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König Ödipus

Er war Atheist, aber bekennender Jude. Er wollte in die Politik, entschied sich dann für die Medizin. Weise, denn mit der Erforschung der Psyche begründete Sigmund Freud eine neue Bewegung - und veränderte den Sex.

"Äußerlich ruhig, inhaltslos und mit wenigen Daten zu erledigen" - so beschreibt Sigmund Freud sein Leben wenige Jahre vor seinem Tod. Doch bei kaum einem anderen Forscher sind Persönlichkeit und Erkenntnisse so eng miteinander verflochten.

Der "Vater der Psychoanalyse", wie er immer wieder genannt wird, wurde vor 150 Jahren geboren. Sigismund Schlomo Freud kommt am 6. Mai 1856 in Freiberg (Mähren) zur Welt. Sein Vater ist Wollhändler mit wenig finanziellem Geschick. Seine Geldprobleme treiben die Familie erst nach Leipzig und später nach Wien, wo Freud bis zu seiner Flucht 1938 lebt.

Der Atheist Freud bekennt sich dennoch zu seiner jüdischen Herkunft

Er wächst zwischen dem älteren, autoritären Vater, seiner jungen und depressiven Mutter und seiner geliebten Kinderfrau auf - eine Konstellation, der heute eine wichtige Bedeutung für die Entwicklung der Psychoanalyse zugeschrieben wird.

Eigentlich will Freud in die Politik gehen, entscheidet sich jedoch für die Medizin. Schon zu Studienbeginn 1873 schlägt ihm der immer stärker werdende Antisemitismus entgegen, der ihm manche Chance nimmt. Freud bekennt sich zu seiner jüdischen Herkunft, ist jedoch überzeugter Atheist. Seine ersten Forschungen lassen noch nicht ahnen, dass er Weltruhm erlangen soll: Freud untersucht die Fortpflanzung von Aalen und das Rückenmark niederer Fischarten. Mühsam schlägt er sich mit Laborarbeit durch.

Kokain-Experimente tragen ihm Kritik ein

Ab 1876 wendet er sich der Psychologie zu. Mit Kokain, einer zu dieser Zeit noch weitgehend unerforschten Substanz, die Freud auch im Selbstversuch testet, will er den wissenschaftlichen Durchbruch schaffen. Doch der Versuch, Morphiumabhängige mit der Droge zu therapieren, bringt ihm vehementen Widerspruch und den Vorwurf ein, eine Geißel auf die Menschheit losgelassen zu haben. Dass er das Suchtpotenzial von Kokain nicht rechtzeitig erkannte, nennt er später seine "Jugendsünde".

1886 reicht das Geld nach langen Jahren endlich für die Hochzeit mit der Hamburgerin Martha Bernays, mit der er später sechs Kinder hat. Er eröffnet seine nervenärztliche Privatpraxis. Seine Arbeit bringt anfangs Misserfolge: Die üblichen Heilformen Hypnose, Heilbäder und Massagen zeigen kaum Wirkung.

Freud diagnostiziert an sich einen "Ödipus-Komplex"

Dann beginnt Freud mit der Behandlung der "Anna O.". Sie leidet an schwerster Hysterie -eine Herausforderung für den jungen A rzt: Er erkennt, dass ein detailliertes Aussprechen dazu führen kann, den Auslöser seelischer Störungen zu finden und abzuschalten. Freud macht das Sofa zum Ort der Therapie.

Nach einer Selbstanalyse beschreibt Freud 1897 in einem Brief seinen "Ödipus-Komplex": Dabei schildert er, dass er in der Kindheit in seine Mutter verliebt und auf den Vater eifersüchtig gewesen sei, was er für allgemein gültig hält. In der Unterdrückung von Sexualität erkennt Freud die Ursache vieler seelischer Störungen. Für die damalige Wissenschaft und Gesellschaft ein Skandal, zumal Freud in seinen Sitzungen zunehmend dem Sexualleben seiner Patienten auf den Grund geht.

Sammlung und Deutung eigener Träume

Zur Jahrhundertwende erscheint Freuds bedeutendes Werk "Die Traumdeutung", die Grundlage der Psychoanalyse. Hier beschreibt er, dass der Mensch von unterbewussten kindlichen Sexualphantasien angetrieben wird, die den gesellschaftlichen Normen widersprechen und dadurch seelische Konflikte verursachen. In weiten Teilen ist das Werk eine Sammlung und Deutung eigener Träume.

Freuds Psychoanalyse wird zu einer Bewegung mit immer mehr Zulauf. Er lehrt ab 1902 an der Wiener Universität und setzt seine Methode als Heilverfahren bei Neurosen ein. Am Ende des Ersten Weltkriegs verliert er sein gesamtes Vermögen, das er in Staatspapieren angelegt hatte. Einige Zeit später erkrankt er an Gaumenkrebs und muss sich mehr als 30 Operationen unterziehen.

Zunehmend ist Freud auf seine geliebte jüngste Tochter Anna angewiesen, die selbst Psychoanalytikerin wird. In seiner letzten bedeutenden Schaffensphase in den 20er Jahren entwickelt Freud sein berühmtes Modell der menschlichen Psyche. Er unterteilt sie in das "Es" (Unterbewusstsein), das "Ich" (eine Vermittlungsinstanz zwischen dem "Es" und der Außenwelt) sowie das "Über-Ich" (die moralische Instanz aus Geboten und Verboten).

Auch seine Bücher brennen, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen. Als Österreich an Nazi-Deutschland angeschlossen wird, kann der alte Mann nur dank größter Bemühungen amerikanischer Diplomaten fliehen. "Man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt", sagte Freud über seine Heimatstadt. Er zieht nach London, wo er am 23. September 1939, wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs und bis zuletzt im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte stirbt. "Kriegspanik", lautet der letzte Eintrag in seinem Tagebuch.

Matthias Armborst/AP/AP

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