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Dünner, hübscher, jugendlicher

Jedes Jahr lassen mehr als 660.000 Deutsche ihren Körper mit Spritze oder Skalpell optimieren, sechsmal mehr als noch 1990. Die meisten Patienten streben nur Teilkorrekturen an.

Von Anika Geisler

Mittwochmorgen, Operationssaal Nummer eins, eine Bauchdeckenstraffung. Die Patientin liegt in tiefer Narkose und atmet gleichmäßig. Innerhalb von 90 Minuten wird Manuela Ehlers ab-, das Vermögen ihres Arztes hingegen zunehmen, und am Ende werden Doktor und Patientin zufrieden sein und sich als Gewinner fühlen. Verlierer des Tages sind 600 Gramm Bauchhaut, die Manuela Ehlers loswerden möchte und die deshalb als Sondermüll im Abfall landen.

Jürgen Tacke, Plastischer Chirurg an der Hamburger Medical-One-Klinik, hat kurz vor dem Eingriff die Problemzonen an Manuela Ehlers Bauch mit einem Spezialstift markiert. Jetzt schneidet er an den blauen Linien mit einem Skalpell in die Haut. Vom linken Beckenvorsprung entlang der Schamhaargrenze bis zum rechten Beckenvorsprung und im Oval über den Nabel zurück. Als Nächstes präpariert er Haut und Fettgewebe heraus. Danach zieht Tacke die verbliebene Bauchhaut nach unten, schneidet ein neues Loch für den Nabel hinein und näht sie auf Beckenhöhe wieder fest.

Manuela Ehlers ist eine schlanke, sportliche Frau, 29 Jahre alt. Nach der letzten Schwangerschaft hatte die zweifache Mutter zwar erfolgreich wieder abgenommen, nur ihre Bauchhaut bekam sie nicht mehr straff: Im Sitzen wellten sich die Hautfalten bis zum Schambein. Weder Fitnessübungen noch Diäten halfen. Manuela Ehlers entschied sich für das Skalpell. Und zahlte dafür 7000 Euro.

Die junge Mutter

ist nicht allein mit ihrer Sehnsucht, körperliche Mängel schnell loszuwerden. Jährlich nehmen mehr als 660 000 Deutsche ärztliche Hilfe in Anspruch, um ihr Äußeres zu optimieren - sechsmal so viele wie noch 1990. Sie wollen straffere Bäuche, schmalere Schenkel, größere Brüste. Geradere Nasen, glattere Gesichter, vollere Lippen. Und sie dürfen auf mehr Verständnis hoffen als noch vor zehn oder 20 Jahren. Eine aktuelle Forsa-Umfrage für den stern ergab: Heute haben fast 70 Prozent der Deutschen prinzipiell nichts mehr gegen die Eingriffe einzuwenden, 13 Prozent können sich vorstellen, dass sie eines Tages selbst Hand anlegen lassen - bei den Männern und Frauen unter 30 sind sogar 21 Prozent potenzielle Klienten der Schönheitschirurgen, rund jeder fünfte.

Kein Wunder, dass auch das Fernsehen das Thema entdeckt hat. Nach einer Welle von OP-Sendungen in den USA präsentieren in Deutschland ähnliche Formate Kandidaten, die sich zum Körper-Tuning unters Messer legen (siehe Seite 208). Diesseits wie jenseits des Atlantiks sind die Veränderungswünsche der TV-Patienten radikal - und für viele Kritiker befremdlich. Bei "The Swan - Endlich schön!" etwa lassen sich die Kandidaten in mehreren Etappen Beine, Brüste, Nase, Bauch und Kinn neu formen. Die US-Sendung "I Want A Famous Face" lockt ihre Kandidaten mit der Aussicht, nach einigen OP-Runden auszusehen wie Brad Pitt oder Pamela Anderson.

Auch da, wo keine Kameras laufen, gibt es überspannte Patienten, die nach Rundumerneuerung streben oder eine Nase im Promiformat kaufen wollen. Die meisten jedoch sind anders. Fragt man in Praxen und Kliniken nach, fallen drei Trends auf: Erstens gönnen sich längst nicht mehr nur Arztgattinnen und TV-Moderatorinnen eine Verschönerung, sondern auch Kellnerinnen, Krankengymnastinnen und Studenten. Sie sparen für den Eingriff, verzichten auf Urlaub oder stottern ihre Schulden beim Operateur in Raten ab. Zweitens lassen sich immer mehr Männer aufpolieren. Sie machen inzwischen 14 Prozent der Klienten aus, meist wünschen sie Haartransplantationen und Fettabsaugungen. Drittens sind heute ein Viertel der Patienten junge Frauen unter 26 Jahren. Sie wollen sich vor allem von Fettpölsterchen trennen, den Busen oder die Nase korrigieren.

Die meisten kommen

zum Schönheitschirurgen, weil sie subjektiv leiden. Stylianos Zoupas etwa, 24-jähriger Bankkaufmann, traute sich wegen seines Haarausfalls nicht mehr, auf langen Flügen zu schlafen - sonst wären die Haarsträhnen verrutscht, die er sorgfältig über seiner wachsenden Rundplatte drapiert hatte. "Wind und Regen waren mein Albtraum", sagt er, auch schwimmen, tanzen, jeder Körperkontakt war ein Problem.

Auch die heute 37-jährige Erzieherin Ute Färber× mied jahrelang Bäder und schämte sich vor dem anderen Geschlecht - weil sie fast keinen Busen hatte. Und die 43-Jährige Andrea Kötz plagte sich mit den Zeichen der Zeit. Ihre Polster an Hüften und Oberschenkeln bekam sie auch mit Diäten nicht mehr weg. "Ich habe mich vor meinem Mann im Bademantel versteckt und nicht mehr spontan rumgeknuddelt", erinnert sie sich. "Oft habe ich nur noch geheult."

Schon vor Jahrhunderten war es für viele Frauen und Männer eine Pein, wenn ihr Äußeres nicht der Norm oder dem Ideal entsprach - und früh ließen manche auch einschneidende Veränderungen vornehmen, etwa an der kaum zu verbergenden Nase. So formte der italienische Arzt Gaspare Tagliacozzi Ende des 16. Jahrhunderts Patienten, deren Nasen die Syphilis zersetzt hatte, neue Riechorgane aus Eigengewebe. Um 1910 ließen sich Iren, die nach Amerika ausgewandert waren, die Stupsnasen wegmodellieren, um nicht gleich als Iren erkannt zu werden. Hellhäutige Farbige gingen zum Arzt, um eine Nasensilhouette zu bekommen, wie sie die Weißen haben. Und Juden ließen sich ihre vermeintlich prominenten Nasen in "arische" umwandeln.

Die Entscheidungen für solche Eingriffe dürften nicht nur aus Angst vor Diskriminierung oder gar Pogromen gefallen sein. Bis etwa 1930 waren fast alle Patienten von Schönheitschirurgen Männer - die sicher auch auf bessere Chancen in Beruf und Gesellschaft hofften. Noch heute gilt es als erfolgsfördernd, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Wer gut aussieht, dem werden automatisch viele positive Eigenschaften zugeschrieben, fanden Psychologen der Universität Regensburg heraus. Betrachter hielten schöne Menschen nicht nur für klug, begabt und sympathisch, sondern auch für erfolgreich, kreativ und fleißig. Die Erscheinung spiegelt sich sogar im Gehalt wider: Eine Studie der Londoner Guildhall-Universität an 11 000 britischen 33-Jährigen zeigte, dass die eher unattraktiven Frauen elf Prozent weniger verdienen als die hübschen. Schönheitschirurgen hierzulande berichten von männlichen Kunden, die sich nach dem Eingriff mit einem Brief bedanken, weil sie befördert worden sind.

Muss die Bedeutung des Aussehens nicht ohnehin zunehmen - in einer Zeit, in der für den zweiten Blick oft keine Zeit bleibt? Die Soziologin und Geschlechterforscherin Nina Degele von der Universität Freiburg beschäftigt sich täglich mit dem menschlichen Wunsch nach Schönheit. "Wir haben dauernd so viele Kontakte mit anderen Menschen und immer weniger Gelegenheit, tiefschürfende Eindrücke voneinander zu sammeln", sagt sie. "Deshalb müssen wir innerhalb einiger Augenblicke ein Urteil fällen. Das, was hängen bleibt, ist das Aussehen." Hinzu komme, dass sich die Einstellung vieler Menschen zu ihrem Körper grundlegend gewandelt habe. "Heute heißt es: Mein Po, mein Busen oder mein Bauch gehören nicht schicksalhaft zu mir. Ich kann sie formen, sei es durch Diäten, durch Sport - oder eben durch Operationen."

Das Ideal, dem Frauen und auch Männer mit Hilfe von Chirurgen näher kommen wollen, unterliegt Wandlungen - manchmal sogar zügigen. Seitdem das großbusige brasilianische Modell Giselle Bündchen Weltruhm erlangte, werden in dem lateinamerikanischen Land vor allem Brustvergrößerungs-OPs verlangt. Anfang der 90er Jahre dagegen wurden noch sechsmal mehr Brüste verkleinert als vergrößert. Soziologen erklärten das Phänomen so: Wenn eine Brasilianerin einen großen Busen hatte, zogen ihre Landsleute den Schluss, sie habe schwarze Frauen in der Verwandtschaft. Das war und ist in Brasilien gesellschaftlich nicht sonderlich angesehen. Giselle Bündchen sorgte für die Entkoppelung der Attribute großbusig und schwarz.

In Deutschland gilt seit langem natürlich wirkende Ebenmäßigkeit als besonders erstrebenswert. Anders als in den USA, wo Chirurgen häufig Doppel-D-Busen anfertigen, bevorzugen hiesige Kundinnen etwa ein Aufpolstern von Körbchengröße A auf B oder von B auf C. "Allerdings gibt es innerhalb von Deutschland durchaus regionale Unterschiede", sagt Regina Wagner, Fachärztin für Plastische Chirurgie aus Hamburg, die während ihrer Ausbildungszeit in verschiedenen Bundesländern arbeitete. "Während es in Norddeutschland ganz dezent aussehen und deswegen etwa der Hals nur ein wenig gestrafft werden soll, wollen die Kunden in Düsseldorf oder München eher das ganze Programm, einen möglichst glatten Hals."

Auch wenn manche Kliniken mit wohlklingenden Vokabeln wie "Beautymedizin", "Komfortmedizin" und "Wohlfühlchirurgie" werben - selbst die Wege zur "natürlichen" Schönheit sind selbstverständlich unnatürlich und durchaus riskant. Solide Schätzungen über die Häufigkeit aller Arten von schönheitschirurgischen Eingriffen hierzulande gibt es nicht. Fachleute gehen aber davon aus, dass Fettabsaugungen mit jährlich 150 000 bis 250 000 Operationen am häufigsten vorgenommen werden. Bei der aktuellen Forsa-Erhebung für den stern sollten alle Befragten, die sich grundsätzlich eine Schönheits-OP für sich vorstellen konnten, angeben, welche Eingriffe sie am ehesten vornehmen lassen würden. Ganz vorn lagen bei Frauen wie Männern: die Straffung von Bauch, Po oder Oberschenkeln, das Fettabsaugen an ebenjenen "Problemzonen" und die Korrektur von Tränensäcken und Schlupflidern.

Aber gerade Straffen und Fettabsaugen

sind große Eingriffe mit entsprechenden Gefahren, ebenso wie das so genannte Po- oder Oberschenkel-Modelling - Kombinationen aus beiden Methoden. Beispiel Fettabsaugen (Liposuktion): Nach Schätzungen der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) gibt es hierzulande bei neun Prozent der Eingriffe Komplikationen. Eine Untersuchung der Universitätsklinik Bochum wies nach, dass es innerhalb von fünf Jahren in Deutschland zu 70 schwerwiegenden Zwischenfällen nach Liposuktionen kam, 19 Patienten starben.

Mit den Absaugkanülen hatten die Ärzte unter anderem Darmschlingen und Gallenblasen durchstochen, oder Patienten waren an Lungenembolien gestorben. Zudem traten schwere Infektionen, Nachblutungen oder Schocks durch Flüssigkeitsverluste auf. Einem Patienten injizierte der Operateur erst 27 Liter der Speziallösung ins Fettgewebe, danach saugte er in einer achtstündigen Tortur 24 Liter Fett ab. Die riesigen Wundflächen unter der Haut bluteten nach - der Patient überlebte dank Intensivstation und Blutkonserven. Ein US-Fachblatt errechnete für die Liposuktion sogar eine Sterbewahrscheinlichkeit von 1 zu 5000 - das wären in Deutschland jährlich bis zu 50 Todesfälle.

Auch bei scheinbar kleineren Eingriffen kann eine Menge schief gehen. Die Liste der Reklamationen geht von nicht mehr ganz schließenden Augenlidern über taube Brustwarzen bis hin zu schweren Nervenschädigungen im Gesicht. Dazu kommen die üblichen Operationsrisiken wie Schmerzen, Blutergüsse, Infektionen, unschöne Vernarbungen.

Wer mit dem Gedanken spielt, sich mit Spritze und Skalpell aufhübschen zu lassen, muss sich also darüber im Klaren sein, dass er nicht zum Friseur geht. Er sollte abwägen, ob das Risiko in einem akzeptablen Verhältnis zur erhofften physischen oder psychischen Erleichterung steht. Und sie oder er sollte sich hinreichend Zeit für die Suche nach einem vertrauenswürdigen Arzt nehmen (s. Kasten Seite 198). "Viele sind leider zu gutgläubig bei der Wahl ihres Operateurs", sagt Marcus Lehnhardt, Plastischer Chirurg und Autor der Bochumer Liposuktionsstudie, etwa über die Fettabsaugung. Polierte Türschilder und imposante Titel sagen nichts über Erfahrung und Seriosität des OP-Anbieters. "Schönheitschirurg" darf sich jeder Arzt nennen - egal, ob Allgemeinmediziner oder Augenarzt. Auch die Verwendung von Begriffen wie "ästhetische Chirurgie" oder "kosmetische Chirurgie" ist nicht reglementiert. Rein rechtlich dürfen in Deutschland Gynäkologen liften oder Nasen begradigen und Urologen einen Busen modellieren. Wirklich spezialisierte Ärzte für ästhetische Eingriffe sind "Fachärzte für plastische Chirurgie". Sie haben eine sechsjährige Zusatzausbildung hinter sich, zu der unter anderem die operative Versorgung von Verbrennungsopfern und von Patienten mit Fehlbildungen gehört. Fachärzte für Plastische Chirurgie gibt es in Deutschland etwa 370. Mit Schönheitschirurgie allerdings verdienen etwa zehnmal so viele Mediziner ihr Geld. Mancher, der Fettabsaugungen anbietet, hat das Verfahren nur im Wochenendkurs gelernt.

Dass keineswegs nur seriöse Körper-Künstler am Werk sind, zeigt auch der Fall eines Chirurgen, der im vergangenen Jahr vom Hamburger Landgericht wegen 15 verpfuschter Operationen verurteilt wurde. Er hatte beim Fettabsaugen in seiner Privatpraxis "Face Aesthetik" Dellen und Krater an Beinen, Bauch und Gesicht fabriziert und unterschiedlich große Brüste modelliert. Die Operationen mussten meist vorher bar und ohne Quittung bezahlt werden. Um dem Strafverfahren zu entgehen, versuchte der 59-Jährige dreimal, sich umzubringen. Einmal wollte er sich mit einem Schlauch, den er am Auspuffrohr befestigt hatte, in seinem Porsche vergasen. Mit dieser Konstruktion fuhr er durch Hamburg, bis er von der Polizei gestoppt wurde. Vorher hatte er vorsorglich seine eigene Todesanzeige aufgegeben.

Weil die Krankenkassen nur ganz selten für schönheitschirurgische Eingriffe zahlen, etwa für den Brustaufbau nach einer Tumorentfernung oder für eine Brustverkleinerung bei Rückenbeschwerden, lassen sich mehr und mehr Deutsche von Billigangeboten ins Ausland locken.

In Tschechien, Ungarn oder Polen

kosten die Eingriffe manchmal bis zu 70 Prozent weniger. "Sicherlich gibt es in diesen Ländern auch gute Operateure. Aber man kann von hier aus gar nicht beurteilen, bei wem man landet", sagt Marita Eisenmann-Klein, Chefärztin der Abteilung für Plastische Chirurgie am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg. "Außerdem ist ja auch die Nachsorge wichtig. Was, wenn es Komplikationen gibt und man schon wieder zurück in Deutschland ist?" Auch Albert Hofmann, Plastischer Chirurg an der Ulmer Klinik Rosengasse und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie, ist skeptisch: "Natürlich sehe ich nur die Fälle, wo es schief gegangen ist", sagt er. "Aber es vergeht keine Woche, in der ich nicht jemanden nachoperieren muss, der sich im Osten hat behandeln lassen."

Und was, wenn man am Ende tatsächlich den richtigen Arzt gefunden hat? Wenn alles gut gegangen ist, alle Schwellungen zurückgegangen, alle Blutergüsse verschwunden sind? David Sarwer von der University of Pennsylvania School of Medicine hat herausgefunden: Den größten Zuwachs an Wohlbefinden gibt es bei Frauen, die sich eine Brust vergrößern oder verkleinern ließen. Fettabsaugen oder Nasenkorrekturen vermehrten die Lebensfreude nicht ganz so stark. Und die meisten psychologischen Untersuchungen zu dem Thema kommen zu dem Ergebnis, dass 85 Prozent der Patienten drei Jahre nach dem Eingriff noch zufrieden sind. Das ist eine bessere Rate als nach dem Kauf eines neuen Autos.

Mitarbeit: Constanze Löffler

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