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Patent-Verbot schützt Forscher vor sich selbst

Der europäische Gerichtshof hat Patente auf embryonale Stammzellen verboten. Zurecht. Das Urteil rückt die Forschung in den Fokus und schmälert die verlockende Aussicht auf ein profitables Geschäft.

Ein Kommentar von Frank Ochmann

  Wettlauf um Forschungsergebnisse: In diesem Tank werden Stammzellen eingelagert

Wettlauf um Forschungsergebnisse: In diesem Tank werden Stammzellen eingelagert

Damit nicht gleich die Falschen jubeln: Der Europäische Gerichtshof hat nur die Patentierbarkeit von embryonalen Stammzellen enorm eingeschränkt, nicht die Erforschung solcher Zellen und ihrer Anwendungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Entsprechend den jeweils geltenden nationalen Regeln wird es in der Europäischen Union also auch künftig möglich sein, embryonale Stammzellen zu erzeugen, zu untersuchen und zu nutzen. Mit einem absoluten Lebensschutz also, wie in sich zum Beispiel christliche Fundamentalisten wünschen, hat das Urteil nichts zu tun. Was aber bedeutet es dann?

Pointiert gesagt schützt dieses Urteil vor allem die Forscher vor sich selbst. Denn es nimmt zumindest aus einem Teil der laufenden Untersuchungen jenen zeitlichen Druck heraus, der sich durch die Patentierbarkeit und damit eben auch durch die Chance einer wirtschaftlichen Nutzung der Stammzellforschung ergibt. Konkurrenzdruck besteht in den Labors ohnehin. Nobelpreise und sonstige prestigeträchtige Auszeichnungen werden in aller Regel nur an die Sieger in einem Forschungswettlauf vergeben. Der Leistungsdruck aber erhöht sich noch einmal gewaltig, wenn die Aussicht besteht, mit einem neuen therapeutischen Verfahren sehr viel Geld zu verdienen. Es geht in der Tat um Riesensummen, wenn die Heilung von Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes oder neurodegenerativen Leiden am Horizont lockt.

Es besteht noch enormer Forschungsbedarf

Selbstverständlich ist das Elend, das solche Erkrankungen mit sich bringen, so immens, dass eine schnelle Heilung im Interesse aller ist. Fatal aber wäre es auf der anderen Seite, wenn die Aussicht auf Profit dazu führte, neue therapeutische Verfahren schon in die Kliniken zu pressen, bevor sie die dafür erforderliche Reife erlangt haben. Und gerade bei den Stammzellen und ihren biologischen Verwandten besteht weiter enormer Forschungsbedarf. Denn noch immer ist ihre Erzeugung und Nutzung ein Prozess mit ungeahnten und darum im Vorfeld auch unkalkulierbaren Risiken. Die Liste der Fehlversuche aus den vergangenen Jahren ist lang. Mal bilden sich tumorartige Gewebestrukturen, mal wird ein Implantat vom Immunsystem eines Empfängers abgestoßen, obwohl es genetisch exakt passen müsste.

Die weitgehende Unbeherrschbarkeit dessen, was da im biologischen Kern von Zellen manipuliert wird, gilt derzeit auch noch für "induzierte pluripotente Stammzellen" (iPSC), die nicht aus Embryonen gewonnen werden, sondern durch eine genetische "Rückprogrammierung" gewöhnlicher Körperzellen. Das gelingt zwar wie von Zauberhand und nimmt all die ethischen Sorgen von den Schultern der Forscher, die sich immer dann ergeben, wenn Embryonen getötet werden müssen, seien die auch nur Hundertzeller. Dass die ethische Last leichter wird, bedeutet aber offenbar nicht, damit sei auch der Weg zu therapeutischen Anwendungen kürzer.

Weniger Druck, mehr Zeit

Eines der zentralen Probleme bei den iPSC wie auch bei embryonalen Stammzellen ist immer noch der genetische Schaden, der bei ihrer Erzeugung und Verarbeitung offenbar unvermeidbar entsteht. Wer aber will heute mit Sicherheit sagen, dass solche Veränderungen im genetischen Programm und in seinem "epigenetischen" Aktivierungsmuster harmlos sind oder wenigstens kalkulierbar? Wer kann uns versichern, dass ein mit solchen Schäden verbundenes Risiko in einem therapeutischen Verfahren tragbar ist?

Vielleicht wird es einmal möglich sein, die Schäden im Kern der veränderten oder aus Embryonen gewonnenen Zellen erheblich zu verringern oder gar ganz zu vermeiden. Aber um das zu wissen und dann auch zu erreichen, braucht es ganz sicher noch Zeit. Viel Zeit wahrscheinlich. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes heute könnte der Forschung und uns als potenziellen Patienten genau diese dringend benötigte Zeit verschafft haben. Die verringerten Profitaussichten sollten jedenfalls Druck aus den forschenden Köpfen nehmen und so Kapazitäten für die Lösung der eigentlichen - biologischen und medizinischen - Probleme freisetzen. Davon profitieren am Ende alle.

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