habe als 13-jähriger erfahren, dass ich "künstlich" bin, so nannte ich es damals. Meine Eltern waren geschieden, mein Vater kam selten vorbei, darüber war ich sehr traurig. Meine Mutter dachte wohl, es hilft mir, wenn ich weiß, dass er nicht mein biologischer Vater ist.

Aber die Enthüllung hat mich damals total verstört: Ich fand es unheimlich so entstanden zu sein, ich fühlte mich gar nicht mehr als vollwertiger Mensch. Und ich hatte Angst, dass der Mann, den ich bis dahin für meinen Vater hielt, mich nicht mehr lieben würde.

Wir leben in einer Kleinstadt, Zeugungsunfähigkeit, ist dort ein Tabu, immer noch. Meinen Eltern war es unangenehm darüber zu reden. Ich wollte sie nicht verletzen, deshalb schwieg ich mit. Aber jetzt will ich nicht mehr still sein. Ich sage mir, dass ich ein Wunschkind war und mutige Eltern hatte, darauf kann ich stolz sein. Ich schreibe gerade einen Song, er heißt so wie die Praxis, in der ich gezeugt wurde.

Wie er ausgeht? Das weiß ich noch nicht. Aber ich wünsche mir, dass ich den Spender finde. Dass ich nicht für immer mit dieser Frage in den Spiegel gucken muss: "Wer ist mein Vater? Wer bin ich?"

Anja, 25, gezeugt in einer Reproduktionspraxis in München

"Ich will kein Mitleid, ich will meine Wurzeln finden"

"Der Biologische" nennen wir meinen unbekannten Erzeuger scherzhaft zu Hause. Wobei mein eigentlicher Erzeuger ja der Arzt ist - er hat mich erschaffen, nach seinen Regeln. Er hat meinen Eltern damals eingeschärft, dass sie mir nichts von der Samenspende sagen sollen. Aber irgendwann haben sie gemerkt, dass sie mir die Wahrheit nicht länger vorenthalten dürfen.

Vor drei Jahren haben sie reinen Tisch gemacht. Ich war nicht wütend oder enttäuscht, sondern erleichtert. Ich hatte immer gewusst, dass etwas nicht stimmt, dass ein Geheimnis die Familie belastet. Mehrmals habe ich gefragt, ob ich vielleicht adoptiert wurde. Mit meinem Vater hatte ich heftige Konflikte, er ist so anders als ich. Als ich dann erfuhr, dass er nicht mein richtiger Vater ist, konnte ich mehr Abstand zu ihm gewinnen.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, aus tiefgefrorenem Spendersamen entstanden zu sein. In meinem Bekanntenkreis kamen dazu auch mal Kommentare wie: "Was, das sieht man Dir aber gar nicht an!"

Ich würde so gerne die Lücke füllen und meinen leiblichen Vater finden. Deshalb habe ich den Arzt auf Herausgabe der Spenderdaten verklagt, vor ein paar Wochen war die Verhandlung. Er sagte mir dabei, dass es ihm leid tue, wenn er mir seelischen Schaden zugefügt habe. Ich will kein Mitleid von ihm, ich will meine Wurzeln! Der Arzt behauptete, er habe alle Spenderunterlagen vor langem vernichtet. Nachfragen von Anwalt und Richter ergaben nichts.

Am Ende der Verhandlung brach ich in Tränen aus - es war klar, dass die Suche nach meinem Vater erst mal beendet war. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1989 hat jeder das Recht zu erfahren, von wem er abstammt. Doch ich werde es wohl niemals wissen. Meine letzte Hoffnung ist, dass der Spender irgendwann selber auf die Suche nach mir geht. Dass er wissen will, wer seine Kinder sind.

Mehr über die Schicksale von Samenspenderkindern und die aktuellen Debatten über Samen-, Eizell- und Embryonenspende lesen Sie im neuen stern, der als E-Mag und am Kiosk erhältlich ist.

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